Wildenrather können in diesem Jahr wieder Pfirsiche ernten

Von: Verena Müller
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Elf Jahre gab es für Hans Ess
Elf Jahre gab es für Hans Esser keine Ernte, seit ein paar Jahren kann er aber wieder Früchte verkaufen. Foto: Verena Müller

Wegberg-Wildenrath. Wildenrather können in diesem Jahr wieder einmal Pfirsiche ernten. Früher kamen die Menschen um diese Zeit scharenweise, um den Wassenberger Sämling wäschekörbeweise von Pfirsichzüchtern in Wassenberg und Wildenrath zu kaufen.

„Zentrum des westdeutschen Pfirsichanbaus” nannte sich Wassenberg auf Flyern aus den 50er Jahren, in denen die Züchter gelistet waren. Inzwischen ist es um die Frucht mit dem „köstlichen Aroma”, die sich durch eine hohe „Kernlöslichkeit” auszeichnet - so steht es im Flyer weiter - ruhig geworden. Der Baumbestand ist massiv geschrumpft und die Stadt Wassenberg wirbt heute anstelle des Sämlings mit dem Effelder Doppelpack Waldsee und Spargel oder mit dem niederländischen Nationalpark De Meinweg.

Aber es gibt ihn noch, den Sämling, und in diesem Jahr auch wieder zu kaufen. Nicht in Hülle und Fülle, aber auf Anfrage verkaufen Rita und Hans Esser aus Wildenrath ein paar Kistchen. Der Sämling ist für sie so etwas wie ein Familienmitglied.

Die meisten Pfirsichzüchter betrieben den Obstanbau nebenher, so war das auch bei den Großeltern und Eltern von Rita Esser. Laut Schätzungen gab es hier in der Gegend über 15.000 Bäume. Rita Essers Vater, Wilhelm Schmitz, hatte einen Großhandel für Geflügel, Butter, Eier und Käse und nebenher an die 750 Pfirsichbäume. Als er 1998 starb, wurde die Plantage unter den Kindern aufgeteilt.

Rita Esser und ihr Mann Hans mussten nicht lange überlegen, ob sie die Bäume weiter pflegen wollten oder nicht, „obwohl es furchtbar viel Arbeit ist und ein teures Hobby”, sagt Rita Esser. Regelmäßiges Schneiden und das Behandeln gegen die Kräuselkrankheit, für die die Bäume sehr anfällig sind, nehmen schon rund zwei Monate ein.

Der Traktor und die anderen Arbeitsgeräte müssen gewartet werden, auch das kostet Zeit und Geld. „Elf Jahre waren all die Mühen umsonst, weil die Blüten Ende April bei Nachtfrost erfroren sind”, erzählt Hans Esser. Da hätte er schon überlegt, ob sie den Obstanbau nicht drangeben sollen, zumal beide noch berufstätig waren. Ein Jahr sei außerdem die Hälfte der Ernte gestohlen worden - drei von sechs Pfirsichen.

Das Jahr 2009 markierte den großen Wendepunkt: Die Äste bogen sich vor Früchten und die Essers wussten: „Wenn wir jetzt nicht die Werbetrommel rühren, wissen wir nicht wohin mit ihnen.” Und die Leute kamen. „So viele, dass wir kaum Nachschub ernten konnten, wie Pfirsiche nachgefragt wurden”, sagt Rita Esser. Vor ihrem Haus an der Heinsbergerstraße 64 bauten sie einen Pavillon auf, wo die Menschen aus Heinsberg, Aachen, Düren und Mönchengladbach Schlange standen.

War das Obst vergriffen, kam es zum Teil zu herzzerreißenden Momenten. Ob nicht doch noch ein paar Pfirsiche da seien, an denen sie wenigstens kurz riechen könnte?”, fragte eine ältere Frau beispielsweise ... Die Frucht reift am Baum, ist süß-säuerlich und muss innerhalb von zwei, drei Tagen verzehrt oder verarbeitet werden, weil sie sonst verdirbt.

Dieses Jahr ist kein Rekordjahr und die Ernte ist vielleicht schon nächste Woche vorbei, aber die meisten der rund 200 Bäume auf der Plantage der Essers tragen jetzt noch Früchte. Damit ist das Wil-denrather Ehepaar eine der sehr wenigen Anlaufstellen für Sämling-Liebhaber. Vermutlich aufgrund der Kälte- und Schädlingsempfindlichkeit der Pflanze, wegen des hohen Zeitaufwands und wegen fehlendem Interesse jüngerer Generationen, ist der Sämling spärlich gesät. Im Rheinischen Obstgarten stehen ein paar Bäume - Altbestand aus der alten Plantage von Theo Jütten -, Karl-Heinz Heinrichs in Wassenberg sagt, dass er noch eine Plantage hat, und hier und da stehen noch ein paar Exemplare bei Privatleuten im Garten.

Wie der Sämling nach Wassenberg kam, ist unklar. Eine Legende besagt, dass Soldaten ihn aus Italien mitgebracht haben, eine andere, dass die Baronin von Schloss Elsum ihn im Garten anpflanzen ließ. Gesichert ist davon nichts. Fest steht nur, dass er „Sämling” heißt, weil er aus dem Stein gezogen wird. Deshalb halten die Essers auch den Boden offen. Im Herbst werden die Steine untergegraben, ein bis zwei Jahre später wachsen neue Bäumchen.

Und vielleicht ist das der Grundstock für neue Plantagen in der Region. Bürgermeister Manfred Winkens sagt jedenfalls, dass es das Ziel ist, den Sämling und die damit verbundenen Produkte wie Marmelade oder Likör wieder regional zu vermarkten. Schritt eins: Im Rheinischen Obstsortengarten „möglichst viele Bäume zu kultivieren”. Ursprünglich sollte der gesamte Garten mit dem Pfirsich bepflanzt werden, aber das sei gar nicht so einfach, so Winkens. Viele Bäume aus dem Altbestand waren schon abgestorben, als der Nabu das Gelände übernahm. Aber vielleicht gibt es ja bald eine Renaissance.
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