Alsdorf - Erinnerungen an den Contergan-Prozess

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Erinnerungen an den Contergan-Prozess

Von: Stefan Schaum
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Damals Ankläger, heute Zeitzeuge: 50 Jahre nach dem Conterganprozess erinnerte sich der damalige Staatsanwalt Dr. Hans Helmut Günter an die aufreibenden Verhandlungstage. Foto: Stefan Schaum

Alsdorf. Die Erinnerungen sind noch immer sehr lebendig, auch nach gut 50 Jahren. Schön sind sie allerdings nicht, ganz im Gegenteil. „An jedem einzelnen der 283 Hauptverhandlungstage herrschte im Saal eine beinahe unerträgliche, durch und durch aggressive Atmosphäre.“

Vor zahlreichen Zuhörern hat Dr. Hans Helmut Günter im Alsdorfer Rathaus auf den Conterganprozess zurückgeblickt, den er als junger Staatsanwalt begleitet hat. Am 27. Mai 1968 hatte der Prozess unweit dieser Stelle begonnen. Im damaligen Alsdorfer Casino.

Auf Einladung des Alsdorfer Geschichtsvereins war der 83-Jährige zu Gast. „Für Alsdorf wird dieser Prozess immer eine besondere Note haben, denn neben dem großen Grubenunglück von 1930 war er ein Ereignis, das die Stadt bundesweit in die Schlagzeilen brachte“, sagte der Geschichtsvereinsvorsitzende Franz Josef Müller in seiner Begrüßung. Der Name der Stadt wurde für viele der Prozessbeteiligten sogar zum Synonym.

„Wir haben untereinander immer nur vom ‚Alsdorf-Prozess‘ gesprochen“, erinnerte sich Dr. Hans Helmut Günter. Dabei hatte der Prozess gegen anfänglich neun Verantwortliche der Firma Grünenthal seinerzeit nur deshalb nicht in Aachen stattgefunden, weil es dort schlicht keinen geeigneten Raum gab, der groß genug gewesen wäre. In Alsdorf war der Andrang nur zu Beginn groß, wie Günter ausführte.

„An den ersten drei, vier Verhandlungstagen gab es eine erhebliche Zahl von Zuschauern. Auch viele Eltern mit geschädigten Kindern nahmen im Gerichtssaal Platz. Aber das Interesse nahm dann ziemlich schnell stark ab. Die ganze Stimmung im Saal war alles andere als einladend, zudem fanden meist Fachgespräche statt, die nicht übermäßig verständlich waren – ich will mich da noch vorsichtig ausdrücken.“

Nachweis seinerzeit unmöglich

Den Nachweis dafür zu erbringen, dass der in Contergan enthaltene Wirkstoff Thalidomid vor allem bei älteren Patienten dauerhafte Schädigungen der Nerven verursacht und zu Fehlbildungen bei Embryonen im Mutterleib führt, „war seinerzeit schlechterdings kaum möglich“, sagte Dr. Hans Helmut Günter in seinem Vortrag, zu dem er auch seine Original-Prozessakten mitgebracht hatte, in die er Einblicke gewährte.

Ohne intensive Langzeitstudien, die damals noch nicht verpflichtend gewesen seien, habe der Hersteller das Medikament zur Behandlungen von Schlafstörungen auf den Markt gebracht und es – im Gegensatz zu manch anderen Schlafmitteln jener Zeit, die auch zum Suizid verwendet wurden – als „atoxisch“, also ungiftig, beworben.

Wenngleich der Prozess nach zweieinhalb zähen, von Verleumdungen und Vorwürfen geprägten Jahren eingestellt wurde – der Hersteller Grünenthal zahltes chließlich 100 Millionen D-Mark in eine Stiftung – habe er einiges bewirkt, so Günter.

„Dass klinisch-pharmakologische Prüfungen von Medikamenten heutzutage ganz anders ablaufen, ist auch ein Resultat des Contergan-Prozesses!“ Solch eine Atmosphäre wie im Casino habe er indes in den folgenden Jahrzehnten, in denen er als Oberstaatsanwalt in Aachen und Köln tätig war, nie wieder erlebt. „So schlimm wie sich viele Schilderungen von damals anhören, so schlimm war das Ganze auch!“

Nach dem gut einstündigen Vortrag stand der Gast gerne bereit, Fragen aus dem Publikum zu beantworten. Für den Alsdorfer Geschichtsverein könnte der Besuch noch ein weiteres „Nachspiel“ haben. Denn Eberhard Malecha, der das Archiv des Geschichtsvereins betreut, hatte Dr. Hans Helmut Günter vor Beginn der Veranstaltung einen Blick in zahlreiche Dokumente und Artikel rund um den damaligen Prozess gewährt, die im Archiv zu finden sind.

Der Gast stellte daraufhin in Aussicht, dem Archiv auch seine eigenen Unterlagen aus jener Zeit zu überlassen. „Damit könnten wir seine Person als Ankläger in ganz besonderer Weise würdigen“, sagte Malecha am Rande der Veranstaltung.

 

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