Die Vermächtnisse des Bergbaus bewahren

Von: Elisa Zander
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Beste Erinnerungen: Dieter Hol
Beste Erinnerungen: Dieter Holhorst, Dieter Macko und Werner Sprenker (v.l.) unterstützen den Ausstellungsaufbau. Foto: Elisa Zander

Alsdorf. Es war Pausenzeit. Mit den Kumpel war Werner Sprenker dabei, auf Gouley in Würselen unter Tage einen Blindschacht von der 500-Meter-Sohle aus aufzubrechen. 1948 war das. Und als der damalige Bergschüler in seine Jacke griff, war sein Butterbrot weg. Ratten hatten es ihm aus der Tasche gefressen.

Wenn der 87-jährige heute davon erzählt, beendet er die Anekdote damit, dass er gemeinsam mit Dieter Holhorst ein Stück Brot in einen Förderwagen legte, der zu dieser Zeit geschweißt und nicht genietet war, um einen Teil der unzähligen Ratten zu fangen und sich ihnen anschließend, durch eine gezielte Fuhre Steinschutt zu entledigen.

Später hängte man die Jacken einfach so hoch, dass die Tiere nicht mehr daran kamen. Werner Sprenker hat gerne beim Eschweiler Bergwerksverein (EBV) gearbeitet, genau so wie Dieter Holhorst, Fritz Ebbert und Dieter Macko. Heute schwelgen sie gemeinsam in Erinnerungen, erzählen sich Anekdoten und führen Dr. Birte Hauser und Harald Richter in die vielen wissenswerten Hintergründe der Bergwerksarbeit ein.

Die selbstständig tätige Kuratorin und der Geschäftsführer der Energeticon gGmbH erarbeiten gemeinsam mit den vier Männern Details für die Ausstellung des Energeticon. Die Grundanordnung der Dauerausstellung steht; sie umfasst im Wesentlichen das einst fossil-industrielle Fortschrittsmodell - gekennzeichnet durch Stein-, Braunkohle, Öl und Gas - und das regenerative Fortschrittsmodell (Sonne und daraus abgeleitete Energieformen wie Wind, Strömungswasser, Wärme).

Was Richter und Hauser nun insbesondere brauchen, ist das Wissen derer, die in den Gruben in und um Alsdorf gearbeitet haben, sich auskennen. Sie erstellen Texte für die bereits ausgewählten Exponate. Besprechen das weitere Vorgehen. Und die Enzelheiten des Rundgangs. Die vier Männer kennen sich untereinander. Alle sind seit der Gründung 1986 Mitglieder des Bergbaumuseumsvereins Grube Anna.

Holhorst und Sprenker lernten sich auf Gouley kennen, sahen sich dann erst am 18. Dezember 1992 wieder - bei der Stilllegung der Grube Mayrisch. Mit dem Ende der Grube Anna wurde Dieter Holhorst als einer der Ältesten mit 67 pensioniert. Er gründete einen Arbeitskreis, der sich aus sechs bis sieben Fachleuten zusammensetzte, mit der Aufgabe, die „zum Teil uralten Schächte aufzusuchen und zu sichern”, erklärt der heute 83-Jährige.

65 Schächte haben sie auf diese Weise in zehn Jahren noch untersucht, und so Unglücke wie Einbrüche, etwa von Kühen, wie sie zuvor passiert waren, verhindert. Zwei Datenbanken sind in dem Zusammenhang erstellt worden: Zum einen über alte Schächte - davon gibt es etwa 800 in der Region - und zum anderen technische Zeichnungen, sogenannte bergbauliche „Risse”, von denen die Männern geschätzte 10 000 in die Kartei aufgenommen, bewertet und kartographiert haben.

Einige letzte Objekte erinnern noch an die Zeit unter Tage: Zwei Grubenlampen hängen im Esszimmer im Haus von Familie Holhorst am Regal, vor der Eingangstür werden Besucher von Holzfiguren empfangen, oben auf weiße EBV- und RAG-Helme. Die trug unter Tage seinerzeit das Aufsichtspersonal.

Holhorsts Kumpel Werner Sprenker gelang 1958 eine Sensation: Nach seinem Abschluss zum Diplom-Ingenieur des Bergfachs erfand und erbaute er mit Kollegen in der Mariadorfer Maschinenhauptwerkstatt einen Prototypen der heutigen „Einschienenhängebahn”. „Wegen Quellungen und Einsackungen waren Schienen am Boden sehr anfällig für Verwerfungen”, erklärt Sprenker seine Idee, ursprünglich konzeptioniert, um Holz, Eisen, Ausbauteile und Zubehör zum Ausbau vom Schacht hin zum Gebrauchsort zu transportieren. Nach diesem Prinzip funktioniert noch heute die Wuppertaler Schwebebahn.

