Alsdorf - Elektronische Babys: „Ich war nach fünf Minuten überfordert“

Elektronische Babys: „Ich war nach fünf Minuten überfordert“

Von: Holger Bubel
Letzte Aktualisierung:
7163318.jpg
Erleichterung und ein bisschen Traurigkeit: Zum Ende des Projekts haben die Schüler viel über den Umgang mit Säuglingen gelernt. Aber auch, wo die eigenen Grenzen sind und welchen Verzicht die Verantwortung für ein Kind mit sich bringt. Fotos (3): Holger Bubel Foto: Holger Bubel
7163359.jpg
So nicht: Sabine Hermanns demonstriert, welche Folgen starkes Schütteln für das Gehirn eines Babys hat

Alsdorf. Erleichtert waren sie, und auch ein bisschen traurig. Vier Tage und vor allem Nächte lang hatten 22 Neuntklässler der Gustav-Heinemann-Gesamtschule in Alsdorf sich gekümmert um ihre kleinen, fast lebensechten Babys. Und sie dabei natürlich auch liebgewonnen.

Gerade einmal selbst erst dem Kindesalter entsprungen, mussten die Mädchen und zwei Jungs eine Aufgabe übernehmen, mit der mancher Erwachsene auch überfordert ist: Verantwortung tragen für ein Baby, rund um die Uhr und ohne Hilfe von der eigenen Mama, oder dem Papa. Die elektronischen Ausgaben der kleinen Schreihälse waren mit allem ausgestattet, was auch einen echten Säugling zur Herausforderung macht: Brüllen bei Hunger, voller Windel, Bauchgrummeln, Übermüdung oder Langeweile.

Das mussten die jungen Eltern auf Zeit erkennen und entsprechend handeln – auch nachts. Ein in den Babys integrierter Chip zeichnete das auf und verriet, ob sie ihre Sache gut oder weniger gut gemacht hatten. Einhellig die Meinung der Schüler: „Die erste Nacht war die Hölle!“

„In der ersten Nacht hatte ich das Gefühl, das Baby hört überhaupt nicht mehr auf zu schreien“, erzählt Schülerin Laura Mioska. Da habe sie überhaupt kein Auge zugemacht. Und so ging es den meisten 15- bis 17-jährigen Teilnehmern des Schulprojekts „Vor dem Anfang starten, junge Menschen lernen Erziehungskompetenzen“, das vom Jugendamt der Stadt Alsdorf finanziell getragen und vom Sozialdienst katholischer Frauen in Person von Sabine Hermanns begleitet wird.

„Auch wenn das echt süß war, wenn die Babys im Schlaf so ein bisschen schnarchen, aber wenn sie dann losschreien, das stresst“, hat auch „Papa“ Elkan Erdül erfahren müssen. Und nicht nur nachts plärrten die Kleinen los – Gründe zum Motzen gibt es schließlich viele, wenn es mit dem Sprechen noch nicht funktioniert. Im Bus, im Kaufhaus, in der Schule – Babys haben keinen Vertrag mit Immissionswerten. „Manch Erwachsener hat dann amüsiert geguckt, andere meinten, wir sollen doch das Kind abstellen“, erinnert sich Havvanar Bectas.

Ständige Verfügbarkeit stresst

Edif Baalla hatte sich mit Klassenkameradin Tamara Brüchner ein Baby „geteilt“. Tamara hatte anfangs besonders große Schwierigkeiten mit dem kleinen Pflegekind. „Wie kommen Alleinerziehende damit klar?“, fragt sie sich. „Man muss ja ständig verfügbar sein, ob man duscht oder auf die Toilette geht.“ Als Tochter einer Alleinerziehenden zollt sie ihrer Mutter jetzt besonderen Respekt. Solchen vermisste sie bei einigen Mitschülern während des Projekts. Da gab es auch „doofe Reaktionen“. Auch was die Hautfarbe ihres kleinen elektronischen Schützlings betraf: „Es gab rassistische Äußerungen“, musste sie feststellen.

Und sogar Schläge auf den Puppenkopf, so dass Tamara bereits vermutet hatte, „das Kleine sei tot“. Eine schlimme Erfahrung. „Aber auch daraus lernen die Schüler etwas. Die Förderung von Toleranz ist mehr als ein netter Nebeneffekt dieses Projekts“, sagt Pädagogik-Lehrer und Begleiter der Teilnehmer, Ralf Bauckhage (s. Nachgefragt).

So drastisch wie in Tamaras Fall war es aber nicht immer. Auch lustige Erfahrungen machten die Jugendlichen. Etwa mit der Frau, die mit dem Wagen stoppte, um eine Schülerin zu belehren, dass ihr Baby ja wohl kaum angemessen bekleidet sei bei diesen kalten Temperaturen. Oder Elkans Mutter, die ihn ermahnte leise zu sein, weil das Baby gerade eingeschlafen sei... Überhaupt, so stellten die Jugendlichen fest, mit den Eltern sei man häufig über die Babys ins Gespräch gekommen: „Klar, wir hatten es schon leichter mit einem Technik-Baby als die mit uns, aber über manches konnte man sich gut austauschen“, sagt Sarah Elen.

„Szenen einer Ehe“

„Szenen einer Ehe“ gab es auch noch ganz nebenbei: Marvin Schrimpf, der zweite Junge im Projekt, hatte gemeinsam mit einer Mitschülerin ein Baby. Nach dem „ersten Streit“, wie das Kleine heißen sollte, hat er schnell erkannt: „Ich war nach fünf Minuten überfordert und habe gesehen, wie schrecklich es ist, ein Baby zu haben.“ Außerhalb der Schule durfte sich deshalb auch die „Mutter“ gerne ums Baby kümmern.

Übrigens: Überlebt haben alle 17 kleinen elektronischen Babys die Pflege und Hege ihrer Schüler-Mamis und -Papis. „Mit richtig guten Ergebnissen“, wie Sabine Hermanns bestätigt. Der Nachwuchs kann also kommen. Aber erst in ein paar Jahren!

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert