Kreis Heinsberg - Wenn die Sucht alle Träume platzen lässt: Ein Alkoholiker erzählt

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Wenn die Sucht alle Träume platzen lässt: Ein Alkoholiker erzählt

Von: Verena Müller
Letzte Aktualisierung:
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Seit einem Jahr ist Uwe Schiffer, dessen Name ebenso wie der seiner Lebensgefährtin geändert ist, das, was Therapeuten stabil trocken nennen. Foto: Imago

Kreis Heinsberg. Uwe Schiffer sitzt in der Küche seiner kleinen Wohnung. Vor ihm ein Becher mit selbst gestopften Zigaretten, so wie bei anderen vielleicht Salzstangen auf dem Tisch stehen. Seine Hände zittern, als er kurz zu seiner Lebensgefährtin ins Wohnzimmer geht, um ihr eine Tasse Kaffee zu bringen.

Dann setzt er sich wieder an den Tisch, redet einfach drauf los, lässt die vergangenen zwölf Jahre in zwei Stunden Revue passieren: Drei Flaschen Wodka am Tag, im Schnitt zwischen drei und fünf Promille im Blut, Job weg, Führerschein weg, drei Wiederbelebungen, 19 Entgiftungen innerhalb eines Jahres, epileptische Anfälle, ein Herzinfarkt und ein Selbstmordversuch - das ist die Bilanz des 45-Jährigen.

Es fällt ihm nicht leicht, darüber zu sprechen, aber mit Situationen klar zu kommen, die für andere Alltag sind, gehört im Moment zu den Dingen, die er sich wieder antrainieren muss. Also stellt er sich den Herausforderungen.

Seit einem Jahr ist Uwe Schiffer, dessen Name ebenso wie der seiner Lebensgefährtin geändert ist, das, was Therapeuten stabil trocken nennen. Er selbst würde das so wohl nicht unterschreiben. „Geschafft habe ich es noch lange nicht, ich habe die Krankheit nur zum Stillstand gebracht”, sagt er. Eigentlich könnten es jetzt schon drei Jahre sein, letztes Jahr im Juli kam aber eine SMS und damit ein Rückfall. „Ich hab gesoffen”, stand drin, geschrieben hatte es Petra Lange, seine Lebensgefährtin. Er trank auch, ließ sich aber noch am selben Tag einweisen.

Therapeuten sehen es ungern, wenn zwei Alkoholiker zusammenleben. Das weiß Uwe Schiffer, er wagt es trotzdem, weil er weiß, dass er auch ein Stück weit wegen Petra beschlossen hat, zu leben.

Heute, am Internationalen Anti-Drogen-Tag, geht es darum, Menschen wie Uwe Schiffer sprechen zu lassen, auf die Gefahren von Drogenmissbrauch hinzuweisen. Etwa 1,3 Millionen Menschen in Deutschland sind alkoholabhängig. Jedes Jahr sterben mindestens 73.000 Menschen an den Folgen der Krankheit. Nur etwa zehn Prozent aller Abhängigen unterziehen sich einer Therapie - oft erst nach zehn bis 15 Jahren. Im Kreis Heinsberg sind es laut Gesundheitsamt rund 1000 Menschen, die Hilfe bei den drei Beratungsstellen suchen.

Uwe Schiffer ist einmal pro Woche bei der Selbsthilfegruppe „Kreuzbund” der Caritas, außerdem nimmt er das Angebot des ambulanten betreuten Wohnens der Gangelter Einrichtungen Maria Hilf in Anspruch. „Eine Zeit lang war das einzige, was die für mich tun konnten, die 112 anzurufen”, erzählt Schiffer. Das „Jägermeister-Taxi”, wie er es mit bitterem Spott in der Stimme nennt. Heute trinkt man ein-, zweimal die Woche einen Kaffee zusammen, das wars.

Fast alles um Uwe Schiffer herum in dieser Küche stammt vom Sperrmüll. Ein amerikanisch anmutender Kühlschrank zeugt von besseren Zeiten, Zeiten, in denen Schiffer noch Träume hatte: ein Haus, zwei Kinder, einen guten Job in der Industrie Fernreisen, Harleyfahren. Das Haus hatte er, der Rest zerplatzte wie eine Seifenblase, als er seine damalige Frau mit einem seiner besten Freunde im Bett erwischte. Heute sagt er, dass er für seine Frau nie da gewesen sei, dass er sich eingeredet habe, alle anderen seien Schuld, nur er nicht.

Damals hat er seinen Freund durch die geschlossene Tür geprügelt, mit der Kettensäge alles im Haus in zwei Hälften geteilt. Er zog aus, in einen anderen Ort, dann begann die Phase des „Wundenleckens”, wie er es nennt, an der Flasche. Am Anfang reichten ein paar Flaschen Bier am Abend, ein paar Monate später musste schon morgens vor der Arbeit Schnaps her. 2001 knallte er bei einem Überholmanöver in eine Mauer.

Als die Polizisten ihn baten, auszusteigen, kullerte eine leere Wodkaflasche unter seinem Sitz hervor. Auto Schrott, Führerschein weg, Motorrad verkauft. „Aber das hat noch nicht gereicht”, sagt Uwe Schiffer. In seinem Job ohne Auto, das geht eigentlich nicht, also fuhr er Rad. Das Ende war aber unvermeidlich, er wurde arbeitslos.

Dann kam er mit seiner zweiten Frau zusammen, einer Jugendfreundin. Dass er ein Alkoholproblem hatte, wusste sie, aber nicht, dass er „rotznass” war, wie er es heute umschreibt. Er zog mit ihr zusammen, hatte wieder einen Job, versuchte 110 Prozent zu geben, damit er guten Gewissens betrunken arbeiten konnte. Das ging aber nur kurz gut, solange, bis seine Frau gewalttätig wurde. Je mehr er trank, desto aggressiver wurde sie, je mehr sie ihn misshandelte, desto mehr trank er.

