Alsdorf - Euphorie beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs schwindet schnell

Euphorie beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs schwindet schnell

Von: -ks-
Letzte Aktualisierung:
7998910.jpg
Fotos aus dem Ersten Weltkrieg: Das Bild zeigt Kinder einer „Verwahrschule“ in Kellersberg im Jahre 1916. Ganze Schulen wurden in Zeit der Not mit Sammelaktionen eingesetzt.
7998887.jpg
Das Bild zeigt nach Angaben des Bergbaumuseumsverein Grube Anna einen Rettungstrupp der Zeche Nordstern im Jahre 1914.
8008173.jpg
Der Wahnsinn war 1918 nicht beendet: Die Gedenkstätte in Mariadorf erinnert auch an die Opfer des Zweiten Weltkriegs.

Alsdorf. Das Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914 sollte mittelbar 235 Alsdorfer Männern das Leben kosten, die als Soldaten im Ersten Weltkrieg fielen. Der gewaltsame Tod von Erzherzog Franz Ferdinand und seiner Frau in der bosnischen Hauptstadt, der die sogenannte Julikrise auslöste und in den Ersten Weltkrieg mündete, hatte aber auch gravierende Auswirkungen auf die „Heimatfront“.

Dies ist dem Buch „Alsdorf – Geschichte einer Stadt“ zu entnehmen, das Albert Kraemer – fußend auf der ersten Fassung seines Vaters Peter Kraemer – mehrfach überarbeitete und „wachsen ließ“, wie es im Vorwort der Ausgabe von 1971 heißt.

An dieser Auflage arbeitete auch Rudolf Bast mit, ehemaliger Leiter des Gymnasiums Alsdorf und eine gute Zeit Vorsitzender des Alsdorfer Geschichtsvereins. Während die Quellenlage zu den Reaktionen der Alsdorfer Bevölkerung auf die Nachricht von dem Attentat laut Bast außerordentlich dünn ist, sieht es bezüglich des Ersten Weltkriegs besser aus, beginnend mit der Mobilmachung.

„Am 1. August 1914, nachmittags 17 Uhr, war es, als Hornsignale der Polizei, die auf Fahrrädern durch die Ortsstraßen fuhr, die Mobilmachung verkündeten“, heißt es in dem Kraemer-Buch. Plakate wurden aufgehängt, auf denen Reservisten, Landwehrleute und sogar der Landsturm zu den Waffen gerufen wurde. Beim Kirchgang waren diese Plakate dicht umringt. „Mit großer vaterländischer Begeisterung durchzogen während des ganzen Tages lange Züge Alsdorfer Bürger mit wehenden Fahnen und Musik die Straßen“.

Eine für uns heute kaum verständliche Reaktion – und nur noch zu beobachten, wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft mal ein Spiel bei einem großen Turnier gewinnt ... Vor knapp 100 Jahren wurde in Alsdorf auf den Straßen mit Inbrunst gesungen, „vor allem ‚Die Macht am Rhein‘.“

Wohl der Tatsache, dass Alsdorf nicht weit von der Staatsgrenze entfernt liegt, ist geschuldet, dass „Feuerwehrposten und Alsdorfer Bürger die Ortsausgänge“ besetzten und mit Ketten und Stricken, mitunter auch mit Barrikaden sicherten. Der Verkehr wurde kontrolliert, was „bei Ausländern ... aus begreiflichen Gründen strenger ausfiel“, ist nachzulesen. Seltsamer Weise machte sich das Gerücht breit, dass Geldtransporte von Frankreich nach Russland gingen, was man verhindern wollte. „Der Landsturm besetzte schon am zweiten Kriegstage die nahen Grenzen. Teilweise in Zivil, teilweise in alter blauer Uniform, sahen wir Alsdorfer Landstürmer in Herzogenrath, Übach, Kohlscheid und Aachen-West in voller Bewaffnung den Grenzschutz ausüben.“

Der deutsche Aufmarsch im Westen beginnt. Am frühen Morgen des 4. August wird die belgische Grenze stündlich von Aachen überschritten, vermerkt der Chronist. Bald ist der Kanonendonner von Lüttich bis ins Stadtgebiet zu hören. Zeppelin-Luftschiffe bewegen sich über Alsdorfer Stadtgebiet gegen Mitternacht Richtung Belgien, kehren morgens wieder zurück.

Auf den großen Landstraßen im Nordkreis „marschierten ununterbrochen Truppen aller Waffengattungen“ Richtung Grenze. „Da die Schulen der Sommerferien wegen geschlossen waren, blieb die Jugend von morgens bis abends auf der Straße“ – natürlich begeistert.

Die Alsdorfer – wie in anderen Städten auch – versorgten die Marschierenden mit Speis und Trank – und „Alsdorf bekam Einquartierung“. Es sind Soldaten der 1. Armee. Und der erste Alsdorfer kommt ums Leben: „der Autoführer Gottfried Kalus“, wird vermerkt. Dabei hatte aber nicht etwa der Feind die Hand im Spiel: Kalus war im „Dienste des Heeres“ mit dem Wagen auf dem Weg nach Trier und wurde bei Kalterherberg am 5. August 1914 von deutschen Posten erschossen. Er hatte wohl den Anruf der Posten überhört ... Kalus wurde am 8. August „unter großer Beteiligung der Einwohnerschaft und des Kriegervereins“ zu Grabe getragen.