Als Steiger angefangen

Parallel zu Sprenkers Weg im Bereich der technischen Ausrüstung verlief der Werdegang von Fritz Ebbert. Als Steiger beim EBV angefangen, war er später für die Abbauplanung unter Tage zuständig. Dort wurde konzeptioniert, wo welcher Flözabschnitt abgebaut werden kann. Mit technischen Einsatzgeräten, die unter Tage genutzt wurden, kennt er sich entsprechend gut aus.

Ein Faible hat der 80-Jährige für bergmännische Lieder. Sein Vater und Großvater beschäftigten sich ebenfalls mit diesem Musik-Zweig. Das war unter anderem Anlass für Ebbert, dem Bergmännischen Chor beizutreten. Über die Prosa und die Entwicklung der bergmännischen Musik hat Fritz Ebbert sogar ein Buch heraus gebracht.

Erster Abbaureviersteiger - das war Dieter Macko. Mit 13 Jahren fing er beim EBV an, arbeitete sich vom Lehrling zum Knappen und später zum Sprengbeauftragten hoch, schloss schließlich 1965 sein Studium an der Fachhochschule als Diplom-Ingenieur ab. Nicht direkt fand er eine Anstellung.

Es war jedoch die Zeit der „Mikätzchen”: Die nach dem damaligen NRW-Minister Paul Mikat benannten Männer und Frauen beschreiben Quereinsteiger, die in den 1960er Jahren den Lehrermangel ausgleichen sollten. Auch Macko überlegte eine Umschulung. Als der EBV das mitbekam, gab es jedoch schnell eine Beförderung - und ein gutes Gehaltsangebot.

Nach der Gründung des Bergbaumuseumvereins begannen die Mitglieder 1987 Material zu sammeln. 3000 Tonnen kamen über die Jahre zusammen, schätzt Werner Sprenker. Der Ursprungsgedanke des Bergbaumuseums soll nun in einem anderen Erklärungszusammenhang in die Ausstellung im Energeticon einfließen. Ein Teil-Parcours, der fossil-industrielle Abschnitt, wird schwerpunktmäßig den Steinkohlebergbau und die Erdgeschichte thematisieren.

Werner Sprenker will „das, was wir als Museumsverein angefangen haben, weiter erhalten und nutzbar machen, so lange ich das körperlich noch kann”. Ein Stück Geschichte weiter geben, das ist das Anliegen von Dieter Macko. Zu Vorbereitungen, im Sommer 2014 soll die Dauerausstellung eröffnet werden, trifft sich die Gruppe mit der Energeticon-Geschäftsführung nun bereits seit eineinhalb Jahren.

860 Einwohner

Immer wieder fallen den Männern neue Anekdoten ein, geben Einblick in ihr scheinbar endloses Wissen rund um den Bergbau. Etwa, dass bei der ersten Förderung in Alsdorf-Mitte 1854 die Stadt 860 Einwohner zählte. Oder, dass, während man in Alsdorf bereits in 70 Metern Tiefe auf Kohlevorkommen stieß, man auf Emil-Mayrisch etwa 450 Meter in die Tiefe musste, wie Sprenker sich erinnert.

Grund waren die geologischen Lagerungen: In der Aachener Region wurden die Steinkohlevorkommen durch „Feldbiss” getrennt. Quer dazu verliefen vier tektonische Störungen, darunter ein Sandgewand zwischen Alsdorf und Eschweiler, wodurch „für die tiefer liegenden Schätze entsprechende Technik notwendig war”, erklärt Sprenker. „Im Aachener Norden begann man außerdem erst sehr viel später mit der Förderung, als beispielsweise im Wurmtal, wo die Kohle nur knapp unter der Erde war.”

Es sind die Erinnerungen jener, die die Bergbauzeit, das fossile Zeitalter, entscheidend mitgeprägt haben. Nun wollen die Männder die „Brücke ins nächste energetische Zeitalter, des der regenerativen Energieversorgung, mitbauen”.

Am Sonntag, 21. Oktober, jährt sich um 82. Mal das Grubenunglück auf der Grube Anna II. Bei diesem zweitgrößten Grubenunglück in der deutschen Geschichte starben nach neuesten Forschungen über 300 Bergleute.

Zum Gedenken findet am Sonntag um 11.30 Uhr auf dem Alsdorfer Nordfriedhof eine Kranzniederlegung durch den Verein Bergbaumuseum Grube Anna 2 statt. Die Veranstaltung wird umrahmt durch den Knappenchor St. Barbara.

Im Fördermaschinenhaus des Energeticon, Konrad-Adenauer-Allee, Alsdorf, findet im Anschluss um 12.30 Uhr die Premiere eines bislang unbekannten Filmberichts über das Grubenunglück einer niederländischen Wochenschau statt.

Als thematische Einstimmung wird zuvor die Filmdokumentation des Vereins über das Grubenunglück mit Filmsequenzen einer UFA-Wochenschau und zum Teil unveröffentlichten Bilddokumenten vorgeführt. Der Eintritt ist frei.

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