Einen Vorwand, um zu trinken brauchte er schon lange nicht mehr, er brauchte den Alkohol, um das Zittern abzustellen, die Magenkrämpfe, die Schweißausbrüche. „Gesundmacher” nannte er ihn damals. „Dein Körper schreit nach Gift”, erzählt er. „Irgendwann habe ich mir halt eingeredet: Alkoholsucht ist eine anerkannte Krankheit, ich bin also krank, also darf ich trinken.” Am Ende fiel er in einer Auseinandersetzung mit seiner Frau die Treppe runter, verletzte sich schwer. Das Paar trennte sich, im gleichen Jahr machte er den ersten stationären Entzug. Vier weitere sollten folgen.

Andere Menschen haben Nummern ihrer Freunde und der Familie im Handy gespeichert, bei Uwe Schiffer sind es Suchtnotruf, Krankenhäuser, Selbsthilfegruppe, Pflegestationen, Entzugsstationen. Seinen Vater kennt er nicht, zu seiner Mutter und seinen Stiefgeschwistern hat er keinen Kontakt mehr. Die Großeltern, bei denen er aufgewachsen ist, sind schon lange tot. Freunde hat er seit dem Vorfall mit seiner ersten Frau nicht mehr, höchstens gute Bekannte. „Ich lasse niemanden mehr nahe an mich ran”, sagt er. Und nachdem er betrunken rückwärts von der Bühne gefallen war, will seine Band auch nichts mehr von ihm wissen. „Die Selbsthilfegruppe, die ist mein Familienersatz”, sagt Schiffer.

Die beiden gescheiterten Ehen hat er nur schwer verwunden. Eine Zeit lang ging er kaum unter Menschen und in den Supermarkt nur ganz früh. Dann stand er eine halbe Stunde, bevor der Laden aufmachte, vor der Tür. „Ist es wieder so schlimm?”, fragte ihn die Kassiererin dann. Noch im Laden, bevor er zur Kasse ging, trank er eine dreiviertel Flasche Wodka leer. Die Alibi-Koteletts oder den Alibi-Salat sparte er sich. Höchstens Milch nahm er noch mit, um die Schleimhäute der kaputten Speiseröhre ruhig zu stellen.

Peinlich war ihm nichts mehr, sein Selbstwertgefühl tendierte gen Null. „Aber ein Parksäufer war ich nie. Wenn Alkoholiker, dann mit Stil”, sagt Uwe Schiffer in seiner traurig-schnoddrigen Art. Über die Tatsache, dass er mal drei Wochen auf der Straße leben musste, spricht er deshalb auch nur ungern und nur leise.

Der Wendepunkt kam mit zwei wesentlichen Erkenntnissen: „Nicht trinken und trocken sein ist aber ein Unterschied. Das eine ist eine Trinkpause, das andere Abstinenz”, sagt der 45-Jährige.

Viel zu oft habe er einfach nur versucht, nicht zu trinken, sei aber unzufrieden gewesen, „weil ich mich nicht gut um mich gekümmert habe”. Er habe sein Denken und sein Handeln nicht verändert, sich nicht mit sich selbst auseinandergesetzt und sei so immer wieder abgerutscht. Die

Zweite Erkenntnis: leben zu wollen. Die kam mit Petra Lange. Es dauerte eine Weile, bis er sich auf sie einlassen konnte. Inzwischen sind Uwe und Petra fünf Jahre zusammen. Schiffer nickt gedankenverloren, „fünf Jahre”, sagt er mehr zu sich selbst, „schön”, und lächelt. Die beiden versuchen, ihrem Alltag eine feste Struktur zu geben.Große Ziele hat Uwe Schiffer derzeit nicht. Neben einem festen Job möchte er vielleicht wieder den Führerschein machen. Und sonst? „Jeden Abend in den Spiegel gucken können”, erzählt er. Jahrelang habe er das nicht getan. Jeder Tag ohne Alkohol ist hart erarbeitet, ein Etappensieg.

Die Verluste, die er erlitten hat, liegen vor allem im Immateriellen. Bestimmte Gegenden kann er nicht mehr aufsuchen, weil sonst sein Suchtgedächtnis anspringt. Kneipen fallen ironischerweise nicht darunter, weil er immer alleine getrunken hat und auch früher kein Kneipengänger war. Was viel schlimmer ist: Schiffer kann nicht in seinen alten Beruf zurück, muss ganze Stadtviertel meiden und kann bestimmte Musik nicht mehr hören. Die Brandenburgischen Konzerte von Johann Sebastian Bach zum Beispiel. „Ich bin sehr eingeschränkt”, sagt Schiffer. Aber er kämpft, auch wenn ihm die Auseinandersetzung mit seinen Problemen oft körperliche Schmerzen bereitet, es ihm peinlich ist, Schwäche zu zeigen und zu weinen.

Einmal ist ihm seine zweite Frau begegnet. Am liebsten wäre er direkt in den nächsten Supermarkt gegangen. Er hat dem Impuls aber nicht nachgegeben. „Es kann dir nichts passieren”, habe er sich gesagt, sich mit Atemtechniken beruhigt - und nach fünf bis zehn Minuten war es vorbei. Aber erst Tage später konnte er sich über den Erfolg freuen, so fertig war er.

Dass er irgendwo auf seinem Weg eine andere Abzweigung hätte nehmen können, diese Wahl, glaubt er, habe er nicht gehabt. „Ich musste meine Runden drehen.” Er hätte sich nur gewünscht, dass alles etwas früher passiert wäre, dann hätte er was länger von seinem jetzigen Lebensabschnitt.
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