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Wenn Knackis „abkacken”: Verlorene Zeit

Von: Norbert F. Schuldei
Letzte Aktualisierung:
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Die in Gerderath wohnende und in der JVA Heinsberg lehrende Renate Neuber hat einen Dokumentarfilm über den Tagesablauf der Gefangenen gedreht. Und damit auf Landesebene einen Preis gewonnen.

Heinsberg/Erkelenz. „Verlorene Zeit”. Das ist der Titel eines Dokumentarfilms, in dem der Tagesablauf jugendlicher Strafgefangener in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Heinsberg aus Sicht der Gefangenen dargestellt wird.

Akteure sind Justizvollzugsbeamte, der Schauplatz ist die JVA Heinsberg, die Hauptrollen spielen die Gefangenen selbst; die haben auch das Drehbuch ganz wesentlich mit ausgearbeitet. Regie, Schnitt, Ton und überhaupt alles, was zur Realisierung eines Dokumentarfilmes sonst noch so nötig ist: Renate Neuber.

„Verlorene Zeit” hat beim Landesfestival NRW des Deutschen Amateurfilmverbandes den „Futuri 2010”-Preis gewonnen, hat sich damit für das Bundesfestival im April qualifiziert und wird danach möglicherweise beim Deutschen Amateurfilmfestival am Himmelfahrtstag vorgeführt. „Wenn alles gut läuft, geht der Film zum Amateurfilmfestival des UICA in Luxemburg im August”, sagt die Filmemacherin Renate Neuber. UICA ist das Urban Institute for Contemporary Arts - wenn das klappt, wäre es die europäische Plattform für den Film aus dem Heinsberger Knast.

„Verlorene Zeit” - der Film beginnt damit, dass der Gefangene Sascha einen Brief nach „draußen” über einen Tag „drinnen” schreibt. Was er beschreibt, wird ins Bild gesetzt und von Sascha kommentiert.

Wie ist Renate Neuber auf die Idee für diesen Film gekommen? „Als meine beiden Kinder noch klein waren, habe ich begonnen, Filme zu drehen. Familienfilme, wie das viele machen”, sagt sie. 1978 bekam sie die Stelle als Lehrerin für Mathe und Englisch an der Justizvollzugsanstalt in Heinsberg.

„Der Job war eigentlich nur auf drei Jahre angelegt”, sagt die gebürtige Hagenerin, die heute in Erkelenz-Gerderath wohnt. „Aber dann wurde es noch ein Jahr und noch ein Jahr - und irgendwann gab´s kein Zurück mehr.” Jetzt, sagt sie, habe sie sich mit dem Job als Justizlehrerin „arrangiert”. Zumal sie inzwischen „nebenbei” ja auch noch hinter der Kamera steht. „Ja, ich kann Job und Hobby kombinieren. Das ist schön”, sagt Neuber. „Medienkompetenz vermitteln” nennt sie den pädagogischen Bezug ihrer filmerischen Arbeit: „Wenn man lernt, wie unromantisch Filme machen ist und dann sieht, wie schön das ist, was am Ende dabei herauskommt - das hat schon was.”

„Verlorene Zeit” - das ist auch die visuelle Beschreibung junger Menschen, die auf der Überholspur des Lebens in die falsche Richtung gerast sind und deren Leben jetzt wie in Zeitlupe vergeht. „Abkacken” heißt das im Knast-Jargon, wenn die jungen Männer auf ihrer winzigen Zelle sitzen und in die Glotze gucken.

„Die Jungs waren Feuer und Flamme, als wir über das Filmprojekt gesprochen haben”, sagt Neuber. Reportagemäßig sei sie an die Arbeit rangegangen. „Die Jungs waren beim Dreh bemerkenswert offenherzig, haben vor der Kamera auch Dinge gemacht, die eigentlich verboten sind,” sagt Neuber.

In einer Szene bauen sich zwei Häftlinge eine so genannte Kawumm, um Gras zu rauchen. „Drogen gibt es in jedem Knast, das weiß jeder. Warum das nicht zeigen? ” Auch nicht erlaubt: Um sich auf der Zelle ein Schnitzel zu braten, bastelt man sich ein Öfchen aus einer leeren Thunfischdose. Für das Feuer muss ein T-Shirt geopfert werden; die Stoffstreifen werden mit Margarine eingerieben und angezündet - das Schnitzel brutzelt auf dem Teller.

„Verlorene Zeit” zeigt in atmosphärisch dichten Bildern mit ruhigem Schnitt Strategien, mit deren Hilfe junge Männer das Leben hinter Gefängnismauern überleben können.

Verlorene Zeit war die Beschäftigung mit der Filmerei für Renate Neuber ganz sicher nicht. „Das mit der Filmerei hat sich in dem Maße fortentwickelt, in dem meine eigenen Kinder gewachsen sind”, sagt sie. Die beiden Söhne sind inzwischen 22 und 23 Jahre alt - und die Filmerin Renate Neuber ist mittlerweile so versiert, dass sie sich auch an größere Projekte herauntraut. Zu ihrer Entwicklung haben ganz wesentlich die Mitglieder des „Kamera aktiv”-Clubs in Mönchengladbach, dem sie viele Jahren angehört, beigetragen: „Man lernt und lernt und lernt - und dann gibt man irgendwann selbst weiter.”

Gerade hat sie ihren ersten Spielfilm abgedreht; wieder ist die Justizvollzugsanstalt Heinsberg Schauplatz der Handlung. „Es ist die Geschichte, wie ein Drogendealer in der JVA vom Saulus zum Paulus geläutert wird”, sagt sie. Im August des gerade vergangenen Jahres hat sie mit „ihren” Gefangenen mit der Ideensammlung für das Drehbuch begonnen. Jetzt muss der Film geschnitten, mit Musik untermalt werden und überhaupt so zurechtgemacht werden, dass er einem Publikum vorgeführt werden kann. Man darf gespannt sein.

Eines wird das Angucken des ersten Spielfilms von Renate Neuber ganz sicher nicht sein: Verlorene Zeit.
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