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Zahl der Mini-Jobber mehr als verdoppelt

Von: Rainer Herwartz
Letzte Aktualisierung:
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In der Gastro-Branche werde es für Beschäftigte immer schwerer, einen Vollzeitjob zu bekommen, sagte der Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in Aachen, Peter Mogga. So habe die Arbeitsagentur im vergangenen Jahr im Kreis Heinsberg fast 2670 Mini-Jobber in der Hotel- und Gaststättenbranche registriert. Foto: imago

Heinsberg. Der Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in Aachen, Peter Mogga, spricht von einer wahren Mini-Job-Schwemme in der Gastronomie. Immer mehr Hotels, Gaststätten und Restaurants im Kreis Heinsberg setzten auf Teilzeitkräfte und 400-Euro-Jobber.

In der Gastro-Branche werde es für Beschäftigte immer schwerer, einen Vollzeitjob zu bekommen. So habe die Arbeitsagentur im vergangenen Jahr im Kreis Heinsberg fast 2670 Mini-Jobber in der Hotel- und Gaststättenbranche registriert. Die Zahl der geringfügig Beschäftigten habe sich damit in den zurückliegenden zehn Jahren mehr als verdoppelt.

Auch die Teilzeitarbeit hat nach Angaben der NGG drastisch zugenommen: Von der Köchin bis zum Kellner hätten mehr als 420 Menschen im Kreis Heinsberg im vergangenen Jahr lediglich einen Teilzeitjob gehabt, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Das seien 34 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Gegenüber 2001 ist dies ein Plus von vier Prozent. Die Zahl der Teilzeit- und Mini-Jobs sei damit deutlich stärker gestiegen als der Jobzuwachs der Branche insgesamt.

„Die Gastro-Branche setzt bewusst auf Patchwork-Belegschaften mit Mini-Verträgen”, sagt Mogga. Die Arbeitgeber sparten damit Sozialabgaben. Es falle ihnen auch leichter, den Tariflohn zu unterlaufen. „Und Mini-Jobbern werden häufig tarifliche Leistungen wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld, tariflicher Urlaub sowie Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall, die ihnen eigentlich zustehen, vorenthalten”, so der NGG-Geschäftsführer.

Spätestens dann, wenn es um die Rente gehe, würden Teilzeit- und Mini-Jobs für einen Großteil der Beschäftigten zum Bumerang: Viel zu geringe Rentenansprüche und damit Altersarmut seien vorprogrammiert. Der Gewerkschafter propagiert einen gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro, um die Situation zumindest zum Teil zu entschärfen.

„Der Trend, den Beschäftigten im Kreis Heinsberg lediglich kleine und zudem oft auch noch befristete Arbeitsverträge zu geben, wirft ein denkbar schlechtes Licht auf die Branche”, so Mogga. Schon jetzt seien Hotellerie und Gastronomie Schlusslichter bei den Löhnen und beim Ranking der Ausbildungsberufe. „Mit diesen Arbeitsbedingungen wird es keinem Hoteldirektor und keiner Restaurantchefin gelingen, einen Betrieb auf Dauer erfolgreich zu führen. Jeder muss mit seinem Job die eigene Existenz sichern können. Wer arbeitet, der muss davon auch leben können”, meint er. Viele Beschäftigte in der Gastronomie seien derzeit gezwungen, gleich mehrere Teilzeit-Jobs zu machen, um über die Runden zu kommen. Viele seien als Aufstocker sogar auf staatliche Unterstützung angewiesen.

Karsten Gärtner, Restaurantleiter bei „Tante Lucie” in Wassenberg, ist das Problem nicht neu. „Ich kenne das von Bewerbungsgesprächen, dass viele in anderen Betrieben nur Angebote im Mini-Jobber-Bereich erhalten.” Im Wassenberger Traditionsrestaurant werde hingegen versucht, „ein gesundes Verhältnis zu schaffen zwischen unserem Stammteam und ergänzenden Kräften”.

„Tante Lucie” sei in der glücklichen Lage, viele Mitarbeiter zu haben, die aufgrund ihrer familiären Situation nur zwei Tage in der Woche arbeiten wollten. Das mindere die Fluktuation und ermögliche zudem, in Saisonspitzenzeiten und bei Festivitäten auf qualifiziertes Personal zurückgreifen zu können. Die Hauptsaison erstrecke sich von Mai bis Dezember. Neben den elf Vollzeitmitarbeitern stünden dann noch etwa zwölf weitere Namen auf dem Dienstplan. „Sie bleiben danach natürlich auch noch zum Beispiel für die Sonntage erhalten.”

Gärtner glaubt, dass sich auch in anderen Betrieben der gehobenen Gastronomie ein ähnliches Bild ergibt und sich die Zahl der Mini-Jobber hier in Grenzen hält. „Wir müssen einen Stammgast wiedererkennen”, sagt er. Es sei wichtig, auch mit der Zeit seine Vorlieben zu verinnerlichen. Das schaffe eben eine ganz besondere Gastlichkeit.

Elke Weishaupt, die mit ihrer Schwester Ute seit Anfang des Jahres das Alte Brauhaus in Heinsberg betreibt, nähert sich der Thematik Geringverdiener mit einer Frage, die sie dann auch gleich selbst beantwortet: „Warum stellen viele Mini-Jobber ein? Weil sie eine Vollzeitkraft nicht mehr bezahlen können!” Seit 25 Jahren in der Gastronomie tätig, wisse sie, wovon sie spreche.

„Was nutzt es, wenn ich eine Vollzeitkraft einstelle, die ich dann am Ende des Monats nicht bezahlen kann”, stellt Weishaupt rhetorisch in den Raum. „Als ich in den 80er Jahren in der Ausbildung steckte, war noch alles kontinuierlicher, aber da konnte man auch noch nicht für 79 Euro in den Süden fliegen.” Heute laufe das Geschäft an einem Mittwoch dreimal hintereinander sehr gut und dann säßen plötzlich nur noch zwei Leute da, bringt sie ein Beispiel. Ein Grund hierfür lasse sich nur schwer greifen.
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