In Alsdorf wird ein Kriegslazarett eingerichtet. Dies befand sich von September 1914 bis Kriegsende „in dem vierklassigen Hofgebäude der Volksschule Marienstraße“. Und ganz typisch für diese Zeit: „Der Vaterländische Frauenverein für Alsdorf und Umgebung eröffnete eine Kriegsküche“ zur Versorgung der Verwundeten. Abends versammeln sich Alsdorfer regelmäßig an den Stationskreuzen und an der Mariensäule, „um Gottes Schutz für unsere Soldaten zu erflehen“.

Je länger der Krieg dauert, desto mehr muss sich auch die Bevölkerung einschränken. „Schon Mitte 1915 wurde die Blockade fühlbar. Ihre Folgen für unsere Ernährung siegen in den weiteren Kriegsjahren über das menschlich Tragbare“, wird vermerkt. Die „Bestände an Kolonialwaren“ schwinden. Reis, Mais, Öl, Fette, Wolle, Kaffee, Kakao, ausländische Gewürze, Südfrüchte verschwinden vom Markt. „Man half sich in Alsdorf, indem man tüchtig aus Holland schmuggelte.“

Aber auf Druck Englands kon-trollieren die Niederländer bald schärfer. „Rationierung“ heißt es. Die „Kriegsgetreidegesellschaft“ kauft die Ernten auf, um die Versorgung des Militärs zu sichern – und der Rest wird zu „Höchstpreisen und gleichen Rationen an die Bevölkerung“ verkauft. Pro Tag gibt es so nur noch ein halbes Pfund Brotgetreide pro Nase, wird vermerkt. Weitere Mengenangaben sind: ein Viertel Pfund Fleisch pro Kopf und Woche, alle 8 bis 14 Tage ein halbes Ei pro Person. Milch gibt es nur noch für Kleinkinder und Kranke.

„Der Anblick der Alsdorfer Geschäftshäuser in den beiden letzten Kriegsjahren war trostlos. Leere Schaufenster spiegelten die Lebensmittelarmut, ja Lebensmittelnot des Vaterlandes wider.“ Und auch die Kohle im Revier wird knapp: Am 1. August 1917 wird in Alsdorf, „dem Herzen des Wurmkohlenreviers“, eine Ortskohlenstelle für die Verteilung eingerichtet.

„Ersatzstoffe“ kommen zum Einsatz. Ganze Schulklassen sammeln Brennnesseln. Als Kaffee-Ersatz wird Tee aus getrockneten Erdbeer-, Brombeer- und Heckenrosenblättern gebraut, denn „die Herstellung von Malzkaffee aus Gerste und Korn war streng verboten“. Die Raucher paffen getrocknete Buchenblätter. Und in Kraemers Geschichte über Alsdorf heißt es weiter: „Man trug Schuhsohle aus gepresstem und geteerten Papier und Holz.“ Vor allem Kupfer und Messing wird beim Militär knapp. Die Bevölkerung muss entsprechende Dinge des täglichen Lebens wie Kessel oder Türklinken an Sammelstellen abgeben – „zuletzt sogar die große Glocke unserer Pfarrkirche“.

Auch militärisch ausgebildete Bergleute müssen einrücken, Fachkräftemängel macht sich breit. Um die Kohleförderung sicher zu stellen, werden die Einberufungen teilweise wieder rückgängig gemacht. Kriegsgefangene werden eingesetzt. „Auf den Alsdorfer Gruben arbeiteten seit Juni 1915 rund 1000 kriegsgefangene Russen.“ Lager werden eingerichtet – und Gefangene, die mit Blick auf die nahe Grenze zu fliehen versuchen, „bezahlten ihre Flucht mit dem Tode“. Am 29. November 1917 ereignet sich ein schweres Grubenunglück – wohl ausgelöst durch eine Benzollokomotive „infolge Gebrauchs schlechten Kriegsmaterials“. Es werden 58 Tote gezählt sowie 40 Verletzte. Unter den Opfern sind 18 Kriegsgefangene, 17 Russen und ein Serbe.

Am 30. November 1918 verlassen die letzten deutschen Truppen Alsdorf. Am 12. Dezember werden französische Truppen einquartiert. Die Kriegsbilanz für Alsdorf ist ernüchternd: Neben den 235 gefallenen Männern geraten 76 Alsdorfer in Kriegsgefangenschaft, aus der bis 1. Januar 1920 erst 35 zurückkehren. 1921 betreut das örtliche Wohlfahrtsamt 132 Kriegswaisen.

Der Chronist schließt mit der Anmerkung: „Was haben diese Zahlen von den Kriegsopfern der Gemeinde Alsdorf an dieser Stelle zu sagen? – Krieg ist Wahnsinn!“ Doch nur knapp zwei Jahrzehnte später begann der Zweite Weltkrieg.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert