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Erinnerungen an den Fluchtversuch aus der DDR

Von: Patrick Kreitz
Letzte Aktualisierung:
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Bewegtes Leben: Eva-Maria Neumann hat ihr Buch „Sie nahmen mir nicht nur die Freiheit” auf Burg Rode vorgestellt. Foto: Patrick Kreitz

Herzogenrath. Es ist der 19. Februar 1977. Dieses Datum wird Eva-Maria Neumann wohl niemals vergessen. An diesem Tag soll sich für sie, ihren Mann Rudolf und die dreijährige Tochter Constanze alles ändern. Doch ihre Flucht aus der DDR misslingt.

Im Kofferraum eines Autos wird die Familie kurz vor der Grenze entdeckt. Es wird lange 19 Monate, sieben Tage und elf Stunden dauern, bis Eva-Maria Neumann wieder aus der Gewalt der Justiz entlassen wird. Diese Epoche ihres Lebens hat die heute 57-Jährige in dem Buch „Sie nahmen mir nicht nur die Freiheit” verarbeitet, das sie jetzt auf Burg Rode vorgestellt hat.

Waren wir kriminell?

Seit dem Freikauf ihrer Familie im Jahr 1978 durch die Bundesrepublik lebt die Geigenmusikerin in Aachen. Im Buch schildert sie in aller Deutlichkeit, „wie menschenunwürdig man jenseits des eisernen Vorhangs mit so genannten politischen Gefangenen zu verfahren pflegte”.

„Ich war erstaunt, wie kriminell und gefährlich wir gewesen sein sollen”, kommentierte Neumann in Herzogenrath das Plädoyer des Staatsanwaltes, das zu einer Verurteilung von über drei Jahren Haft führte. Davon musste sie zum Glück dank der Intervention der Bundesrepublik weniger als die Hälfte ableisten. Doch die Zeit im Frauengefängnis Hoheneck im Erzgebirge habe genügt, um sie in ihrer Würde zu brechen. „Ich will nicht anklagen, ich möchte erinnern”, nannte sie den Grundgedanken ihres schriftstellerischen Schaffens. Sie höre oft die Frage, ob zum Thema DDR nicht bereits genug gesagt sei, ob man darüber noch weiter reden müsse? Schweigen will Neumann keineswegs, die das Erstarken der Linkspartei „kritisch beäugt” und sich über allgemeines Desinteresse und Phänomene wie die „Ostalgie”-Welle wundert. „Manchmal habe ich das Gefühl, man redet von zwei verschiedenen Staaten - von einer Diktatur und von einem sozialistischen Paradies.”

Besorgt zeigte sie sich über Studien, nach denen gerade junge Menschen kaum etwas von der DDR wissen. „Je weniger sie wissen, desto positiver bewerten Jugendliche die zweite deutsche Diktatur.” Für ihre Tochter, die während der Haft der Eltern bei ihren Großeltern lebte, habe sich der Schritt gelohnt. Sie konnte im Ausland studieren und viele Reisen unternehmen. Eva-Maria Neumann habe hingegen ihre Heimat mehr oder weniger verloren. „Ich hatte oft Heimweh und fahre immer wieder mal nach Leipzig. Aber dort wohnen könnte ich nicht.” Dafür lebten dort - noch dazu vielerorts in leitenden Positionen - zu viele Menschen, um deren Stasi-Vergangenheit sie wisse.

Angeregte Diskussion

Ihrem Vortrag folgte in Roda eine lange, angeregte Diskussion mit dem Publikum, das zahlreiche Fragen nach den Haftbedingungen, den Menschen und vor allem Neumanns Ansichten aus der Distanz von nunmehr dreißig Jahren stellte. Diese beantwortete die Autorin geduldig und war erfreut über das Interesse. „Schicksale wie das meine gab es zu Tausenden und es gab sicher noch viele, viele Menschen, denen weitaus Schlimmeres widerfahren ist.” Auch an die will sie erinnern. „Ich habe mein Buch auch geschrieben, damit wir nicht eines Tages wieder Rattenfängern in die Arme laufen.”
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