Wassenberger Tierärztin hat auf Rhodos 138 Tiere kastriert

Von: Stefan Herrmann
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Wassenberg/Rhodos. „Wo die Götter Urlaub machen” locken PR-Experten Touristen auf die Inseln und an die Küsten Griechenlands. Etwas, was dagegen in jedem Werbekatalog für die nächste Pauschalreise fehlt, sind Bilder von wild herumstreunenden Hunden und Katzen, die unter zum Teil erbarmungswürdigen Umständen leben müssen.

Dort auf Rhodos, wo die Götter Urlaub machen, war auch die Wassenberger Tierärztin Dr. Verena Johann-von-der-Brüggen vor wenigen Tagen unterwegs. Ihre Mission versprach dabei wenig urlaubsüblich zu werden: In knapp neun Tagen nahm sie 138 Kastrationen an Hunden und Katzen vor.

Hilfe zur Selbsthilfe

In einer Fachzeitschrift wurde Johann-von-der-Brüggen auf den Braunschweiger Verein DAPS, „direct animal protection society”, aufmerksam. Dieser kümmert sich seit 2002 ehrenamtlich darum, den unkontrollierten Trieb der Tiere - die so genannten Pariahunde und -katzen - auf Rhodos einzudämmen. Der beste Weg für die „Hilfe zur Selbsthilfe vor Ort” (Johann-von-der-Brüggen) sei dabei die von Fachärzten vorgenommene Kastration. „Ich fand das vom Prinzip direkt gut”, erzählt die 34-Jährige. Schnell war der Kontakt zum DAPS-Gründerehepaar Gabriela und Georg Dyga hergestellt. Am 3. Mai saß sie dann im Flieger Richtung Rhodos.

„Ein bisschen war das da Arbeiten wie im Krieg”, sagt die Tierärztin rückblickend. Die hygienischen Umstände, unter denen das Fünf-Personen-Team die Kastrationen vornehmen mussten, waren nämlich keineswegs mit denen in deutschen Praxen zu vergleichen. „Funktioniert hat aber trotzdem alles”, betont Johann-von-der-Brüggen. Ein Hotelzimmer im Souterrain wurde kurzerhand zum OP-Saal umfunktioniert, der Schreib- zum Behandlungstisch der Tiere

Dass der Vergleich der jungen Tierärztin trotzdem ein wenig hinkt, liegt an der traumhaften Umgebung, in der Johann-von-der-Brüggen und ihre ausnahmslos ehrenamtlich aktiven Mitstreiter agierten: der Pool in Sichtweite, das Meer nicht weit. Urlaubsgefühle? „Ein bisschen”, gibt die seit sechs Jahren praktizierende Ärztin zu. Im Mittelpunkt stand aber stets die Arbeit im Namen von DAPS.

Das Problem der Straßentiere ist in den südeuropäischen Ländern ein altbekanntes. Der Braunschweiger Verein ist nur einer unter vielen Organisationen, die sich der Problematik annehmen. Eine wirkliche Kontrolle der aus dem Ufer laufenden Tierpopulationen und ihrer Folgen ist bisher aber nur ansatzweise gelungen. Daran tragen auch die Urlauber eine Mitschuld. „Teilweise steckt beim Verkauf solcher Straßentiere ein wahres Geschäft mit leichtgläubigen Touristen dahinter”, berichtet die Tierärztin.

„Soo süß!” findet die Tochter den am Strand herumstreunenden Hund. Mami kann dem Charme des Mischlings ebenfalls nicht widerstehen, Papi ist auch schnell überzeugt und flugs gehört Bello zur Familie. Eine rosige Zukunft in Deutschland? „Nicht immer ist das die beste Lösung für den Hund”, weiß die Expertin. „Wenn man sich wirklich ein Tier mitnehmen möchte, sollte man sich das vorher gut überlegen”, warnt Johann-von-der-Brüggen vor allzu schnell getätigten Urlaubsentschlüssen bei Sonne, Sand und Meer.

Zurück in der Heimat

Die Folgen werden oftmals nicht bedacht: Auf der Straße aufgewachsene Tiere sind nicht sozialisiert und an den Menschen gewöhnt, oder aber sie haben bereits traumatische Erlebnisse hinter sich. Zudem besteht die Gefahr, dass die Tiere - ob nun Hunde oder Katzen - Infektionen wie Leishmaniose (Sandmückenkrankheit) oder Babesiose (Hundemalaria) nach Deutschland einschleppen. Zurück in Heimat, stehen dann zum Teil teure Behandlungen an. Und Bello landet am Ende nicht selten im Tierheim.

Daher blickt Verena Johann-von-der-Brüggen skeptisch auf jeglichen (professionellen) Handel mit Hunden und auch Katzen aus südlichen Ländern. Ihr ist es vielmehr ein Anliegen, die Tierpopulationen vor Ort unter Kontrolle zu bringen. Doch auch gegen dieses Vorhaben existieren Widerstände. „Es wird nicht von allen gerne gesehen, dass dort Ärzte aus Deutschland anreisen, um Tiere zu kastrieren.” Umso wichtiger war es ihr, dass der Braunschweiger Verein für einen offiziellen Rahmen sorgte: So lag bei Abflug sowohl die griechische Arbeitsgenehmigung vor als auch ein vom Bürgermeister von Rhodos unterzeichneter Brief, der bestätigt, dass die deutschen Ärzte überall auf der Insel kastrieren dürfen.

Letztlich ist die Kastration auf Inseln wie Rhodos (auch) ein Geschäft. Nach der deutschen Gebührenordnung für Tierärzte fallen für eine Hündin etwa 300 Euro an, Katzen schlagen mit rund 100 Euro zu Buche. Die Preise in Griechenland sind ähnlich. „Da wird die Arbeit zur Gratwanderung”, ist sich Johann-von-der-Brüggen bewusst. Trotzdem ist die Tierärztin, selbst Katzenbesitzerin, vom Sinn ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit überzeugt. „Nächstes Jahr im Frühling werde ich vermutlich wieder hinfliegen”, sagt sie. „Steter Tropfen höhlt den Stein”, nennt die 34-Jährige das Motto ihres Engagements. Denn nur wenn ein nachhaltiger Tierschutzgedanke sowohl in die Köpfe der Menschen vor Ort als auch in die der Touristen gelangt, kann das Problem der Straßentiere langfristig gelöst werden, hofft Verena Johann-von-der-Brüggen.

Ehepaar gründet Vereinnach seinem Urlaub 2002

Die aus Braunschweig stammende tierärztliche Fachangestellte Gabriela Dyga und ihr Mann Georg gründeten den Verein DAPS nach einem Urlaub auf Rhodos im Jahr 2002, als sie vor Ort das Problem der Straßentiere auf der Insel erkannt hatten.

DAPS steht für „direct animal protection society”. Seit Jahren bemüht sich der Verein, der unkontrollierten Vermehrung von Hunden und Katzen auf Rhodos entgegenzuwirken und die Bevölkerung sowie die Touristen über das Thema aufzuklären.

Hierfür arbeitet der Verein eng mit dem Tierheim Rhodos Stadt zusammen, hilft im Aufbau und der Organisation. Regelmäßig werden tiermedizinische Hilfsmittel, von Medikamenten bis zum OP-Instrumentarium, verschickt.

„Die Population der Tiere muss gesenkt werden, zumindest konstant gehalten werden”, so Georg Dyga, Präsident von DAPS. Die Kastration von so vielen Tieren wie möglich lautet daher das erklärte Ziel des Braunschweiger Vereins.
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