Angst macht den Schulbesuch unmöglich

Von: Holger Bubel
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Können heute wieder lachen: Kira (v.l.), Jasmin und Sebastian fühlen sich bei Motivia gut aufgehoben. Foto: Holger Bubel

Alsdorf. „Motivia ist das Beste, was mir in meinem Leben passieren konnte. Ich weiß nicht, wo ich sonst gelandet wäre.“ Was die 16-jährige Kira mit dieser Feststellung ausdrückt, ist ein vorläufiges Fazit ihres noch jungen Lebens.

Wer die Geschichte dieser Teenagerin und ihrer zu Freunden gewordenen Mitschüler bei Motivia, Jasmin und Sebastian – nur zwei weitere Beispiele – kennt, kann erst die Tragweite und Bedeutung dieser Sätze verstehen. Die drei haben es nämlich, gelinde gesagt, nicht allzu gut angetroffen in ihren ersten Lebensjahren.

Dem Namen nach ist „Motivia“ ein Projekt für „schulmüde Jugendliche im Kreis Aachen“. Schulverweigernde Jugendliche aus Haupt- und Förderschulen werden besonders betreut, um ihr Leben verantwortlich mit zu gestalten, soziale, schulische und berufliche Integration sowie psychische Stabilisierung und Förderung sozialer Kompetenzen zu erfahren. Am Ende soll mindestens der Hauptschulabschluss der Klasse 9 stehen, was viel zu tief gestapelt ist, mit Blick auf die Ergebnisse des engagierten Pädagogenteams um Leiterin Karin Nießen.

Keine Null-Bock-Jugendlichen

„Schulverweigerer“, „schulmüde Jugendliche“ – das hört sich zunächst nach „null Bock“, keine Lust auf Mathe, Deutsch, Englisch an. Früh aufstehen? Ein No-Go! Dass die Projektbezeichnung missverständlich sein könnte, macht Motivia-Leiterin Karin Nießen deutlich: „Wir haben hier auch Kinder und Jugendliche von 13 bis 17 Jahren, die unter psychischen und sozialen Phobien leiden, Angstzustände die sie daran hindern, einem geregelten Leben mit schulischen Verpflichtungen nachzukommen. Wir haben hier keine Null-Bock-Jugendlichen.“

Wie diese Phobien und psychischen Beeinträchtigungen sich bemerkbar machen und wie sie mit Motivia die „letzte Ausfahrt Brooklyn“ genommen haben, erzählen Jasmin, Kira und Sebastian ganz offen. Dabei sind ihre Geschichten irgendwie ähnlich – und doch anders. Jasmin etwa wurde über vier Jahre an ihrer Schule gemobbt, zunächst war sie überhaupt nicht unbeliebt, doch von einem auf den anderen Tag gab es Zoff mit ihrer Freundin – und die Dinge nahmen ihren Lauf, ohne dass sie etwas dagegen hat unternehmen können. Üble Nachrede, Gruppen, die opponierten und sie ausgrenzten. Sie fühlte sich alleine, auch von ihren Lehrern bekam sie in ihren Augen keine Hilfe: „Die haben mir nicht geholfen Die schoben mir die Schuld in die Schuhe, selbst wenn sie gesehen haben, wie ich etwa einen Schlag auf den Hinterkopf bekommen habe.“

Jasmin wurde krank aufgrund des psychischen Drucks, der sich über vier Jahre entwickelt hatte. Wohlgemerkt, die heute 17-Jährige war damals ein Kind, gerade in der Pubertät angekommen. „Der Schmerz, den ich innerlich verspürte“, sagt sie heute, „hat mich aggressiv gegenüber dem Leben gemacht.“ Es folgte der Aufenthalt in einer psychiatrischen Tagesklinik. „Aber dort wurde ich mit meinen Problemen auch nicht akzeptiert. Dafür gab es reichlich Fluoxetin (ein Anti-Depressiva, d. Red.) gegen Stimmungsschwankungen. „Ich bekam Fressattacken, wog 80 Kilo und habe mich wochenlang übergeben, um mein Gewicht wieder zu bekommen.“ Jasmin wurde in die offene Kinder- und Jugendpsychiatrie überwiesen. „Da haben meine Eltern mich rausgeholt. Beide Einrichtungen haben mir nicht weitergeholfen.“

