Die „Rote Flotte” erwacht schon früh zum Leben

Von: Kolja Linden
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Am Steuer: Heinz van Heek ist einer der Fahrer, die den 25 Meter langen „Öcher Long Wajong” sicher durch den Verkehr in der Region lenken. Er hat sich schon längst an das Ungetüm gewöhnt. Foto: K. Linden

Aachen. Morgens um kurz nach 4 Uhr öffnen sich die ersten Tore der riesigen Halle. Es ist noch dunkel draußen, doch auf dem Gelände der Aseag in Aachen herrscht schon emsiger Betrieb. Und dann geht es Schlag auf Schlag, ein Bus nach dem anderen verlässt sein Nachtquartier: Die „Rote Flotte” erwacht.

Ganz so früh mussten die Teilnehmer einer Besuchergruppe nicht aufstehen, doch auch bei ihrem Rundgang am Vormittag gab es für sie eine Menge zu sehen - und zu verstehen.

200 Fahrer fahren hier jeden Morgen los, das Gelände an der Neuköllner Straße ist mittlerweile das einzige Depot, von hier aus starten alle von der Aseag betriebenen Fahrten. „In der Hauptzeit rollt hier alle 45 Sekunden ein Bus raus”, erklärt Bernhard Breuer. Der Abteilungsleiter Verkehr und Betrieb führt gemeinsam mit seinem Kollegen Uwe Beitzel (Betrieb und Technik) und der Produktmanagerin Marketing, Birgit Brand, über das riesige Gelände.

Der erste Weg führt in die zentrale Leitstelle, sozusagen ins Herz des größten reinen Busunternehmens Deutschlands. Hier hat morgens der Wagenmeister den stressigsten Job: Er muss dafür sorgen, dass alle eingeplanten Fahrer da sind und auf der ihnen vorgegebenen Linie starten. Fällt einer aus, zum Beispiel wegen Krankheit, sorgt der Wagenmeister schnellstens für Ersatz.

Es ist laut in der Leitstelle, und für den Laien ist das Bild verwirrend: Zahlreiche Computer an verschiedenen Arbeitsplätzen, telefonierende Kollegen, Busfahrer, die sich ihre Arbeitsaufträge abholen. Da sind erfahrene Leute gefragt, die auch in hektischen Situationen die Übersicht bewahren.

„Wenn zum Beispiel wegen Sturmschäden der Adalbertsteinweg in Aachen gesperrt wird, eine der Hauptachsen für unsere Busse, dann muss der Mann in der Leitstelle in Sekunden entscheiden, wo er die Fahrzeuge entlang lenkt”, sagt Breuer. Dass so jemand jede Straße zwischen Aachen und Baesweiler, Monschau und Herzogenrath im Kopf haben muss, versteht sich von selbst.

Sechs Bildschirme gleichzeitig muss er im Blick behalten. Bei Bedarf wird der Standort von jedem einzelnen Bus über Funk in Sekunden genau ermittelt. „In der Spitze kann die Leitstelle bis zu 300 Busse gleichzeitig kontrollieren”, erklärt Breuer den erstaunten Lesertour-Teilnehmern. Auch Unfälle oder Überfälle werden hier schnell registriert, eine direkte Leitung zur Polizei gibt es auch. „Der ganze Aufwand, den wir hier betreiben, hat ein Ziel: Dem Fahrgast das zu bieten, was der Fahrplan verspricht”, so Breuer.

Nebenan befindet sich quasi die „Garage”, die allerdings ziemlich überdimensioniert ausfällt: 18000 m2 umfasst die Halle, in der die 200 Busse der Aseag Platz finden. Im Augenblick ist sie ziemlich leer, dennoch stehen hier noch einige Busse herum, die nicht in Betrieb sind. „Es sind Ferien”, erklärt Uwe Beitzel.

Wenn viele Leute in Urlaub sind, müssen weniger Busse fahren. Und weil Vormittag ist, ist auch keine Spitzenzeit. Die Spitze, das ist außerhalb der Ferien der frühe Morgen, wenn zwischen 7 und 8 Uhr Schulkinder und Berufstätige gleichermaßen die Busse der Aseag entern. Weitere, nicht ganz so hohe Spitzen, sind am Mittag, wenn die Schüler wieder nach Hause fahren, und der späte Nachmittag: Feierabendverkehr.

