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Abgestürzter US-Pilot: Spurensuche führt zur Großcousine

Von: Beatrix Oprée
Letzte Aktualisierung:
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Minuziöse Forschung führte sie zusammen: JoAnn Linrud (l.) und Martina Offermanns (r.) mit einem Foto von einem ihrer deutsch-amerikanisch-kanadischen Familientreffen. Stets mit dabei: Ehemann Karl-Josef und Tochter Ramona Offermanns. Foto: Beatrix Oprée
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Sichteten Dokumente: JoAnn Linrud (r.) und Wim Slangen (l.). Foto: Oprée

Herzogenrath/Kerkrade/Würselen. „Donald P. Breeden ist bis heute vermisst“ lautete der Titel unseres Berichts über einen amerikanischen Soldaten, der im Oktober 1943 als Co-Pilot einer Boeing B17, genannt „Flying Fortress“, über Herzogenrath-Finkenrath abgeschossen wurde. Sein Schicksal war es, das den Kerkrader Wim Slangen umtrieb, dessen Großonkel den Absturz vor über 73 Jahren miterlebt hatte.

Vor einiger Zeit hatte Slangen den Namen Breedens auf der Tafel der Vermissten in Margraten entdeckt und beschlossen, eigene Nachforschungen anzustellen. Es gelang ihm, Witwe, Tochter und Enkelin des Verschollenen in San Francisco ausfindig zu machen und Donald Paul Breeden ein Gesicht zuzuordnen. Aber Wim Slangen und letztlich unsere Berichterstattung haben noch mehr in Bewegung gesetzt, nämlich einen weißen Fleck in einer weiteren Familiengeschichte im Kontext mit der Flying Fortress von Finkenrath gefüllt. Eine Geschichte, die ein glückliches Ende fand.

Hier kommt Karl-Josef Offermanns aus Würselen ins Spiel: Er war es, der bei der Lektüre unseres Artikels über den Namen Arthur Linrud stolperte. Linrud war Bordingenieur und Dachturmschütze der abgeschossenen Flying Fortress und hatte zusammen mit Pilot Dennis J. McDarby und drei weiteren Crew-Mitgliedern per Fallschirmabsprung überlebt.

Passionierte Ahnenforscherin

Offermanns wusste, dass ein Teil der einst in die Neue Welt ausgewanderten Familie seiner Frau ebenfalls Linrud heißt. Martina Offermanns ist passionierte Ahnenforscherin, seit der kanadische Zweig ihrer Familie im Jahr 2000 Kontakt zu ihr aufgenommen hatte. Auf 300 Jahre zurück kann sie ihre Abstammung mittlerweile belegen. „Rund 2500 Namen habe ich dazu ausfindig gemacht“, erzählt sie im Gespräch mit unserer Zeitung. Regelmäßig kommt der heutige Clan an einem anderen Ort in Deutschland, Kanada oder den USA zusammen. Zum großen Wiedersehen gibt es dann immer auch ein ausgefeiltes Kulturprogramm.

Sie alle gehen auf den Ur-Ur-Ur-Großvater August Wilhelm Gliege aus Michalinow (heute Polen) zurück, der vier Söhne hatte und somit vier Familienzweige begründete. Auf einem dieser Familientreffen hatte Martina Offermanns vor einigen Jahren denn auch JoAnn Linrud kennengelernt, zu der sie aufgrund des Zeitungsartikels denn auch sofort Kontakt aufnahm: „Kann es sein, dass es sich bei Bordingenieur Linrud um Deinen Vater handelt?“

JoAnn Linrud (66) wusste, dass ihr Vater irgendwo im Aachener Raum abgeschossen worden und in deutsche Gefangenschaft geraten war. Aber es war ihr neu, dass dies in der Nähe der Heimat ausgerechnet der Würselener Großcousine geschah, die sie just besuchen wollte.

Über unsere Zeitung wurde dann noch der Kontakt zu Wim Slangen geknüpft. Der nahm die Gelegenheit gerne wahr, die Tochter eines Überlebenden der Boeing B17 zu treffen und ihr die Absturzstellen der Maschinenteile, die sich von Eygelshoven bis zum Gelände oberhalb der Nivelsteiner Sandwerke erstreckten, zu zeigen.

Pilot McDarby habe seinen Männern am 13. Oktober 1943 noch zugerufen, aufzupassen, und dann das Kommando zum Absprung gegeben, weiß JoAnn Linrud aus den Erzählungen ihres Vaters. Allerdings: „Als wir Kinder waren, hat er nie über den Krieg gesprochen“, sagt sie. Erst später habe er angefangen, sich mit dem Erlebten auseinanderzusetzen, gründete eine Veteranengruppe und besuchte Treffen einstiger Kriegsgefangener.

Arthur Linrud hatte zunächst als Schreiner gearbeitet und ging 1942 zur Army. Mit Adele, die er 1946 heiratete, war er schon zusammen auf der High School gewesen. Beide waren auf Farmen aufgewachsen und entschlossen sich, wieder eine Farm zu bewirtschaften. Das Paar bekam vier Töchter – die heute nicht leben würden, wenn Arthur den Kampfeinsatz über Herzogenrath nicht mit viel Glück überlebt hätte.

Drei Tage hatte im Oktober 1943 schon das schlechte Wetter am Stützpunkt der Royal Air Force bei Northampton angehalten. „Die Männer glaubten, der Start werde wieder verschoben“, sagt JoAnn. Dann sei der Befehl doch gekommen.

Gegen 9.15 Uhr seien die Maschinen aufgestiegen, eine der kriegswichtigen Kugellagerfabriken in Schweinfurt als Ziel. Erst gegen Mittag hätten sie im dichten Nebel über dem Kanal die anderen Flieger gefunden, um die typische V-Formation der „Flying Fortress“ zu bilden. JoAnn: „Doch sie nahmen eine falsche Position ein, unterhalb der anderen, weswegen sie verwundbar waren“ und von den deutschen Abfangjägern erwischt wurden.

Wegen der vielen Augenzeugen in Finkenrath und Eygelshoven hatten die Abgesprungenen nicht fliehen können, sondern wurden sehr bald festgenommen. Was sich in der Gefangenschaft ereignete, hat Wim Slangen herausgefunden: Er berichtet von der Überführung zum Verhörlager nahe Frankfurt, von Einzelhaft, ständigen Befragungen und sogar Erschießungsandrohungen, um Druck auszuüben.

JoAnn Linrud hat selbst einiges an Dokumenten nach Würselen mitgebracht und ist froh, wieder ein Stück mehr Gewissheit zu haben über das, was ihr Vater als 23-Jähriger durchleben musste. „Es ist furchtbar, sich vorzustellen, in welch schrecklichen Situationen sich diese jungen Menschen wiederfanden, in einem Alter, in dem man eigentlich eine Familie gründet und andere Dinge im Kopf haben sollte“, sagt sie. „Das Opfer, das mein Vater brachte, hat sein Leben beherrscht, auch wenn er es uns nie spüren ließ.“

Und alle Beteiligten sind froh, dass der Krieg lange überwunden ist und die Familien über die Kontinente hinweg wieder zueinandergefunden haben.

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