Ausstellung „Die Mauer” im EBC: Beitrag zur Aufarbeitung

Von: Beatrix Oprée
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Symbolischer Standort: Zwische
Symbolischer Standort: Zwischen Herzogenrath und Kerkrade stand einst ebenfalls eine (Leicon-)Mauer, wenn auch die Folgen bei weitem nicht so dramatisch waren wie an der so genannten Zonengrenze. Der Vorsitzende des Vereins Burg Rode, Wolfgang Schmitz, zeigt eines der Ausstellungsplakate vor dem „Mäuerchen”-Erinnerungsfoto im Eurode-Business-Center - mitten auf der deutsch-niederländischen Grenze. Foto: Beatrix Oprée

Herzogenrath. Wenn am 50. Jahrestag des Mauerbaus um 14 Uhr im Eurode Business Center die Ausstellung „Die Mauer - Eine Grenze durch Deutschland” eröffnet wird, dann ist dies auch ein ganz persönliches Anliegen des Vorsitzenden des Vereins Burg Rode, der in Kooperation mit der Stiftung Eurode + und dem EBC zu den Veranstaltern zählt.

Selbst Vater einer Tochter weiß er, wie wenig präsent dieser düstere Abschnitt der deutschen Geschichte nur eine Generation später bei den Jugendlichen ist: „Die Schüler von heute sind alle nach dem Fall der Mauer geboren. Sie können überhaupt keinen Bezug mehr zu dem haben, was für uns noch Realität war. Umso wichtiger ist es für uns, an die Teilung Deutschlands mit allen ihren schlimmen Folgen zu erinnern.” Natürlich seien dabei auch Schulen und Elternhäuser gefordert, doch der Verein Burg Rode möchte einen Teil beitragen zu der Auseinandersetzung mit einem Unrechtsregime, dass seine Bürger 28 Jahre lang eingesperrt hat.

Die Begegnung mit der Violinistin Eva-Maria Neumann, Lehrerin an der Städtischen Musikschule in Aachen, anlässlich der Konzertreihe „Junge Künstler in alten Mauern” auf Burg Rode war einst ein Schlüsselerlebnis für den 46-Jährigen. „Wir hatten oft miteinander zu tun, kannten uns gut. Und irgendwann hat sie nachgefragt, ob sie auch auf der Burg aus ihrem Buch lesen könne...” Dass es sich dabei um den aufrüttelnden Bericht einer misslungenen DDR-Flucht handelte, die Schreckliches - nämlich den Entzug der Tochter und jahrelange fürchterliche Gefängnis-Aufenthalte mit unbehandelten Krankheiten - zur Folge hatte, damit hatte er zunächst nicht gerechnet.

Weinend vor dem Fernseher

Wenn auch keine verwandtschaftlichen Beziehungen „nach drüben”, wie man einst sagte, bestanden, so hat die Zonengrenze für Wolfgang Schmitz wie für viele Bundesbürger dennoch stets ein emotionales Moment gehabt: „Als der Umbruch bevorstand, haben wir tagelang alle Meldungen verfolgt. Und als die Nachricht von der Grenzöffnung kam, habe ich weinend vor dem Fernseher gesessen.”

Er erinnert sich an die legendäre Pressekonferenz über die zehnte Tagung des Zentralkomitees der SED an jenem 9. November 1989: Politbüro-Mitglied Günter Schabowski hatte fast eine Stunde über vermeintliche Reformen referiert, als er nach dem neuen Reisegesetz befragt wurde und abschließend antwortete: „Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen.” Auf Nachhaken eines Reporters ließ er nach Blättern in diversen Zetteln den folgenschweren Satz fallen: „Das trifft nach meiner Kenntnis... ist das sofort, unverzüglich.” Heute weiß man, dass Schabowski eine Sperrfrist übersehen hatte, nämlich bis 4 Uhr früh des Folgetages.

Die Grenzorgane waren folglich noch nicht informiert, dass es trotzdem gewaltfrei blieb an den Grenzübergängen, vor denen das DDR-Volk bis zur entscheidenden Öffnung eines Schlagbaums drängte, dass die ganze Revolution überhaupt friedlich vonstatten ging, auch das rührt Schmitz bis heute. Und er ist ehrlich sich selbst gegenüber: „Die Menschen, die damals auf die Straße gingen, haben unglaublichen Mut bewiesen. Ich weiß nicht, ob ich seinerzeit zu den Rädelsführern gehört hätte.” Denn was mit Menschen passierte, die sich gegen das DDR-Regime wandten, dafür gibt es unzählige grausame Beispiele.

Der Schießbefehl

Und noch etwas beschäftigt den Vorsitzenden des Vereins Burg Rode, der als Berufssoldat seit 1987 bei der Flugsicherung tätig ist: der Schießbefehl für die Grenztruppen der Nationalen Volksarmee. Befehle müssen ausgeführt werden, sagt er. „Aber ich muss jeden Befehl auch immer auf seine Rechtmäßigkeit überprüfen, er darf nicht rechtswidrig sein, darf keine Straftat beinhalten oder offensichtlich widersinnig sein.”

Soweit zu bundesdeutschem Recht. Aber in der DDR galt Republikflucht als Verbrechen, gab es für den Schießbefehl eine gesetzliche Grundlage. Froh, selbst noch nie in die Situation gekommen zu sein, auf einen Menschen schießen zu müssen, aber wohlwissend, jederzeit in ein Krisengebiet versetzt werden zu können, wägt Wolfgang Schmitz Verhältnismäßigkeiten ab und resümiert: „Man hätte aber gezielt daneben schießen können.” Zumindest für NVA-Wehrpflichtige wäre dies eine Alternative gewesen. Doch kann man die Zwänge der DDR-Bürger heute überhaupt noch beurteilen?

Leihgabe möglich: Unterrichtsmaterial für Schulen

Die Ausstellung „Die Mauer - Eine Grenze durch Deutschland” ist bis 26. August im Eurode Business Center (EBC), Eurode-Park 1-4, zu sehen. Sie wird heute um 14 Uhr eröffnet.

Die Öffnungszeiten sind Montag bis Freitag, 9 bis 17 Uhr. Im Anschluss können die Plakate kostenlos an interessierte Schulen ausgeliehen werden, Kontakt: info@burgrode.de.

Es handelt sich um 20 Poster, auf denen die Journalisten Sven Felix Kellerhoff (Die Welt) und Dr. Ralf Georg Reuth (Bild) das SED-Regime und seine Opfer beschreibt, die Haltung der Westmächte zum Mauerbau, Fluchten und Fluchthilfe, den Alltag entlang der innerdeutschen Grenze und in der geteilten Stadt wie auch die Überwindung der Teilung mit der friedlichen Revolution 1989. Den Abschluss bildet die juristische Aufarbeitung der Grenzschicksale mit den Mauerschützenprozessen.

Zeitzeugin Eva-Maria Neumann wäre heute gerne zur Eröffnung der Ausstellung ins EBC gekommen, kann aber wegen der schweren Erkrankung ihres Mannes nicht dabei sein. Ihr erschütternder Lebensbericht „Sie nahmen mir nicht nur die Freiheit” ist im Piper-Verlag erschienen.

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