Alsdorf - Festzüge treffen auf immer weniger Schaulustige

Festzüge treffen auf immer weniger Schaulustige

Von: Karl Stüber
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Zwei Schützenbrüder stehen am Sonntag (19.09.2010) im Reiterstadion in Vechta mit ihrer Fahne bei der Aufstellung für den Umzug bereit und warten. Tausende Schützen sind bei diesem farbenfrohen Festumzug durch die Innenstadt gezogen. Der Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften (BHDS) feierte sein Bundesfest in der Kreisstadt. Teilgenommen haben Schützen aus den Diözesen Aachen, Essen, Paderborn, Münster, Trier und Köln. Foto: Carmen Jaspersen dpa/lni +++(c) dpa - Bildfunk+++
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Sie stehen fest und unerschütterlich zu ihren Idealen: die Brudermeister (v.l.) Simon Robert, Gerd Wiechert, Robert Pelzer, Peter Reiß, Erwin Dreschers, Norbert Windmüller und Carmen D‘Antuono sowie Günter Liska, Geschäftsführer der St.-Hubertus-Bruderschaft Mariadorf. Foto: Karl Stüber

Alsdorf. Sind Schützenbruderschaften noch zeitgemäß? Können sie sich mit ihren Aktivitäten gegenüber einer ständig wachsenden Zahl von zeitlich konkurrierenden Veranstaltungen behaupten? Wie steht es um den Nachwuchs?

Sechs Brudermeister und eine Brudermeisterin – da Bruderschaften dem Vereinsrecht unterliegen, also die Vorsitzenden – sind auf Anregung unserer Zeitung zum Gespräch im Vereinsheim der St. Hubertus Bruderschaft Mariadorf zusammengekommen. Nicht jede der sieben dem Bezirksverband Alsdorf angehörenden Schützenbruderschaften veranstaltet noch den traditionellen und großen Festzug durch den Heimatort.

Carmen D‘Antuono, Brudermeisterin der gastgebenden Vereinigung, bedauert: „Wir machen keinen Festzug mehr, weil kein Interesse und keine Resonanz mehr bei der Bevölkerung bestehen.“ Das Abholen und Begleiten der Majestäten werde natürlich noch gepflegt, aber es gibt auch für andere Gemeinschaften gute Gründe, von einem großen Zug durch die Ortslage abzusehen. Erwin Dreschers, Brudermeister von St. Barbara Kellersberg, hat schon seit drei Jahren keinen Festzug mehr organisiert. „Die Kapellen sind zu teuer geworden. Das können wir nicht mehr tragen“, sagt er. „Schützenfeste kosten Geld, da verdient man nicht mehr genügend.“

Da kann sich Gerd Wiechert als Verantwortlicher für die Friedrich-Wilhelm-Vokoria-St.-Hubertus-Bruderschaft Alsdorf-Mitte nur anschließen. Im Falle seiner Gruppierung kommt verschärfend hinzu, dass deren Aktivitäten wegen des Umbaus von Burg und Remise schwer beeinträchtigt waren (siehe unten stehenden Beitrag).

Sonderfall Armbrust

Simon Roberts Bruderschaft Christus-König Alsdorf-Busch nimmt eine Sonderrolle im Bezirksverband Alsdorf ein. Während die anderen mit dem Gewehr auf den Vogel anlegen, messen sich seine Leute im Schießen mit der Armbrust. Während bei den Gewehrschützen der Nachwuchs erst mit zwölf Jahren mit dem Gewehr schießen darf, ist dies mit der Armbrust bereits ab sieben Jahren möglich. Robert hat auch keine großen Probleme, junge Leute für diesen Sport zu begeistern, wie er betont.

Norbert Windmüller, Brudermeister von St.-Hubertus-Schaufenberg und zugleich Bezirksbundesmeister des Bezirksverbandes Alsdorf, legt Wert auf die Feststellung, dass es bei den Gewehrschützen lediglich um 4,5 mm Diabolo-Geschosse geht und nicht um großkalibrige Waffen.

Aber die allgemeine Diskussion um Waffen nach diversen Amokläufen ist auch bei den traditionellen Schützen nicht spurlos vorbeigegangen. Die Akzeptanz hat allgemein eingebüßt. Erziehungsberechtigte sind skeptischer geworden, heißt es in der Runde der Vertreter der sieben Bruderschaften.

Viel hängt von der Mundpropaganda ab, geht es um Neumitglieder. Andererseits machen ganze Familien bei Bruderschaften mit.

Windmüllers Hubertus-Schützen veranstalten immer noch ihren großen Umzug durch Schaufenberg. Das ist aber auch nur deshalb finanziell zu stemmen, weil es drei Musikvereine im Ort gibt. „Wir helfen uns untereinander sehr viel“, betont Windmüller.

