Bei 52 Grundschülern bleibt kein Kind anonym

Von: Stefan Schaum
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Unsere Schule, unsere Rutschbahn: Die familiäre Atmosphäre wissen die Kinder auch auf dem Schulhof zu schätzen. Fotos (4): Stefan Schaum Foto: Stefan Schaum
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Komm, ich helf‘ Dir mal: Beim klassenübergreifenden Lernen unterstützen die Schüler sich auch gegenseitig. Foto: Stefan Schaum
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Unsere Schule, unsere Rutschbahn: Die familiäre Atmosphäre in der „Zwergschule“ wissen die Kinder sehr zu schätzen. Foto: Stefan Schaum

Baesweiler. Eine elektronische Klingelanlage hat es hier noch nie gegeben und wird es wohl auch nie. Wenn die Pause endet, greift eine Lehrerin zu der alten Handglocke, die gleich hinter der hohen Holztür am Eingang hängt. Das nostalgische Geläut ist das Signal für alle Schüler: bitte wieder reinkommen. Alle heißt in diesem Fall: 52 Kinder.

Mehr hat die Schule in Beggendorf nicht. Gerade mal sieben Erstklässler wurden vor ein paar Monaten mit ihren Schultüten begrüßt. Nicht viel. Aber immer noch genug, um einem Dorf seine Schule zu erhalten.

So weit, dass nackte Zahlen ein hartes Urteil verkünden, ist es schließlich noch nicht. Erst wenn die Schülerzahl unter 46 fällt, darf in Nordrhein-Westfalen eine Schule nicht einmal mehr als Teilstandort einer anderen geführt werden. Seit vier Jahren „gehört“ Beggendorf zur Grengrachtschule. Das soll sich nicht ändern, denn den Kampf um jedes Kind hat die Stadt längst aufgenommen. Eltern sollen sehen und spüren, was eine „Zwergschule“ auf dem Land zu bieten hat. So wenig ist das nicht.

Alte Backsteinmauern

Sicher, das Gebäude wird im kommenden Jahr schon 100 Jahre alt. Wer es betritt, geht nicht an modernen, bunten Glasfronten vorbei, sondern an altem, braunem Backsteingemäuer. Innen finden sich Flure, die – nun ja – ein wenig schief sind. Hier und dort hat es kleine Dellen im Kunststoffboden, es tritt sich überall recht weich. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Oder? Hier wollen Schüler von heute doch nicht mehr lernen und spielen. Oder? Es sieht nicht so aus.

Stattdessen begegnet man auf den Fluren Kindern, die fröhlich lachen und jeden Fremden mit großen Augen anblicken, weil nun mal nicht viele Leute in dieses Gebäude hinein kommen. Die, die kommen, staunen mitunter. Zum Beispiel darüber, dass es einen eigenen Computerraum gibt. Acht Geräte hat der Förderverein dafür spendiert, auch in jedem Klassenraum findet sich ein Rechner. Und ja: Das Internet funktioniert selbst in Beggendorf.

Eine Betreuung über den Unterricht hinaus gibt es ebenfalls. Bei Bedarf bis 15 Uhr, allerdings ohne Essen. Für so wenige Kinder rückt kein Catering-Unternehmen an, und in der eigenen Küche darf ein Mittagessen nicht frisch zubereitet werden. Kompromisse gehören zum Schulalltag, aber oft wird aus der Not eine Tugend.

„Das funktioniert super“

Die derzeit sieben Erstklässler sitzen oft mit den elf Kindern aus der zweiten Klasse gemeinsam im Raum. Die Kleinen orientieren sich an den Größeren und die geben gern Tipps und festigen so ihr Wissen. „Funktioniert super“, sagt Lehrerin Linda Slangen. Zu anderen Zeiten schickt sie die Zweitklässler nach nebenan und lässt sie mit Arbeitsblättern arbeiten. „So werden diese Kinder selbstständig und ich kann mich ganz intensiv um die Erstklässler kümmern.“

Kleinere Klassengrößen, das hat auch im dritten (20 Kinder) und vierten Schuljahr (14) seinen Reiz. Womöglich liegt es daran, dass jüngst eine Mutter im Klassenraum sitzt, deren Kind noch nicht hier lernt und die nicht einmal in Beggendorf wohnt. Sondern in Übach-Palenberg. „Eigentlich gleich neben einer richtig großen Grundschule“, sagt die Frau. Zu groß, fügt sie hinzu.

„Zu anonym, das hat mich dort beim Besuch regelrecht erschlagen.“ Was sie in Beggendorf erlebt, gefällt ihr besser. Ruhe, ein übersichtliches Gebäude, ein schnuckeliger Schulhof mit ein paar Spielgeräten und viel Herbstlaub. Sie kann sich gut vorstellen, ihr Kind hier anzumelden. Auslaufmodell Dorfschule? Der demografische Wandel spricht dafür. Doch dass das Lernen auf dem Land auch seine Vorzüge hat, entdeckt mancher offenbar ganz neu für sich.

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