Alsdorf - „Euregio Kampfsport“ ist ein Verein ganz ohne Nachwuchssorgen

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„Euregio Kampfsport“ ist ein Verein ganz ohne Nachwuchssorgen

Von: Yannick Longerich
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Sprichwörtlich aus dem Boden gestampft: Ohne bei den etablierten Taekwondovereinen der Region zu „wildern“, hat der Verein „Euregio Kampfsport“ in einem Jahr über 60 neue Mitglieder von der koreanischen Kampfsportart begeistern können.
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Stephanie Wiechert: Sie ist leidenschaftlich Kampfsportlerin im Taekwondo. Foto: Yannick Longerich

Alsdorf. Einen ungewöhnlichen Schritt hatte Stephanie Wiechert nach über 17 Jahren in ihrer Sportart gewagt. 2017 gründete die Lehramtsstudentin und leidenschaftlich Kampfsportlerin im Taekwondo zusammen mit ihrem Vater und einigen Freunden den „Euregio Kampfsport e.V.“ in Alsdorf-Mitte.

Als zunächst einzige Trainerin des neuen Vereins verzichtete die bundesweit erfolgreiche Leistungssportlerin auf unbestimmte Zeit auf eigene Wettkampfteilnahmen – die Ausbildung der jungen Taekwondo-Begeisterten und der Aufbau einer breitgefächerten Jugendabteilung war und ist ihr ein besonderes Anliegen.

Kraft und Meditation

Die koreanische Kampfsportart setzt einen deutlichen Schwerpunkt bei den Fußtechniken. Der Begriff setzt sich aus den drei Komponenten „Fuß“ (Tae), „Faust“ (Kwon) und „Weg“ (Do) zusammen, wobei letzteres die Tugenden der Disziplin, Höflichkeit und Geduld beinhaltet. Taekwondo ist eine vergleichsweise junge Kampfsportart, da sie sich erst um 1945 aus dem japanischen Karate entwickelte. Sie ist eine defensiv ausgelegte Kampfkunst und eng mit Meditation sowie innerer Ruhe verknüpft.

Begonnen hatte alles zur Jahrtausendwende, als Wiechert ihre ersten Trainingseinheiten im weißen Anzug absolvierte. „Taekwondo gehört seitdem untrennbar zu meinem Leben“, sagt sie rückblickend. Über regionale Stationen in Alsdorf und Schleiden-Gemünd in der Eifel ging es nach Mühlheim an der Ruhr. Erste große Erfolge auf Landes- und Bundesebene stellten sich umgehend ein.

Mit dem erneuten Wechsel ins niedersächsische Leveste und später zu ihrem letzten Verein (vor der eigenen Vereinsgründung), dem Redfire Kampfsportteam e.V. in Hameln, startete Wiechert für den niedersächsischen Verband bei Turnieren.

Große Erfolge

Familiär forderte diese Laufbahn viel Unterstützung. Einmal im Monat fuhren ihre Eltern abwechselnd mit ihr zu den Trainingseinheiten des niedersächsischen Landeskaders. Die typischen Techniken des Formenlaufs „Poomsae“ – eine einstudierte Kampfchoreografie, die unter anderem Turnierdisziplin ist – wurden in unzähligen Trainingsstunden auch zu Hause verfeinert. Bis heute hat Wiechert den dritten Dan im Taekwondo (Schwarzer Gürtel der dritten Stufe) und den ersten Dan im Hapkido (dem Taekwondo ähnliche Kampfsportart, die den Fokus auf Selbstverteidigung legt) abgelegt.

Als zweites Standbein hat die angehende Lehrerin einen Großhandel für Sportbekleidung gegründet. Ihren hervorragenden Ruf in der Deutschen Taekwondo Union (DTU) war von Nutzen bei der letztjährigen Vereinsgründung. Schon vorher hatte Wiechert die C- und B-Trainerlizenz erreicht. Mit Freunden und Bekannten aus anderen Sportarten wie dem Boxen konnte ein erster Vorstand auf die Beine gestellt werden. Zur allerersten Trainingseinheit erschien ein einziges Kind – mittlerweile trainiert Wiechert über 60 aktive Mitglieder zwischen 4 und 55 Jahren.

Inaktiv ist sie keineswegs geworden. Trotz ihres Ausstiegs aus dem Wettkampf trainiert Wiechert weiterhin gemeinsam mit ihren Sportlern und ihrem Vater mindestens viermal die Woche. In diesem Jahr steht für sie selbst die Prüfung zum vierten Dan auf Landesebene an. Im Gegenzug lastete die Trainingsarbeit beim heimischen Euregio Kampfsport gänzlich auf ihren Schultern. Bis in den vergangenen November leitete sie monatlich alle 30 Trainingsstunden ehrenamtlich, erst dann konnte der Verein ihr eine kleine Aufwandsentschädigung ermöglichen.

Obwohl Taekwondo gerade in der Region in zahlreichen Vereinen praktiziert wird, bauten Wiechert und Kollegen ihren Verein gänzlich ohne Abwerbungen auf. „Natürlich sind im Verlauf ein paar Sportler von anderen Vereinen zu uns gewechselt, jedoch haben wir niemanden angefragt oder gar überredet“, erläuterte Wiechert. Fast alle Sportler begannen als Neulinge mit dem weißen Gürtel. Mittlerweile haben viele bereits zwei Prüfungen bestanden und tragen den gelb-grünen Gürtel. Am 11. Juli ist die nächste „Kup-Prüfung“ angesetzt.

Falls die DTU einen Lehrgang anbieten sollte, möchte Wiechert noch in diesem Jahr den A-Trainerschein machen. Die pädagogische Komponente hält sie in dieser Sportart für besonders wichtig: „Wir bilden als Verein eine Einheit, in der jeder seine individuelle Förderung bekommt. Im Umkehrschluss ist natürlich Eigendisziplin eine wichtige Voraussetzung.“ Ein renommierter Trainerkollege wäre bei den Kampfsportlern gerne gesehen, jedoch sei der Markt in diesem Bezug sehr rar besetzt.

Für jeden interessant

Grundsätzlich gibt es laut Wiechert keine Altersgrenze um mit dem Taekwondo anzufangen. Über Plakate, Flyer und den eigenen Facebook-Auftritt wurden die Leute neugierig gemacht. Auch die Erstausstattung mit weißem Anzug und Gürtel ist wenig kostenintensiv. Schon ab 20 Euro ist ein Kampfanzug zu erstehen. „Das Verlangen war schon immer groß, meine Begeisterung für Taekwondo weiterzugeben. Es geht nicht darum, sofort alles zu können, sondern viel mehr um den Weg“, erklärt Wiechert ihre Motivation.

Es wird noch ein paar Jahre dauern, bis die ersten Sportler aus der „Schmiede“ Wiecherts in ihre Fußstapfen treten können. Es werde laut ihr jedoch nicht das Ziel sein, auf Biegen und Brechen eine Handvoll Leistungssportler heranzuziehen. Der Spaß und die Aussage dieser Sportart soll möglichst vielen Leuten ermöglicht werden.

 

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