Ein Gebet für die ermordete Großmutter

Von: Beatrix Oprée
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Spuren gefunden: Sophie Sequei
Spuren gefunden: Sophie Sequeira erläutert (v.l.) Dr. George Goldsteen, Rachel und Aryeh Herz ihre bisherigen Erkenntnisse über das Schicksal der Familie Goldsteen. Foto: Beatrix Oprée

Herzogenrath. Es sei ein deutscher Offizier gewesen, so erinnert sich Rachel Herz, der ihrer Mutter - der Vater war von den Nazis 1942 verhaftet worden - einst dringend anriet, den per schriftlicher Aufforderung für sie und ihre Tochter avisierten Zug nicht zu besteigen ... „Das ist der Grund, warum ich lebe”, ist sie bis heute überzeugt: „Diese Beispiele gab es auch.”

Dennoch: In Deutschland hat Rachel Herz nicht leben wollen nach dem unbeschreiblichen Terror der Nationalsozialisten, der Shoa, der sechs Millionen Juden zum Opfer fielen. Gebürtig in Geleen emigrierte sie mit ihrem Mann Aryeh zunächst nach Israel und lebt heute wieder in den Niederlanden. Jetzt war sie auf Spurensuche in Herzogenrath, zusammen mit ihrem Cousin Dr. George Goldsteen, der heute in Tasmanien lebt. 1983 war er wegen aufkeimendem Antisemitismus von den Niederlanden zunächst nach Kanada ausgewandert, wo sein Onkel Carl lebte, der den Terror von Ärzten und Schwestern versteckt in einem Sanatorium in Nijmegen überstanden hatte.

In Kohlscheid hatte das Stoff- und Hutgeschäft der gemeinsamen Großeltern gestanden, heute erinnert ein vom Herzogenrather Arbeitskreis „Wege gegen das Vergessen” verlegter Stolperstein vor dem Haus Südstraße 46 daran.

George Goldsteen war es, der vor Jahren seinen Familiennamen googelte und so auf die Homepage des AK stieß, auf der unter anderem nach dem Schicksal seiner Großeltern und seines Vaters geforscht wurde. Sofort nahm er Kontakt auf, über den Briefwechsel mit Dr. Bernd Fasel vom AK haben wir damals berichtet. Die Emotionen hätten ihn gepackt, als er den Artikel seinerzeit las, schrieb er, überwältigt, Teile der Geschichte seiner Familie in einer deutschen Zeitung lesen zu können. So hat der Herzogenrather Arbeitskreis „Wege gegen das Vergessen”, entscheidenden Anteil daran, dass sich sein aktuelles Deutschlandbild zum Positiven wandelte.

Deutsche Produkte gemieden

„Ich habe nie deutsche Produkte gekauft, mit Deutschland wollte ich nichts mehr zu tun haben”, erzählte George Goldsteen denn auch im Gespräch mit Bürgermeister Christoph von den Driesch beim Besuch im Rathaus von seinen Gefühlen. Zu viele Leben in seiner Familie waren durch Deutsche ausgelöscht worden. „Wenn mein Onkel Carl mir nicht so viel erzählt hätte, wüsste ich heute kaum etwas über meine Familie.”

Etwa auch nichts über den Verbleib seines Vaters Alfred, der in Scheveningen von niederländischen Beamten im Zug mit einem falschen Ausweis erwischt und verhaftet worden war. Sechs Wochen hatte er im Gefängnis „Oranje Hotel” gesessen, bevor er ins Judendurchgangslager Westerbork gebracht wurde. „Sie haben offenbar erst gar nicht gewusst, dass er Jude war”, mutmaßt George Goldsteen. „Sonst wäre er doch direkt ins Lager gekommen.” In Westerbork kam er in die Strafbaracke, in der auch Anne Frank interniert war. Briefe hat er an seine Frau, eine Nichtjüdin, geschickt, voller Zuversicht auf ein Wiedersehen. Doch dann wurde er - ebenso wie Anne Frank - im September 1944 mit dem letzten Zug nach Auschwitz deportiert, von wo er bei dessen Evakuierung noch im Januar 1945 nach Mauthausen ins Nebenlager Gusen gebracht wurde. Hier wurde er am 10. April 1945 ermordet.

„Für alle Juden”

Die Trauer über alle die, die nicht wiederkommen konnten, ist tief, auch an diesem Nachmittag, als George Goldsteen, Rachel und Aryeh Herz schießlich nach jüdischer Tradition Steine auf dem Mahnmal vor dem Rathaus niederlegen und Gebete in hebräischer und englischer Sprache sprechen. Der Bürgermeister und Bernd Krott für den AK legen Blumen nieder, weiße Rosen und Lilien für die einst durch die Nazis vertriebenen Mitbürger. Nun sind sie wieder in die Mitte der Stadt zurückgekehrt.

„Es ist wichtig, was Sie tun”, zollen die Überlebenden den Mitgliedern des Arbeitskreises Dank und Anerkennung für deren unermüdliche Forschungsarbeit, die gleichermaßen dem Gedenken dient wie der steten Mahnung, dass sich solche Auswüchse der Unmenschlichkeit niemals wiederholen dürfen. Aber auch der Aussöhnung: „Das ist gut, nicht nur für uns, sondern für alle Juden”, sagt Rachel Herz.
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