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Gesellschaftsnorm gerät an eine Grenze

Von: Sigi Malinowski
Letzte Aktualisierung:
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Behörden müssen mit Geld bestochen werden: So stellen sich junge Erwachsene Auswüchse des Krieges vor. Foto: Sigi Malinowski

Herzogenrath. Die „Tagesschausprecherin“ hat es gerade verkündet. Da bricht auch schon die TV-Leitung zusammen. Das Fernsehbild „grisselt“ nur noch, die Menschen schauen sich angsterfüllt an. Es ist Krieg in Deutschland. Eine Bombe aus Frankreich ist in Baden-Württemberg eingeschlagen und hat tausende Opfer in den Tod oder gerissen oder schwer verletzt.

Auf dem unteren Flur im Bürgerhaus Merkstein kauern sich die Schauspieler des Stückes „Krieg – stell Dir vor, er wäre hier...“ gemeinsam mit dem Publikum auf dem Boden. Sie sind in Panik, sie haben Angst und rücken ganz eng aneinander. Von oben aus dem Gebäude dringt Sirenenalarm. Auch das lässt dem einen oder anderen schon Schauer über den Rücken jagen. Fluchtpläne werden eiligst geschmiedet, die nötigsten Habseligkeiten zusammengerafft, die „Katze“ in den Korb gesteckt.

Es löst Beklemmung und Bedrückung aus, wie die jungen Erwachsenen ihr „Kriegsspiel“ vortragen. Eine Woche haben die Merksteiner „Falken“ dafür geprobt. Nun sind sie mittendrin im „Kriegsschauplatz Deutschland“. Es ist eine bemerkenswerte Aufführung, denn eine Bühne gibt es nicht. Die Aufführung beginnt an der Tür des Bürgerhauses, zieht sich durch mehrere Stockwerke und endet im Obergeschoss. Unter Beteiligung aller, die gekommen sind. Dafür hat Theaterpädagogin Jessica Höhn von den Jugendlichen gebastelte Ausweise vorher verteilt.

Theaterpädagogin Höhn hat das Stück nach einem Roman gemeinsam mit den Darstellern erarbeitet. Beate Kuhn, Leiterin der Falken, Ortsverband Merkstein, sagt: „Wir haben uns zu diesem Projekt entschlossen, weil viele Jugendliche sich uns angeschlossen haben, die Flüchtlinge sind.“ Sieben junge Menschen haben sich bereiterklärt, dieses Stück zu spielen. Eine von ihnen ist Roxanna Shad. Die 15-Jährige spielt, als habe sie schon Bühnenerfahrung. Die anderen stehen ihr kaum nach. Wie beispielsweise Alicia Sickmann oder Iclal Öztürk.

Der Krieg bricht mit allen Gesetzen, er lässt die Menschen nur noch ums nackte Leben rennen, zeigt aber auch die Korruption auf, mit der behördliche Mitarbeiter ihren persönlichen Nutzen aus der Katastrophe und der Angst der Menschen ziehen.

Justin Woll, zehn Jahre alt, hat schon mal einen Film über das Thema „Krieg“ gesehen. Deshalb sagt er auch: „Ich kann mir vorstellen, dass es überall Krieg geben kann. Auch in Deutschland.“ Hat er schon mal selbst Krieg am PC gespielt? „Nein, so was mag ich nicht.“

Sergej Retich (26), selbst Mitarbeiter bei den „Falken“, ist angesichts des Theaterspiels überrascht und auch beeindruckt, „dass sich junge Menschen mit diesem sehr ernsthaften Thema auseinandersetzen“.

Das tun Darsteller und Betreuer im Nachgang dann auch. Gemeinsam mit ihrem Publikum diskutieren sie. Und vergessen vielleicht auch eine kleine Enttäuschung: Die ungewöhnliche wie auch packende Aufführung hätte ein zahlenmäßig größeres Publikum verdient gehabt . . .

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