Erinnerungen an Schulzeit in Kriegsjahren werden wach

Von: fs
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Vor der ehemaligen Knabenvolksschule in Alsdorf-Kellersberg: Hans Plum (r.) und Karl-Heinz Wagner. Foto: W. Sevenich

Alsdorf. Als die Schüler in die Knabenvolksschule in Alsdorf-Kellersberg eingeschult wurden, stand in Deutschland der Krieg „vor der Tür“. Es mussten zwei Klassenfotos gemacht werden, da der Fotograf nicht alle i-Dötze auf ein Foto bekam. Nun, mehr als 70 Jahre danach, haben Hans Plum und Karl-Heinz Wagner ihre ehemaligen Klassenkameraden nach Kellersberg eingeladen.

Der Einschulungstag war für die damalige Zeit ein historischer Tag, es war Hitlers Geburtstag. Klassenlehrer vom ersten Schuljahr bis zur Entlassung war Karl Allelein. Wenn der Lehrer morgens in die Klasse kam, wurden die Schüler nicht mit „Heil Hitler“ begrüßt, sondern mit „Morgen Jungs“, und die Schüler antworteten „Morgen Herr Lehrer“. Dies sollte Lehrer Allelein später zu spüren bekommen.

Sofort in den Luftschutzkeller

„Wir mussten gerade sitzen und durften nicht in den Bänken rumhängen“, erinnert sich Hans Plum an seine Schulzeit. Im Januar 1939 kamen neun weitere Jungen in die Klasse, da die evangelische Schule aufgelöst wurde. Während der Kriegsjahre wurden die Schüler zu Feldarbeiten bei Bauern verpflichtet. Sie mussten Rüben und Kartoffeln aufheben. Weiter wurden mit dem Lehrer Haussammlungen durchgeführt, es wurden Lumpen, Knochen, Eisen und Papier eingesammelt.

Da in dieser Klasse viel gesungen wurde, gründete Karl Allelein einen Knabenchor. In der letzten Schulstunde war stets Gesangsunterricht. In relativ kurzer Zeit verfügte die Klasse über ein großes Liederrepertoire. Bei vielen Anlässen traten die Alsdorfer Schüler auf, gaben Konzerte, sangen im Lazarett, und sogar im Kölner Dom. Ein Konzert beim Rundfunk war vorbereitet, aber aus Kriegsgründen wurde aus dem Vorhaben nichts. Der bekannte Alsdorfer Organist und Komponist Heinrich Raderschall, hat eigens für den Chor ein Lied – das Pfeifenlied – komponiert. Die original handgeschriebenen Noten befinden sich heute noch im Besitz von Hans Plum.

Karl-Heinz Wagner erinnert sich noch an Allerheiligen, 1. November 1941, der damals kein Feiertag war. „Wir waren noch in der Pause auf dem Schulhof Ostring, als 12.26 Uhr eine schwere Erschütterung, ein Rauschen und Zischen zu hören war. Wir mussten sofort in den Luftschutzkeller der Schule, aber was war geschehen?“ Im dichten Nebel flog ein deutsches Transportflugzeug gegen den höchsten der drei Schornsteine der Grube Anna I und rasierte mit der Tragfläche 15 Meter ab.

Die Steinbrocken fielen auf die Dampfleitungen (daher das Zischen) sowie in der Werkstatt im Kesselhaus, wo acht Arbeiter getötet wurden, unter anderem auch der damalige Jugendleiter der Viktoria Kellersberg Hubert Königs. Das Flugzeug landete im Sturzflug in einem Haus im Grenzweg, die Besatzung verbrannte im Flugzeug, drei Zivilisten wurden getötet. „Nach der Schulstunde sind wir dahin gelaufen.“

Schulkamerad Hans Brust hat in liebevoller Kleinarbeit eine Klassengemeinschaft aufgebaut, die bis heute noch bestens funktioniert. Als die Amerikaner die Schule besetzt hatten, wurden wichtige Schulunterlagen, auf die Müllkippe hinter der Schule geworfen. Hans Brust hat dort viele Dokumente gefunden, wie die originalen Listen der Klasse mit den Namen aller Schüler. Sogar sein eigenes Schulzeugnis war dabei. Nach dem Tod von Hans Brust im Jahre 2003 übernahm Hans Plum die Organisation der Treffen.

Immerhin noch 17 der früheren 54 Klassenkameraden folgten dem Ruf nach Kellersberg. Nachdem einige Ehemalige auf dem Kellersberger Friedhof die Grabstätten von Hans Brust und Karl Allelein besucht hatten, traf man sich in der Gaststätte Androsch zum Gedankenaustausch.

„Das Leben war für uns alle nicht einfach“, resümierte Hans Plum, der nach 75 Jahren zu diesem Wiedersehen eingeladen hatte.

Hinweis: In der ersten Fassung dieses Artikels war im Textbeginn ein falsches Datum genannt. Wir entschuldigen uns für diesen Fehler.

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