Täter soll sein Leben lang zahlen

Von: Heike Ahlen
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Hückelhoven/Mönchengladbach. Rainer B. (44) steht wegen versuchten Totschlags und schwerer Kindesmisshandlung vor dem Mönchengladbacher Landgericht.

Am kommenden Montag soll das Urteil fallen. Rainer B. hat gestanden, am Abend des 20. Mai die kleine Leonie (damals 2), Tochter seiner früheren Lebensgefährtin, zweimal im Abstand von einer halben Stunde mit voller Wucht mit dem Kopf vor das Betthaupt geschlagen zu haben - weil sie schrie und nicht einschlafen wollte. Leonie schwebte tagelang zwischen Leben und Tod, ist heute als Folge der Misshandlungen schwer behindert. Eine Gehirnhälfte ist komplett ausgefallen, sie ist rechtsseitig gelähmt, fast völlig blind, kann nur noch hell und dunkel unterscheiden. Auch sprechen kann die Dreijährige kaum noch.

Unter strengen Auflagen ist Rainer B. aus der Untersuchungshaft entlassen worden - Haftverschonung. Die geschiedenen Eltern des Mädchens und die Verteidigung haben einen Aufsehen erregenden Vergleich geschlossen. Rainer B. geht ab heute wieder arbeiten. Sein Arbeitgeber, ein Dachdeckerbetrieb aus Geilenkirchen, stellt ihn wieder ein, lässt ihn erst einmal in einer Betriebswohnung wohnen. Alles, was er oberhalb der Pfändungsgrenze verdient, geht an Leonie.

Der Vergleich sieht vor, dass B. 25 000 Euro sofort als Schmerzensgeld zahlt und weitere 225 000 Euro als Schulden anerkennt, die er mit seinem verdienten Geld abstottert. Sollten darüber hinaus weitere Schäden auftreten, muss er auch für die gerade stehen. Verjähren wird die Schuld nie, er muss bis an sein Lebensende zahlen.

Irgendwann nach dem Urteil - Staatsanwältin Carola Guddat hat acht Jahre Haft gefordert - wird er zum Haftantritt aufgefordert. Dort soll er in den offenen Vollzug, um weiter arbeiten und bezahlen zu können.

Der Vorschlag zu dem Vergleich soll von der Verteidigung gekommen sein. „Eine Wiedergutmachung ist nicht möglich, das weiß mein Mandant”, sagte Verteidiger Oliver Wintz. „Aber es geht vielleicht, das Leben etwas erträglicher werden zu lassen.” Der Angeklagte sei nicht das Monster, das man annehme, wenn man die Akte zum ersten Mal lese.

Nebenklage-Anwalt Dirk Hawinkels beschrieb, warum die Eltern des Mädchens sich auf den spektakulären Vergleich eingelassen haben: „Der Vater sagte, es nütze keinem was, wenn er eine besonders harte Strafe bekommt. Er habe keine Rachegedanken mehr, sondern wolle nur, dass er eine gerechte Strafe bekommt.” B. habe mit seiner Tat das Leben einer Familie zerstört, fügte sein Kollege Thomas Heitzer hinzu. Leonies Brüder mussten von der Mutter zum Vater ziehen, damit die sich der Pflege des Mädchens widmen kann. Die Eltern mussten ihre Arbeit aufgeben, um für die verstörten Kinder da zu sein.

Der psychologische Gutachter Martin Albrecht hatte B. eine abnorme Persönlichkeit bescheinigt - ausgelöst wohl durch ein Kindheitstrauma. Rainer B. hatte im Alter von zwei Jahren mit seiner ein Jahr älteren Schwester mit ansehen müssen, wie sein Vater erst seine Mutter und dann sich selbst erschoss. Tagelang seien die beiden Kleinkinder mit den Leichen in australischer Abgeschiedenheit allein gewesen, bevor man sie fand und zu Verwandten nach Deutschland schickte.

Die Tat sei ein Aggressionsdurchbruch gewesen. Der genaue Auslöser sei nicht feststellbar. B. habe aber immer, wenn Beziehungen zu Frauen anfingen, schief zu laufen, die Schuld bei sich gesucht. Auch Leonies Mutter hatte Trennungsgedanken, so erklärte es B. dem Psychologen.
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