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Schwere Zeiten im Medizinischen Zentrum

Von: René Benden
Letzte Aktualisierung:
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Baustelle MZ: Der Anbau für über 20 Millionen Euro am Krankenhaus Marienhöhe ist für das Medizinische Zentrum überlebenswichtig, denn das Haus entspricht nicht mehr modernen medizinischen Standards. Insgesamt sollen rund 51 Millionen Euro investiert werden. Foto: Elisa Zander
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Schwere Aufgabe: MZ-Geschäftsführer René A. Bostelaar will durch einen tiefgreifenden Umbau das Krankenhaus der Städteregion wieder lukrativ zu machen.

Würselen. Es sollte ein Fest werden für das Medizinische Zentrum (MZ) der Städteregion. Am Mittwoch, so der Plan, wollte die Geschäftsführung Richtfest des neuen Anbaus an das Krankenhaus Marienhöhe in Würselen feiern – nette Grußworte, wohlwollende Glückwünsche und Häppchen inklusive.

Doch anstelle einer Feier erlebte der über 20 Millionen Euro teure Anbau am Mittwoch einen tristen, einsamen, regnerischen Tag. Richtfest abgesagt. Angeblich weil eine Mehrheit des Aufsichtsrates am Mittwoch keine Zeit zum Feiern hatte.

Wie dem auch sei, das abgesagte Fest ist von nicht unbedeutender Symbolkraft für das Krankenhaus, das jeweils zur Hälfte der Städteregion und der Knappschaft Bahn-See gehört. Denn laut internen und unabhängigen Gutachten, die unserer Zeitung vorliegen, ist die Situation des zweitgrößten Krankenhauses der Städteregion nach der RWTH-Uni-Klinik brisant: Das MZ schreibt rote Zahlen, seine Ausrüstung entspricht nicht mehr den aktuellen medizinischen Standards, es schiebt einen immensen Investitionsstau vor sich her, und vor allem die Aufteilung des Hauses auf zwei Standorte in Würselen und Bardenberg stellt derzeit einen nahezu ruinösen Wettbewerbsnachteil dar.

Allein durch Patiententransporte von einem Haus ins andere entstehen jährlich Kosten von rund 700.000 Euro. Geld, das dass MZ nicht mehr hat. MZ-Aufsichtsratsvorsitzender und Städteregionsrat Helmut Etschenberg fasste die Lage des Hauses im Gespräch mit unserer Zeitung so zusammen: „Wir müssen jetzt aktiv werden, ansonsten wird es dieses Krankenhaus bald nicht mehr geben.“

Der politische Wille, das MZ auch in Zukunft zu erhalten, ist groß. Noch in der vergangenen Woche sprachen sich im Städteregionsausschuss mit Ausnahme der FDP alle Fraktionen dafür aus, sämtliche Anstrengungen zu unternehmen, um den Fortbestand des Krankenhauses zu sichern. Doch diese Absicht ist mit einem immensen unternehmerischen Risiko verbunden. Denn laut eines von MZ-Geschäftsführer René A. Bostelaar ausgearbeiteten Geschäftsplans müssen kurzfristig rund 51 Millionen Euro (inklusive der rund 20 Millionen Euro für den nun fertiggestellten Anbau) in das MZ investiert werden, damit es in absehbarer Zukunft wieder schwarze Zahlen schreiben kann.

Eine Summe, die zum größten Teil aus Krediten finanziert werden muss. Zwar attestiert ein unabhängiger Gutachter, dessen Bericht unserer Zeitung vorliegt, dass Bostelaars Plan nicht „unplausibel“ ist und dass die wirtschaftlichen Prognosen durchaus eintreffen können. Allerdings wird in dem Gutachten auch kritisiert, dass sich Bostelaars Planungen nur an einer bestmöglichen wirtschaftlichen Entwicklung orientieren. Der Gutachter mahnt in seinem Bericht, dass eine negativere Entwicklung eine Fehlinvestition „verbunden mit dem Verlust des investierten Kapitals“ bewirken würde. Eine solche Fehlinvestition käme die Städteregion als 50 Prozent-Eigentümer des Krankenhauses teuer zu stehen.