So ähnlich erging es auch Kira und Sebastian: Erfahrungen in der Tagesklinik und der Kinder- und Jugendpsychiatrie haben auch diese beiden Jugendlichen gemacht – mit ähnlichen Resultaten: Sie fühlten sich dort auch unverstanden. Wenn die drei über die Zeiten in den Kliniken reden, hört es sich an, als tauschten alte Kriegsveteranen ihre Erfahrungen aus. Sie klingen verbittert.

Mobbing, aber auch „Probleme mit Autoritäten“ haben die 16-jährige Kira über Umwege zu Motivia geführt. Hinzu kamen Schwierigkeiten in der Familie. Als 13-Jährige startete ihr „Karriere“ als Schulverweigerin. Der Vater dachte, sie ginge in die Schule – damals noch in die Realschule – statt dessen hing sie mit Älteren auf der Straße ab, Zigaretten und auch Alkohol gab es statt Pausenbrot und Unterricht. Monatelang blieb sie dem Unterricht fern. Der schulische Abstieg folgte zwangsläufig. Erst wechselte sie auf eine Hauptschule, aber das, was ihr zu schaffen machte – Angst und Aggression – folgten ihr dorthin.

„Von hier auf jetzt kann dann der Kopf komplett ausschalten“, sagt sie. Ihre Versetzung in eine Förderschule war im Gespräch, doch eine Schulpsychologin stellte letztlich fest, dass Kira nicht Probleme mit dem Lernen, sondern mit ihrem Umfeld hat. „Jetzt bin ich seit zwei Jahren hier. Auch wenn ich anfangs ziemlich Angst hatte, fühlte ich mich schnell wohl. Ich hatte schon bald das Gefühl, dass man sich hier wirklich für meine Probleme, für mich interessiert. Das hat mir geholfen.“

Erst ein Jahr ist Sebastian bei Motivia. Auch er ist Opfer eines Mobbings an seiner Schule. In der siebten Klasse fing es an: „Ich wurde festgehalten, geschubst. Die Übergriffe waren körperlich.“ Sebastian bekam psychisch bedingte Magenschmerzen: „Sechs Monate bin ich nicht zur Schule gegangen. Ich habe es versucht, aber schon bei der Vorstellung dorthin zu gehen, bekam ich Schmerzen“, erzählt der heute 16-Jährige. „Ich hatte Angst und kam nicht aus dem Bett.“ Seine Eltern wollten Sebastian schützen. Ein Schulwechsel jedoch brachte auch nichts: „Zwei, drei Wochen ging das gut. Dann kamen die Schmerzen wieder.“ Auch er besuchte eine psychiatrische Tagesklinik. Vergebens. Es folgte die Zwangseinweisung in die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dort haben sie ihn drei Monate dabehalten. „Bis meine Eltern alle Formalitäten durchbekommen haben, um mich rauszuholen.“

Seit einem Jahr ist er nun schon bei Motivia, gesundheitlich geht es Sebastian besser. Es geht aufwärts. Jasmin und Kira verlassen jetzt den Ort, den sie selbst als „letzte Chance“ bezeichnet haben. Kira hat hohe Ziele: Fach-Abi, dann ein Studium zur Sozialpädagogin. Jasmin möchte einen Ausbildung im Gesundheitswesen machen, Schwerpunkt Pflege. Natürlich sind die beiden ein wenig verunsichert, wenn sie „ins nächste Leben“ starten. Aber auch zuversichtlich: „Wir schaffen das. Außerdem wissen wir, dass wir jederzeit die Leute bei Motivia besuchen und um Rat fragen können“, sagen sie. Und Sebastian freut sich schon auf diese Besuche.

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