Alsdorf - Autorin holt die Leichen aus dem Keller

Autorin holt die Leichen aus dem Keller

Von: Stefan Schaum
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Alsdorf. Der Begriff Autorin will noch nicht so ganz passen. Eher eine Sammlerin ist Sabine Scheithauer dieser Tage. Die 34-Jährige fordert wildfremde Menschen dazu auf, ihr Innerstes zu offenbaren. Intime Dinge zu erzählen, die sie vielleicht noch niemandem zuvor anvertraut haben.

Von bizarren Fantasien darf die Rede sein, von unterdrücktem Hass, von quälender Schuld oder verbotener Liebe. Es darf nicht bloß - es soll sogar. All diese Dinge will die Alsdorferin dann in ein Buch packen. „Schweigeschluss” ist dessen Titel, der für eine grenzenlose Freiheit steht.

„Alles ist erlaubt”, bringt es die zweifache Mutter auf den Punkt. Alles? „Alles! Es soll einfach keine Grenze geben, keine Tabus.” Ob sie das nicht ein wenig gewagt findet?

„Nein. Es kann doch sehr befreiend sein, etwas von sich zu geben, was vielleicht über viele Jahre hinweg belastend war.” Ihre eigene Schmerzgrenze sei jedenfalls sehr gering, wenn es darum geht, solche Dinge zu lesen. Sagt es, überlegt kurz, und meint dann: „Eigentlich gibt es so eine Grenze gar nicht. Man kann doch über alles reden.” Dass sämtliche Einsender anonym bleiben werden, versteht sich bei so viel geforderter Offenheit.

Die Idee zu diesem Projekt trägt sie seit geraumer Zeit mit sich herum. Doch musste sie vor kurzem erst ein ganz anderes Buch veröffentlichen, um sich wirklich an die Realisierung zu wagen.

Ein Buch mit fantasievollen Geschichten rund um die gesunde Ernährung hat sie für Eltern von kleinen Kindern geschrieben. Dass das Buch überhaupt veröffentlicht worden ist - im Herzogenrather Shaker Media-Verlag - hat sie beflügelt.

Obwohl sie selbst nicht einmal eine besonders große Leserin ist und als Zahnmedizinische Assistentin auch mit dem Schreiben weiter nichts am Hut hatte. Vielleicht ist es das: „Ich bin vor allem einfach neugierig. Ich will wissen, was in den Köpfen steckt und nicht ausgesprochen wird.”

Was aber, wenn ihr nun jemand eine Geschichte schickt, in der er einen Amoklauf ankündigt? Oder nicht von den sprichwörtlichen Leichen im Keller spricht, sondern von tatsächlichen? Ja, was dann? So recht weiß Sabine Scheithauer auch nicht, wie sie darauf reagieren würde.

„Ich weiß doch nicht, ob das nur Fantasien oder echte Dinge sind.” Genau genommen will sie das auch nicht wissen. Sie nimmt es nur zur Kenntnis. Wahrheit oder Fantasie? Egal, solange es sich jemand von der Seele schreibt.

Jeder bleibt anonym

Bleiben die Absender völlig anonym, will Sabine Scheithauer deren Notizen nacherzählen, ihre Geschichte in eine neue Form packen. Nennen die Absender der Autorin ihren Namen, wird sie ihnen per Internet ein Formular zusenden. Eine Einverständniserklärung, dass sie die Geschichte - ohne Namensnennung - so ins Buch stellt, wie sie geschrieben worden ist. „Das ist dann ganz authentisch. Die Menschen bekommen das Gefühl, es selbst ausgesprochen zu haben.”

Es geht um die Idee

Wo aber bleibt dabei ihr Tun als Autorin? „Ich will mich gar nicht mit fremden Federn schmücken. Mir geht es vor allem um die Idee. Das ist schließlich ein ganz schön ungewöhnliches Projekt.”

150 Geschichten sollen ins Buch. Zahlreiche hat sie bereits bekommen. Seit fünf Wochen erst ist ihre Homepage mit dem Aufruf online, 50 Einsendungen sind seitdem gekommen. Dass beim Niederschreiben eventuell seelische Wunden aufreißen, fürchtet sie nicht. „Kürzlich hat sich per E-Mail ein Diplom-Psychologe bei mir gemeldet. Der findet die Idee pfiffig und freut sich auf das Buch.”
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