Erinnern und Mahnen dürfen niemals aufhören

Von: Conny Stenzel-Zenner
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Chronik des Terrors, aufbereitet von Schülern: hier die 10c der Realschule Würselen. Foto: C. Stenzel-Zenner
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Hat Überlebenden eine Stimme gegeben: Regisseurin Loretta Walz war in Würselen zu Gast.

Würselen. „Warum? Ich frage mich: Warum? Nur für Gutmütigkeit. Weil ich auf Arbeit einer Russin Brot gegeben habe und was zum Anziehen.“ Deshalb kam diese Frau 1939 ins Konzentrationslager. Heute ist sie weit über 80 Jahre alt, damals war sie 20. Sie war eine von 132.000 Frauen, die zwischen 1939 und 1945 im größten Frauen-KZ in Ravensbrück inhaftiert waren, 100 Kilometer nördlich von Berlin.

Für ihren Film „Die Frauen von Ravensbrück“ hat Loretta Walz, engagierte Regisseurin, Autorin, Filmproduzentin und Dozentin für Filmproduktion und Mediengestaltung an der Uni Luxemburg, im Jahr 2005 den Grimme-Preis bekommen.

Morgen vor 68 Jahren haben amerikanische Soldaten das KZ Auschwitz-Birkenau befreit. Auch für die Schüler der Realschule und des Gymnasiums in Würselen ist dieser Gedenktag Anlass, an die Verbrechen der Nationalsozialisten zu erinnern, damit sie nicht in Vergessen geraten. Damit sie sich niemals mehr wiederholen.

Loretta Walz, hat 25 Jahre lang Videoporträts von ehemals inhaftierten Frauen aus 15 Ländern aufgenommen. Das Ergebnis ist ein Dokumentarfilm, der betroffen macht. Der unter die Haut geht. Der ein authentisches Bild zeichnet von der „Hölle der Frauen“, wie Ravensbrück auch genannt wurde.

Der Arbeitskreis „Kein Vergessen“, das Frauenplenum, die Gleichstellungsstelle und der Integrationsrat als Initiatoren des Erinnerungsprojekts zeigten den Film im Alten Rathaus. Und ernteten Erschütterung. „Da haben Frauen zehn Stunden lang Sand geschippt. Total sinnlos. Nur, damit sie nicht aufständisch waren“, sagt Chari Reinhard (14). Gänsehaut bereitet der Schülerin, „dass die Frauen bis zu zehn Stunden zum Zähl-Appell antreten mussten. Jeden Tag. Immer wieder.“

Die Frauen im Film schildern auch, wie sie ankamen: „Mit Peitschen wurden die Frauen aus dem Zug gejagt, bissige Hunde kamen, um die Neuen in Lkw zu pferchen“, erzählt Verena Steins (15). Die Neulinge mussten sich nackt ausziehen, bekamen die Haare geschoren. „Da war das Gefühl, jetzt sind wir wie Schafe“, sagt eine Zeitzeugin. Unglaubliche Schrecken kommen zu Tage.

Die ehemalige Inhaftierte Julia Zeh hatte Regisseurin Loretta Walz 1979 in Stuttgart kennengelernt und gab letztlich den Anstoß für die Dokumentation. „Als junge, beflügelte Filmemacherin dachte ich, dass ich mit ganz vielen Frauen sprechen muss. Bis zu 40.000 lebten dort gleichzeitig. Keine hätte das Lager ganz beschreiben können. Jede hatte nur ihren eigenen Einblick. Deshalb musste ich mit so vielen sprechen“, sagt Loretta Walz. 40.000 – in zwei Betten schliefen bis zu fünf Frauen. Drei Betten übereinander. Viele starben, blieben liegen, wurden kalt.

40.000 – das ist ungefähr die Einwohnerzahl von Würselen. Von Ende Januar bis April 1945 starben besonders viele, an Hunger, Krankheiten, durch medizinische Experimente. Weit über 5000 Frauen wurden vergast. Im Film erzählen Frauen, wie sie operiert wurden. Als sie aufwachten, hatten sie so starke Schmerzen, dass sie kollabierten. Bewusst hatte man ihnen Wunden an den Beinen zugefügt, Dreck hineingerieben und alles für Wochen eingegipst.

So wurden Verletzungen der Soldaten an der Front nachgestellt. Oder es wurden Knochen aus dem Unterschenkel wegoperiert. Kinder wurden sterilisiert. „Die haben geschrien“, berichten die Schüler der Realschule voller Entsetzen. „Solch ein Film sollte für alle im Lehrplan stehen. Würden Rechtsradikale den sehen, bevor sie ihre politische Richtung festlegen, würden sie vielleicht einen anderen Weg einschlagen“, sagt Alexander (16).

Loretta Walz‘ Film ist sachlich. Die Menschen stehen im Mittelpunkt, ihre Gesichter, ihre Gebärden. Ihre Schilderungen lassen den Atem stocken. In der Begründung für den Grimme-Preis heißt es: „Dieser Film liefert nicht nur jenen Zuschauern viele Informationen und nachhaltige Eindrücke, die nicht viel über Ravensbrück wissen, sondern auch jenen, die denken, über den faschistischen Terror in den Konzentrationslagern schon alles gehört und gesehen zu haben.“

So erzählt eine Frau im Film: „Es kam eine Ratte in mein Bett. Ich habe sie weggeschlagen und dann gegessen.“ Unvorstellbar war der Hunger. Die Schüler in Würselen haben begriffen, welche Willkür in totalitären Regimen herrscht. Wo man wegen Mitgefühl aufgrund von Denunziation in der Hölle landen kann.

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