Die Gründe für die wirtschaftliche Schieflage, in die das Haus geraten ist, sind wesentlich durch fehlende Investitionen in der Vergangenheit sowie die gescheiterte Fusion der beiden Standorte Würselen und Bardenberg entstanden. Als 2001 aus dem Kreiskrankenhaus Marienhöhe und dem Bardenberger Knappschaftskrankenhaus das Medizinische Zentrum gegründet wurde, war die Idee, ein funktionierendes Krankenhaus auf zwei Standorte aufzuteilen.

„Wir haben heute aber immer noch zwei Krankenhäuser“, stellt Etschenberg fest. Die Doppelstrukturen, die sich die beiden Standorte gönnen, ziehen das MZ wirtschaftlich ins Minus. Hinzu kommt, dass die medizinische Ausstattung des MZ im Vergleich zu den benachbarten Krankenhäusern veraltet ist. So sind beispielsweise die OP-Säle im Haus Marienhöhe seit 45 Jahren in Betrieb und haben die Grenze ihrer Funktionsfähigkeit längst erreicht. „Die medizinischen Leistungen des Hauses sind gut, in einigen Bereichen, wie der Behandlung von Schlaganfällen, sogar führend. Doch die Ausstattung ist im Vergleich zu anderen Häusern überholt“, sagt Etschenberg.

Die Neuausrichtung des MZ, die Geschäftsführer Bostelaar in seinem Geschäftsplan vorsieht, wird tiefgreifende Veränderungen nach sich ziehen. Bostelaar plant, die gesamte Investitionssumme von 51 Millionen Euro in den Standort Marienhöhe in Würselen zu stecken, um dort die medizinischen Dienste zu zentralisieren. Es sollen neue Kapazitäten in der Intensivmedizin entstehen, ein neuer OP-Bereich soll gebaut werden, die bereits bestehenden Bauten sollen modernisiert werden. Mit Blick auf den heraufziehenden Krankenhausplan NRW 2015, der weitere Bettenreduzierungen in den Krankenhäusern vorsieht, will Bostelaar insgesamt 70 Betten einsparen. Damit der Standort in Bardenberg nicht ganz aufgegeben wird, plant die Städteregion, das Amt für Altenarbeit, die Krankenpflegeschule sowie das Altenpflegeseminar von Würselen nach Bardenberg umzusiedeln.

Eine Privatisierung des MZ, mit der die FDP-Fraktion der Städteregion liebäugelt, ist laut Etschenberg kein Thema. „Wir haben eine Verantwortung für die Versorgungssicherheit in der Städteregion. Und wir haben auch eine Verantwortung für die Mitarbeiter des MZ“, sagt Etschenberg. Im Falle einer Privatisierung drohe der Verlust vieler Arbeitsplätze innerhalb des MZ.

Immerhin scheint der Streit zwischen Belegschaft und Geschäftsführung des MZ derzeit beigelegt zu sein. Ende des vergangenen Jahres hatten Pflegekräfte über schlechte Arbeitsbedingungen und Stellenabbau geklagt. Etschenberg sagte nun im Gespräch mit unserer Zeitung, dass sich Bostelaar mit dem Betriebsrat auf ein Personalkonzept geeinigt habe.

Diese Einigung ist wichtig, denn die Zeit drängt. Bis 2016 sollen alle Investitionen getätigt sein, damit sich die wirtschaftliche Situation des MZ in den nächsten zehn Jahren verbessern kann. Der Druck auf die politischen Entscheidungsträger ist immens, denn sie müssen schon bald über die risikoreiche Investition von weiteren Millionen von Euro entscheiden.

Bleibt abzuwarten, wie sich diese kritische Situation auf die Stimmung der Ehrengäste des MZ am 23. Juli auswirken wird. Dann nämlich wird das am Mittwoch ausgefallene Richtfest des neuen Anbaus am MZ-Standort Marienhöhe nachgeholt.

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