Alsdorfer Stadtgespräch: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg

Von: Holger Bubel
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Begrüßte Podiumsgäste und
Begrüßte Podiumsgäste und zahlreiche Zuhörer in der Stadthalle: Peter Steigass (r.), Vorsitzender des Stadtmarketing Fördervereins. Rede und Antwort standen unter anderem Abiturient Kareem Bayo (v.l.), Mevlüt Zorlu, Friseurmeisterin Nurhan Gümüs, Tierarzt Alpha Diallo und Bürgermeister Alfred Sonders. Foto: Holger Bubel

Alsdorf. Eins vorweggenommen: Dieses Alsorfer Stadtgespräch - das vierte nunmehr - war anders als die vorherigen. Denn das Thema „Farbe bekennen - Integration durch Bildung” ist eigentlich kein Alsdorf spezifisches, wie etwa zuvor die Diskussionen über „Die neue Mitte”, „Einkaufen in Alsdorf” oder „Illumination der Innenstadt”.

Dieses Thema geht alle Gesellschaften etwas an, die Menschen mit Migrationshintergrund in ihre Mitte holen wollen.

Moderiert vom evangelischen Pfarrer Ulrich Eichenberg und unserem Redakteur Karl Stüber, waren es diesmal auch ausgesprochen viele interessierte Zuhörer, die sich zur Veranstaltung im Seminarraum der Stadthalle eingefunden hatten - Menschen mit, aber auch ebenso viele Adorfer Bürger ohne Migrationshintergrund.

Was sie von den Protagonisten - Jugendliche, Ehrenamtler, Menschen, die mit beiden Beinen im Leben stehen und auch berufliche und private Karriere gemacht haben - zu hören bekamen, war interessant, zuweilen humorvoll und nicht selten auch nachdenklich machend. Probleme wurden angesprochen, aber auch individuelle Lösungen präsentiert. Diese hatten eines gemeinsam: Nur wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Heute Friseurmeisterin

So etwa bei Nurhan Gümüs: In Deutschland geboren, war die Deutsch-Türkin schon in frühen Jahren hin und hergerissen zwischen der westlichen und der muslimischen Kultur: „Hier wurde ich als türkisches Gastarbeiterkind abgestempelt und in der Türkei als deutsches Schwein beschimpft”, erinnert sie sich an ihre Schulzeit in je beiden Ländern. Der Wille, aber auch einzelne Menschen, etwa ihre Lehrerin, zeigten ihr den Weg, etwas aus ihrem Leben zu machen. Heute ist sie Friseurmeisterin mit einem eigenen Salon.

Ähnlich schlechte Erfahrungen hat Mounir Azzaoui machen müssen. Denkt er an seine Grundschulzeit in Begau zurück, beschleicht den studierten Politikwissenschaftler, der heute global unterwegs ist, ein sehr schlechtes Gefühl: „Alle türkischen Kinder wurden in einer Baracke unterrichtet, nur die deutschen durften ins Hauptgebäude. Meinem Bruder wurde in Begau die Hauptschule empfohlen, weil er als Gastarbeiterkind sowieso wieder in die Heimat geht.” Seine marokkanischen Eltern waren maßgeblich beteiligt, dass er und sein Bruder berufliche und gesellschaftliche Musterwege durchliefen. Die Eltern schickten Sohn Mounir wöchentlich ins arabische Zentrum nach Aachen. „Das hat zu meiner Identitätsentwicklung beigetragen. Heute sehe ich mich als deutscher Moslem mit arabischem Hintergrund.” Auch bei ihm waren Wille und Integrationsbereitschaft ausschlaggebend: „Man muss auch an die Tür der Gesellschaft klopfen, wenn sie sich öffnen soll.”

Integration ist keine Einbahnstraße, sagt Mevlüt Zorlu, der erst mit 17 Jahren nach Deutschland und damit nach Alsdorf gekommen war. Heute ist er 48 Jahre alt, steht voll im Berufsleben bei RWE Powers und ist Vorsitzender des Integrationsrates Alsdorf: „Wir brauchen keinen Sarrazin, keinen Bushido und auch keine Hassprediger, sondern einen gesunden Menschenverstand, der das einzelne Individuum in den Vordergrund stellt”, gibt er die Marschrichtung für eine gelungene Integration vor. Dazu müsse man unbedingt die Sprache des Landes, in dem man lebe, beherrschen, aber auch klar Farbe bekennen zu dem, der man ist.

Sprache, Schule, Erziehung und Bildung - das sind auch nach Auffassung des jüngsten Podiumteilnehmers, des Abiturienten Kareem Bayo, die Eckpfeiler für eine erfolgreiche Integration. Seine Nigerianischen Eltern legten schon früh allergrößten Wert auf eine fundierte schulische Ausbildung. Im multikulturellen Umfeld der Gustav-Heinemann-Gesamtschule fand er auch im Freundeskreis Ansporn, das Beste aus sich herauszuholen: „Meine Freunde und meine Lehrer haben in mir zusätzlich die Motivation geweckt, etwas zu erreichen”, sagt der 19-Jährige, der sich an seiner Schule aus „sozialem Interesse” zum Schülersprecher hat wählen lassen.

Respekt, Teamfähigkeit, Anstand

„Man kann alles erreichen, wenn man nur will”, meint auch Sadettin Özdemir und bezieht das nicht nur auf Menschen mit Migrationshintergrund. Der türkische Sport- und Taekwondo-Lehrer nennt weitere Tugenden, die neben der Sprache und der Motivation dazu gehören: Respekt, Teamfähigkeit, Anstand.

Gleich einen doppelten Integrationsweg musste Tierarzt Alpha Diallo gehen: Über die damalige DDR kam er nach Alsdorf: „In Leipzig als Farbiger Integration erfahren, war kein Kinderspiel”, verriet der humorige Mediziner. Doch der Wille zum Studium habe ihn angetrieben. Und: „Ich gehe auch nicht mehr nach Afrika zurück. Meinen Grabstein habe ich hier bestellt.”

Das Fazit nach diesem Abend zogen die Moderatoren Redakteur Stüber und Pfarrer Eichenberg: Integration geschieht nur über Sprache und Bildung. Ein entsprechendes Umfeld zu schaffen, und zwar für alle Jugendlichen, ist Auftrag an die Gesellschaft. Denn diese könne es sich angesichts des demografischen Wandels nicht erlauben, nur einen einzigen Mitbürger zurück zu lassen.
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