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Bald ruft in Würselen der Muezzin zum Gebet

Von: Georg Pinzek
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„Allahu akbar“: Dieser Ruf wird künftig per Lautsprecheranlage in die Moschee zum Gebet einladen. Imam Ziyadtin Cıplak (v.l.), Bürgermeister Arno Nelles, Integrationsratsvorsitzende Demet Özkesemen, Necati Öztürk, Vorsitzender der Türkisch-Islamischen Gemeinde, und sein Stellvertreter Ismail Sarioglu informieren darüber. Foto: Georg Pinzek
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„Allahu akbar“: Dieser Ruf wird künftig per Lautsprecheranlage in die Moschee zum Gebet einladen. Imam Ziyadtin Cıplak (v.l.), Bürgermeister Arno Nelles, Integrationsratsvorsitzende Demet Özkesemen, Necati Öztürk, Vorsitzender der Türkisch-Islamischen Gemeinde, und sein Stellvertreter Ismail Sarioglu informieren darüber. Foto: Georg Pinzek

Würselen. Für Bürokraten ist der Antrag eigentlich nur eine Sache, die nach dem Landesimmissionsschutzgesetz (LImSchG) zu bewerten ist. Doch es geht um mehr. Es dreht sich eben auch um religiöse Gefühle und kulturelle Vielfalt. Die Ditib - Türkisch-Islamische Gemeinde zu Würselen hat bei Bürgermeister Arno Nelles den Antrag eingereicht, das Freitagsgebet öffentlich ausrufen zu dürfen.

Und nicht nur, weil die Lärmschutzauflagen offenkundig eingehalten werden, steht dem nichts entgegen. Den Muezzinruf will Würselens Imam Ziyadtin Cplak immer persönlich vornehmen. Eine Lautsprecheranlage soll dafür auf der Moschee an der Schweilbacher Straße installiert werden.

„Der Gebetsruf ist für uns ganz wichtig“, macht der Imam deutlich. Wie wichtig, unterstreicht er dadurch, dass ohne Gebetsruf ein Muslim gar nicht erst beten darf, er gehöre zwingend zum Ritual. Den Stellenwert könne man zudem daran ablesen: Jedem Neugeborenen der muslimischen Gemeinschaft werde der Gebetsaufruf ins Ohr gesagt. Imam Ziyadtin Cplak freut sich darauf, dass bald auch die Würselener Gemeinde, wie es die benachbarten Moscheen in Merkstein, Eschweiler und Stolberg bereits problemlos praktizierten, öffentlich zum Gebet einladen werde.

„Es gibt viele positive Rückmeldungen aus den umliegenden Gemeinden“, weiß der Imam. Er bewertet es als sehr positiv, „dass die islamischen Gemeinden mit ihren Moscheen in der deutschen Gesellschaft angekommen sind“. Er würde es übrigens begrüßen, wenn das Land dem stärker Rechnung trage, indem muslimische Feiertage wie Ramadan und das Opferfest als gesetzliche Feiertage anerkannt würden.

Der Imam wertet den öffentliche Gebetsruf als einen weiteren Beitrag zur Integration. Er trage dazu bei, „dass die Menschen in die Moschee kommen, ihre Religion ausüben können und sich hier wohl fühlen“. Die Vorsitzende des Würselener Integrationsrats, Demet Özkesemen, fungierte beim Ortstermin in der Moschee freundlicherweise als Dolmetscherin bei dem Gespräch mit dem Imam.

Vereinsvorsitzender Necati Öztürk und sein Stellvertreter Ismail Sarioglu möchten am Freitag, 13. September, die Premiere des Gebetsrufs in Würselen feiern. Eine Reihe von Ehrengästen wird dazu eingeladen, an ihrer Spitze Mustafa Kemal Basa, Kölner Generalkonsul. Auch die unmittelbare Nachbarschaft wird noch per Flugblatt über die Einführung des Gebetsrufs aufgeklärt. Zurzeit arbeitet der Verein kräftig an der Erweiterung und Modernisierung der Bereiche in der Moschee, die den Frauen vorbehalten sind.

Necati Öztürk hatte in seinem Antrag an die Stadt erklärt: „Durch das einmal wöchentliche Ausrufen des Gebetsrufs möchten wir uns am gesellschaftlichen Leben in Würselen stärker beteiligen. Der Gebetsruf ist auch an Nicht-Muslime gerichtet als ein Zeichen für die kulturelle Vielfalt, die in Würselen seit Jahrzehnten existiert. Selbstverständlich wird der Gebetsaufruf unter Beachtung des Landesimmissionsschutzgesetzes durchgeführt und in angemessener Lautstärke entsprechend ausgerufen.“

Vielfalt und Toleranz

Für Bürgermeister Arno Nelles ist es unerlässlich, dass die Menschen in der Stadt über den Gebetsruf informiert sind. So sei unterdessen der Hauptausschuss des Stadtrats unlängst über den Antrag in Kenntnis gesetzt worden. Dabei steht für Bürgermeister Nelles fest: „Die Türkisch-Islamische Gemeinde leistet einen wertvollen Beitrag zur religiösen Vielfalt in der Stadt und hat ein vitales Interesse, dem Glauben Ausdruck zu verleihen.“

Eine tolerante und offene Gesellschaft stärke die Freiheit Andersdenkender – auch in religiösen Belangen. Arno Nelles, der selbst ein Jahr beruflich in Saudi-Arabien gelebt hat, entgegnet der in dem Zusammenhang öfters vorgetragenen Bemerkung, in islamisch geprägten Ländern werde dies Christen aber vielerorts verwehrt: „Genau diese Intoleranz wollen wir in unserer freiheitlichen Gesellschaft eben nicht. Und der Gebetsruf bei uns ist auch dafür ein Zeichen.“

Im Rathaus hatte die Stadtverwaltung die Politik darüber aufgeklärt: „Von vornherein hat die Gemeinde die Rücksicht auf die umliegende Wohnbebauung und die betroffenen Anwohner in den Vordergrund gestellt und eine selbstverständliche Gestaltung des Gebetsrufes unter Beachtung des Landesimmissionsschutzgesetzes angeboten. Auch die Beschränkung, dass nicht täglich zu den traditionellen fünf Gebeten, sondern nur zum Freitagsgebet aufgerufen werden soll, verdeutlicht diese Grundhaltung.

Grundsätzlich sind islamische Gebetsrufe durch die Religionsfreiheit geschützt. Allerdings müssen sich die über die Lautsprecheranlage verstärkten Gebetsrufe im Rahmen der immissionsschutzrechtlichen Bestimmungen halten. Gemäß § 10 Abs. 1 LImSchG ist eine solche Schallwiedergabe erlaubt, wenn sie unerheblich ist.“

Das Bundesverwaltungsgericht habe entschieden, dass Gebetsrufe in jedem Falle dann zulässig sind, wenn die Grenzwerte der TA Lärm eingehalten würden. Bei dem betroffenen Bereich seien Immissionswerte von tagsüber 60 dB(A) zulässig. Diese Werte dürften kurzfristig sogar mit Geräuschspitzen um bis zu 30 dB(A) überschritten werden. Das Bundesumweltministerium nennt als Beispiel für 80 dB(A) Straßenlärm bei starkem Verkehr. Bei der beabsichtigten Anlage sei davon auszugehen, dass die genannten Grenzwerte eingehalten würden. Folglich: „Damit ist der Gebetsaufruf zulässig und bedarf keiner Genehmigung.“

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