Peter Reiß, Brudermeister von St. Michael Begau, erzählt, dass der Generationswechsel im Ort Probleme bereitet. „Die ältere Generation stirbt weg. Und die neuen Hausbesitzer haben kein Interesse am Vereinsleben und der Bruderschaft“, bedauert er. In diesem Jahr, sagt er, habe er Probleme, Musikkapellen zu verpflichten. Bisher mache nur eine mit. Fürs Schützenfest werde noch eine zweite gesucht. Dagegen scheint Robert Pelzer, Brudermeister von St. Jakobus Warden, noch aus dem Vollen schöpfen zu können. In Warden stehe nicht so sehr der Schießsport im Mittelpunkt, sondern das Gemeinschaftsleben. So halte man bewusst die Arbeit der Jugendabteilungen durch viel Spiel und Spaß attraktiv, etwa durch Ferienlager. Und wie steht es um den Rückhalt im Leben der jeweiligen Kirchengemeinde? Schließlich lautet der Wahlspruch der Bruderschaften „Für Glaube, Sitte, Heimat“, und es werden regelmäßig Patronatsfeste gefeiert. Auch hier bröckelt teilweise der Zusammenhalt. Die Neuordnung der Kirchengemeinden zu Gemeinschaften, in denen immer weniger Pfarrer immer mehr Pfarren zu betreuen haben, fördert die Erosion, ist zu hören. Auch der Sparzwang, dem die Kirche unterliegt, wirkt sich aus, sagt zum Beispiel Brudermeister Robert.

Großes Lob gibt es unisono von den Verantwortlichen der Bruderschaften für die Frauengemeinschaften, deren Arbeit für die Gemeinschaft von außerordentlicher Bedeutung sei. Dass Bruderschaften längst keine Männerdomäne mehr sind, dafür ist Brudermeisterin Carmen D‘Antuono der beste Beweis. Ihre Mariadorfer Hubertus-Schützen wollen es noch mal mit dem Wettbewerb „Alsdorf sucht den Superverein“ versuchen, um das Schützenfest attraktiver zu gestalten.

Bezirksbundesmeister Norbert Windmüller bedauert das Freizeitverhalten jüngerer Leute. Auch früher sei man natürlich am Samstagabend ausgegangen, habe gefeiert, getanzt und auch das eine oder andere Bier getrunken. Aber nicht bis fünf Uhr morgens, um anschließend noch zu frühstücken und dann schlafen zu gehen. Nein, da habe man rechtzeitig am Sonntag an der Messe teilgenommen.

Die Fusion von Bruderschaften, um besser über die Runden kommen zu können, ist derzeit kein Thema im Bezirksverband Alsdorf. Da seien die Traditionen doch zu unterschiedlich, sagen alle. Denkbar sei hingegen, mal ein gemeinsames großes Fest anstelle vieler kleiner zu organisieren, meint einer. Das ist aber ein sehr heißes Thema, wird ihm entgegnet.

Zwischenzeitlich haben sich sechs Schützenvereine beim Frühlingsfest am Wochenende präsentiert, mit einem eindrucksvollen Umzug durch die Alsdorfer City (wir berichteten). Aber können solche Aktionen die Zukunft, ja den Bestand traditioneller Bruderschaften und Schützenvereine wirklich nachhaltig sichern? Man wird sehen...

<i>Die „Mannstärke“ der sieben Bruderschaften und das Motto

Sieben Bruderschaften gehören dem Bezirksverband Alsdorf an. Nach Angaben der Brudermeister bzw. Geschäftsführer hier die „Mannstärke“ der Bruderschaften.

St. Barbara Kellersberg: 18 aktive Schützen, 2 passive, 4 Jugendliche, rund 200 Gönner.

St. Michael Begau: 16 Aktive, 4 Jugendliche, rund 200 Gönner.

Friedrich-Wilhelm-Viktoria-St.-Hubertus Alsdorf-Mitte: 39 Aktive, 3 Jugendliche, 20 Mitglieder des Elternausschusses.

St. Hubertus Mariadorf: 30 Aktive, zwei Jugendliche, 97 Gönner.

Christus König Alsdorf-Busch: 22 aktive, acht Schüler-, sechs Jungschützen, 32 Ehrenschützen und 172 Gönner.

St. Hubertus Schaufenberg: etwa 20 Aktive, 8 Jugendliche, rund 250 Gönner.

St. Jakobus Warden: 30 aktive, 15 Schüler-, 21 Jungschützen, 325 inaktive Schützen.

Für Glaube, Sitte, Heimat: Eigentlich lautete der Wahlspruch der „Erzbruderschaft“ „Glaube, Liebe, Heimat“, ist beim Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften in einem Beitrag von Uta Kirsten Remmers (M.A.) im Internetauftritt des Erzbistums Köln nachzulesen (http://schuetzen.erzbistum-koeln.de).

„Einstehen für den Glauben“ bedeutet demnach für die Schützenbrüder, dass sie sich nach christlichen Werten richten wollen. Sie versuchten im Rahmen ihrer Möglichkeiten, soziale Unterschiede auszugleichen und unterstützten Werke christlicher Nächstenliebe. Ein „geordnetes Leben“ nach Grundsätzen der katholischen Kirche sei in den Statuten seit jeher vorgeschrieben. Das bedeute ein „möglichst vorbildliches Ehe- und Familienleben“.

Die gesellschaftliche Realität im Blick, stellen sich die Bruderschaften aber auch Herausforderungen, heißt es weiter. Die Frage, wie mit einem geschiedenen Schützenbruder umzugehen sei, führe im Verband immer wieder zu Diskussionen, stellt Autorin Remmers dar. Es gelte jedoch, den Bruder nicht wegen einer „Verfehlung“ auszustoßen. Die Gemeinschaft solle ihn auch weiterhin tragen, auch das bedeute christliche Nächstenliebe.</i>

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