Das Vorzeigeobjekt der Aseag steht auch in der Halle: der „Öcher Long Wajong”, der Doppelgelenkbus. 25 Meter lang, Fassungsvermögen bis zu 200 Fahrgäste. Der 360 PS starke DAF-Motor verbraucht schlappe 74 Liter auf 100 km. Klingt nach viel, ist aber angesichts einer Auslastung von rund 180 Passagieren in der Spitzenzeit äußerst ökonomisch - und ökologisch. Im Stadtverkehr mit vielen Haltestellenstops alle paar Hundert Meter würde auch jeder Pkw einen hohen Verbrauch zeigen.

Hergestellt hat das flotte Ungetüm die belgische Firma van Hool, die Aseag war das erste Unternehmen, das solche Doppelgelenkbusse auf deutsche Straßen brachte, wie Birgit Brand stolz erklärt. Heute fahren diese Busse auch noch in Hamburg und Dresden.

Mit Werbung beklebt wurde der „Long Wajong” zunächst nicht. „Neben dem Ticketverkauf ist die Verkehrsmittelwerbung für uns die wichtigste Einnahmequelle”, erklärt Brand zwar, warum viele Busse mit Werbefolie beklebt sind. Weil der Doppelgelenkbus aber zunächst als Aushängeschild genutzt werden sollte, fuhren seine Exemplare bisher nur im rot-weißen Design der Aseag durch die Region.

Und wie sich so eine Fahrt anfühlt, das dürfen die Besucher natürlich auch erleben. Sicher chauffiert von Heinz van Heek geht es eine Runde über das Betriebsgelände. Für den Busfahrer ist das Lenken des „Long Wajongs” schon zur Gewohnheit geworden.

„Ich muss mich oft selbst daran erinnern, dass da hinten noch was dran ist”, sagt er, dass er die Länge längst schon verinnerlicht hat. Schließlich sei der Sprung für ihn von 18-Meter-Bussen auf nun 25 Meter ja nicht ganz so groß gewesen. „Man muss sich am Anfang halt vertraut machen, dann ist es auch nicht mehr viel anders”, sagt van Heek und hält an der Rückseite des Geländes.

Hier liegen die riesigen Kraftstofftanks. „Unser Jahresbedarf liegt bei 6 Millionen Liter Diesel”, erklärt Uwe Beitzel. Angeliefert wird er von vier Tankzügen pro Woche.

Der „Long Wajong” fährt zurück in die Halle, wo auch der einzige Reisebus steht, den die Aseag in ihrem Fuhrpark hat. Das Schöne Stück Luxus trägt die Grundfarbe Silber, doch nicht nur dem geneigten Fußballfan fällt sofort die schwarz-gelbe Beklebung auf, die das Fahrzeug als Mannschaftsbus der Aachener Alemannia ausweist. „Nächste Haltestelle: Bundesliga.” Eine Ansage, die so mancher hier in der Halle gerne hören würde.

Gleich nebenan sind die Werkstätten, sauber getrennt in verschiedene Bereiche. Technisch überprüft werden die Busse alle drei Monate in der Prüfhalle, einmal pro Jahr durchlaufen sie den TÜV. „Wir sind autorisiert, das mit unseren eigenen Leuten zu machen”, erklärt Uwe Beitzel. Wird eine Unregelmäßigkeit festgestellt, wird diese in den PC eingegeben und landet als Arbeitsauftrag direkt in der Werkstatt. „Papier ist da überflüssig”, so Beitzel.

Betrieb herrscht auch in der Wartungshalle, wo die Busse täglich betankt und von einem Auftragsunternehmer regelmäßig gesäubert werden.

In der Reifenwerkstatt riecht es nach Gummi. „Ich bin Herrscher über 2000 laufende Reifen”, sagt deren Leiter Kurt Huppertz. Bis zu 140000 km kann ein Busreifen schaffen, das ist aber abhängig vom Modell. An der Antriebsachse des „Long Wajongs” zum Beispiel ist oft bei 30000 km Schluss.

40 Schlosser arbeiten im gesamten Werkstattbereich, neun Auszubildende gibt es derzeit. Der Herr über die Getriebe ist Dieter Lindemann. Er ist nämlich der einzige, der ein 400-kg-Automatikgetriebe komplett auseinander und wieder zusammen bauen kann - das sind rund 1000 Einzelteile!

Und an einem dieser beeindruckenden Getriebe endet unsere Tour.

Ganz im Gegensatz zum Betrieb bei der Aseag. Erst gegen 0.30 Uhr, wenn die letzten Busse so langsam ins Depot rollen, endet hier der Tag. Und am nächsten Morgen geht es weiter. Um kurz nach 4 Uhr, wenn sich die Tore wieder öffnen.
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