Hückelhoven - Verkürzte Zivildienstzeit: Droht das Ende einer Tradition?

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Verkürzte Zivildienstzeit: Droht das Ende einer Tradition?

Von: Norbert F. Schuldei
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Miguel Reinacarmona leistet seit dem 16. März im Altenheim St. Lambertus in Hückelhoven seinen Zivildienst. Bei den Heimbewohnern ist der 19-Jährige sehr beliebt: „Ein netter junger Mann.” Foto: N. Schuldei

Hückelhoven. „Wir überlegen ernsthaft, auf diese Leute in Zukunft zu verzichten.” Markus Lowis sagt das. Er ist Leiter des Evangelischen Altenzentrums in Hückelhoven. Nein, nicht, dass er mit „diesen Leuten” unzufrieden wäre.

Ganz im Gegenteil: „Sie bringen frischen Wind in unsere Einrichtung. Und die Heimbewohner mögen sie sehr.” Lowis spricht von den jungen Männern, die in seinem Haus ihren Zivildienst ableisten. Die werden künftig nur noch sechs Monate zur Verfügung stehen.

„Die jungen Männer müssen rund einen Monat eingearbeitet werden, haben etwa vier Wochen Urlaub, müssen dann noch zweimal in ein Seminar zum staatsbürgerlichen Unterricht des Bundesamtes für den Zivildienst - da bleibt doch kaum noch Zeit, in denen wir die Zivis hier für unseren Tagesdienst einplanen können”, klagt Lowis.

Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hatte im März für allgemeine Überraschung gesorgt, als er ankündigte, dass die Pflichtzeit bei der Bundeswehr bereits im Oktober und der Ersatzdienst der Kriegsdienstverweigerer sogar schon im August von derzeit neun auf sechs Monate verkürzt wird; im Koalitionsvertrag von Union und FDP war dies für 2011 vorgesehen.

Möglich, dass der für Verteidigung zuständige Minister geahnt hat, dass er mit der Reduzierung der Dienstzeit für Verweigerer eine Detonation in vielen Sozialeinrichtungen der Republik auslösen würde: Dort nämlich kommt man inzwischen ohne die Zivis kaum noch über die Runden. Familienministerin Kristina Schröder machte den Zivildienstleistenden denn auch gleich den Vorschlag, ihre Ersatztätigkeit unmittelbar im Anschluss um bis zu sechs Monate bei gleicher Bezahlung und Fortlaufen der Versicherungen zu verlängern.

„Ich bitte Sie: wer macht das denn?”, fragt Markus Lowis. Nein, er setzt da viel eher auf junge Leute, die ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren wollen: „Die kennen wir dann gut, haben sie auf dem Gehaltszettel, und viele schließen eine Ausbildung zum Altenpfleger an. Die können wir nicht selten übernehmen”, sagt Lowis. Nur: Das sind in den wenigsten Fällen Zivildienstleistende. Immerhin werden zurzeit 18875 solcher Stellen mit staatlichen Mitteln gefördert.

Miguel Reinacarmona ist seit Mitte März Zivi im Altenheim St. Lambertus in Hückelhoven. Rund 540 Euro bekommt er monatlich für sein Wirken im technischen Bereich der Einrichtung. „Pflege ist nichts für mich”, sagt der 19-Jährige. „Aber Kontakt mit den alten Leuten, den will ich schon auch haben”.

Im Tagesablauf des Zivildienstleistenden ist das kein Problem, das Haus ist überschaubar, bisweilen bedingt die Hausmeisterarbeit Nähe mit den Bewohnern: „Wenn ich die Wäsche einsammele zum Beispiel. Aber auch so habe genügend ich Zeit für Gespräche”, sagt er. Günter van Ool, Leiter Sozialer Dienst im St.-Lambertus-Heim, hat für die „vier bis sechs Zivildienstleistenden, die wir jedes Jahr haben”, nur lobende Worte: „Die sind durch die Bank eine Bereicherung für den täglichen Lauf hier im Haus. Eine gute Sache für uns.”


Diese „gute Sache” kann sehr schnell Vergangenheit sein: „Ich fürchte, durch die Verkürzung der Dienstzeit bricht in vielen Heimen so manches zusammen.” Johanna van Dillen, die das sagt, ist Heimleiterin in St. Lambertus. „Wir können das noch wegstecken, aber ich kenne Einrichtungen, für die ist die Verkürzung der Dienstzeit schon ein echter Schlag.” Ohne die jungen Männer, sagt sie, wäre die Atmosphäre im Haus ganz anders: „Die Zivis sind eine Welt für sich. Das hat schon was.” Und, gibt Johanna van Dillen zu bedenken: „Das ist eine Tradition. Die droht jetzt einzuschlafen.”
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