Anwohner fühlen sich von Baumriesen bedrängt

Von: Stefan Schaum
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Eine Allee, die hier kein Anwohner haben will: Mit ihrem dichten und durchgehenden Blätterdach verschatten die 14 Linden an der Hügelstraße die Häuser nahezu komplett. Und nicht bloß im Herbst sorgt der Abwurf für eine Menge Arbeit. Foto: Stefan Schaum
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Mit dem Kinderwagen geht auf dem Gehweg gar nichts: Will Lothar Dorweiler seinen Enkel schieben, muss er notgedrungen auf die Straße ausweichen. Foto: Stefan Schaum

Baesweiler. Man könnte glatt einen Scherz aus der Sache machen und sagen: Seit die Wurzeln der Linden die Gehwege anheben, wird die Hügelstraße ihrem Namen erst so richtig gerecht! Aber lachen würde in dieser Straße bestimmt keiner darüber. Denn wenn es um die Linden vor ihren Häusern geht, verstehen die Anwohner keinen Spaß. Stinksauer sind sie. Und das auch, weil sie sich ziemlich hilflos fühlen.

Die Bäume sorgen für etliche Probleme, sagen sie, und viele in der Hügelstraße finden die teils schräg stehenden Riesen ziemlich gefährlich. Seit Jahren fordern sie die Stadt daher auf, die Bäume zu beseitigen. Vergeblich. „Die kommen garantiert erst weg, wenn sie mal einen erschlagen haben“, sagt Werner Lippold.

Der 85-Jährige lacht bitter – denn so weit sei es fast schon mal gewesen: „Vor ein paar Jahren ist einer der Bäume einfach umgekippt“, erzählt er. „Der hat im Sturz noch ein Dach beschädigt und die Regenrinne mitgerissen. Hätte aber schlimmer kommen können – ein paar Sekunden vor dem Sturz ist ein Auto genau an der Stelle vorbeigefahren!“ Seitdem gibt es zwar einen Baum weniger, aber 14 sind noch da.

Als 1957 die Siedlung entstand, wurden die Linden gepflanzt. Mittlerweile überragen sie die Dächer um viele Meter, die Kronen sind so üppig wie in einer breiten Allee. Dieses Blätterdach spendet im Sommer weitaus mehr Schatten, als den Anwohnern lieb ist. Wenn Sibylle Kuckartz in ihrem Wohnzimmer sitzt, schaltet sie meist auch tagsüber das Licht an. Obwohl sie sogar bodentiefe Fenster hat. „Aber bei all den Blättern kommt einfach kein Licht rein!“ Dafür kommt was runter: Laub nämlich, und das nicht zu knapp. Dazu der Honigtau, den Linden absondern und der die darunter stehenden Autos regelmäßig total verklebt.

Alle zwei Tage müssen die Anwohner kehren, denn laut Satzung zur Straßenreinigung sind sie ebenso zur Reinigung der Gehwege verpflichtet, wie alle anderen in der Stadt. Doch bei Bäumen, die derart viel abwerfen, reicht die grüne Tonne längst nicht aus. So müssen sie Papiersäcke kaufen - ein Euro pro Stück bei 120 Liter Fassungsvermögen – die sie beim Abfuhrtermin neben die Tonne stellen können. Oder sie fahren gleich raus zum Recyclinghof nach Beggendorf. Viel Arbeit ist es, so oder so. Für Bäume, die nicht ihnen gehören, und die sie nicht wollen.

Seit ihrem elften Lebensjahr wohnt die heute 57-jährige Sibylle Kuckartz an der Hügelstraße. „Die Bäume hätte man spätestens vor 18 Jahren wegnehmen müssen, als die Straße neu gemacht wurde“, sagt sie. In umliegenden Straßen sei genau das auch häufig passiert. Nicht aber in der Hügelstraße, die damals zur Einbahnstraße wurde. Die Gehwege wurden dabei auf Fahrbahnniveau abgeflacht und ordentlich verbreitert. Auch Parkbuchten wurden seinerzeit angelegt. Kuckartz: „Seitdem ist weniger Verkehr in der Straße. Wir wohnen hier sehr ruhig, da können wir uns nicht beschweren“. Wenn bloß die Bäume nicht wären.

Der Gehweg wird seinem Namen schon lange nicht mehr gerecht, denn zwischen Vorgärten und Bäumen bleiben stellenweise bloß ein paar Zentimeter. Da kommt kein Kinderwagen durch, auch kein Rollator. Und zu Fuß sollte man die Stellen ebenfalls meiden, wie Erika Strehl vor ein paar Wochen leidvoll erfahren musste. Da lief sie ihren zwei Kindern hinterher, stolperte über eine Delle und ist der Länge nach hingeschlagen. Nichts gebrochen, zum Glück.

„Aber hier muss man einfach fallen, die Wurzeln drücken die ganzen Steine ja richtig hoch.“ Vor ein paar Tagen waren Bauhofmitarbeiter da, haben ein paar Steine weggenommen und Kies hingeschüttet. Für Sibylle Kuckartz ist das nur Kosmetik. „Der Kies wird im Lauf der Zeit weggetreten, die Wurzeln drücken weiter.“ Wann sie wohl im Kanal landen oder sich in die Hausanschlüsse bohren? Auch diese Frage treibt die Anwohner um.

Josef Meyer kennt ihre Sorgen. Der Leiter des Stadtentwicklungsamtes kann sie zum Teil auch nachvollziehen, bloß: Machen kann er nichts. Hat ein Baum – gemessen in einem Meter Höhe – erst einmal einen Stammunfang von 70 Zentimetern, darf er nicht mehr gefällt werden. Es sei denn, er ist krank. Doch das sei an der Hügelstraße nicht der Fall, sagt Meyer. Vor fünf Jahren seien alle Bäume an der Hügelstraße gründlich geprüft worden. Ergebnis: gesund und standsicher. Bald soll erneut solch eine Prüfung stattfinden. „Wenn Totholz in den Bäumen ist, kommen wir rasch raus und schneiden es weg“, sagt Meyer.

Bäume seien immer ein „sensibles Thema“, sagt er. Es müsse schon viel passieren, bis ein großer gefällt werde. Wie der gewaltige Berg-Ahorn, der an der Carl-Alexander-Straße entfernt wurde. Sind die Linden also eine Altlast, mit der die Leute leben müssen? Es sieht so aus. „Heutzutage würde man solche Bäume sicher nicht mehr an einer Straße pflanzen – aber wegnehmen können wir sie auch nicht einfach so.“

Bis etwas passiert? Für Werner Lippold nur eine Frage der Zeit. „Schauen Sie doch mal“, zeigt er auf einen Stamm, der eine leicht S-Kurve beschreibt. „Sieht der wirklich so aus, als könnte der sich aus eigener Kraft noch lange halten?“

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