Wer Gewalttabu bricht, hat schlechte Karten

Von: Rainer Herwartz
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Heinsberg. Fast ein Jahrzehnt lang sei die Justizvollzugsanstalt in Heinsberg chronisch überbelegt gewesen, sagt deren Leiterin Ingrid Lambertz. Die Reformen im Jugendstrafvollzug seit dem Foltermord von Siegburg hätten daher in der Tat zu einem Rückgang gewalttätiger Übergriffe unter den Jugendlichen geführt.

Offiziell, so Lambertz, sei die Heinsberger JVA für 242 Häftlinge im geschlossenen Vollzug konzipiert gewesen. Die Belegungszahlen hätten jedoch zum Teil über 300 gelegen. „Da waren wir echt in Not. Auf Einzelzellen lagen zwei junge Leute und in den Gemeinschaftszellen lagen jeweils vier Personen.

Das ist jedoch nicht gut, da es dort, so lehrt die Erfahrung, häufig zu Übergriffen kommt”, weiß die JVA-Chefin. Grund sei oft eine Art „Fraktionsbildung”. Auch bei der Tragödie in Siegburg sei dies so gewesen.

Überzählige nach Siegburg

„Mit dem Stichtag 31. Dezember 2007 mussten alle Überbelegungen beseitigt sein. Dies erfolgte dadurch, dass die überzähligen Gefangenen alle in die Strafanstalt nach Siegburg gebracht wurden.” Dort sei vorübergehend ausreichender Platz geschaffen worden, weil alle erwachsenen Häftlinge gleichzeitig auf andere Anstalten verteilt wurden, erläutert Lambertz.

Die Viererzellen wurden mittlerweile zu Zweier-Zellen zurückgebaut. „Und diese dürfen nur in besonderen Fällen belegt werden.” Falls ein Häftling zum Beispiel an einer Erkrankung leide wie Epilepsie, bei der im Ernstfall eine schnelle Hilfe erforderlich ist, oder bei Suizid gefährdeten Häftlingen mache eine Zweier-Belegung Sinn, so Lambertz. „Grundsätzlich hat Siegburg alle noch einmal sensibilisiert. Die Verträglichkeitsprüfungen sind hierbei noch verstärkt worden.”

2013 komplett fertig

Der Neubau in Heinsberg, der erst im Jahr 2013 komplett fertig sein wird, sei übrigens genau so konzipiert. Dann allerdings wird es in Heinsberg 573 Haftplätze geben. 160 davon werden für Untersuchungshäftlinge reserviert sein und 48 für den offenen Vollzug. Schon Ende dieses Jahres werden die ersten U-Häftlinge erwartet.

Wenn die JVA in der Kreisstadt ihren Betrieb vollends aufgenommen hat und die schon in diesem Sommer fertige, neue Jugendhaftanstalt in Wuppertal-Ronsdorf mit 510 Plätzen steht, werde es in Siegburg keinen jugendlichen Häftling mehr geben. Dann ziehen wieder die erwachsenen Straftäter dort ein.

Dass es in Heinsberg seit der Umstrukturierung keine „ernsthaften Übergriffe” mehr gegeben hat, liegt laut Lambertz aber nicht nur an den räumlichen Veränderungen. Hier trage sicherlich auch das pädagogische Konzept „Gewalt ist tabu” seine Früchte, erklärt die studierte Juristin. Denn dieses habe direkte Auswirkungen auf das aus drei Stufen bestehende Vergünstigungssystem, das in der Anstalt angewendet wird.

Jeder Häftling beginne in Stufe 2, was zum Beispiel bedeute, dass er ein eigenes Fernsehgerät in der Zelle haben und seine Privatkleidung tragen dürfe. Gerade Letzteres sei besonders wichtig für die jungen Männer. In Stufe drei, die durch eine besonders gute Führung erreicht werden könne, gibt es dann mehr Freizeit und eventuell Haftlockerungen vom Hafturlaub bis zum offenen Vollzug.

Wer allerdings das Gewalttabu bricht, muss nicht nur damit rechnen, dass es sofort zu einer Anzeige bei der Staatsanwaltschaft kommt, sondern einer augenblicklichen Degradierung in die Vergünstigungsstufe eins.

Das heißt für den Strafgefangenen: keinen Fernseher in der Zelle, Anstaltskleidung tragen und nur das Mindestmaß an Zugeständnissen im Freizeitbereich, das das Gesetz vorschreibt.
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