Reise nach Ruanda: Blick in die „Vorstufe zur Hölle”

Von: Ingrid Leifgen
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Für westliche Ansprüche nur
Für westliche Ansprüche nur schwer zu verdauen, aber in Kongo ein Meilenstein: die Küche des Don-Bosco-Zentrums in Goma. Foto: Ingrid Leifgen

Heinsberg/Ruanda. Während hierzulande Stürme über die Weihnachtsmärkte fegten, machten sich 36 Menschen aus dem Kreis Heinsberg auf den Weg nach Ruanda in Afrika. Eingeladen hatte das Hilfswerk „Wir für Ruanda” anlässlich der Einweihung einer Kapelle im Zentrum für Kinder mit geistigen Behinderungen.

Das Zentrum in Kibilizi nahe der ruandischen Universitätsstadt Huje betreut derzeit zwölf Kinder und wird ständig ausgebaut. „Es ist weit und breit das einzige seiner Art”, erklärt der Heinsberger Dr. Bernd Bierbaum, Geschäftsführer von „Wir für Ruanda”. „Traditionelle Glaubensvorstellungen besagen, dass eine Behinderung für eine Verfehlung in der Familie steht”, so Bierbaum. Betroffene Kinder werden deshalb häufig versteckt oder verstoßen. Das Zentrum in Kibilizi soll langfristig als Modell für einen anderen Umgang mit Behinderungen dienen.

Die Einweihung der Kapelle bot nun Gelegenheit, die Arbeit von „Wir für Ruanda” vor Ort vorzustellen. Aktive Vereinsmitglieder und langjährige Förderer schlossen sich der Reisegruppe an, da-runter auch Landrat Stephan Pusch und sein Vorgänger Karl Gruber, Heinsbergs Bürgermeister Wolfgang Dieder, die Kreistagsabgeordneten Franz-Josef Beckers (CDU) und Maria Meurer (Grüne), Propst Markus Bruns, Pfarrer Günter Rosenkranz sowie die Chefs von Kreissparkasse und Raiffeisenbank, Thomas Pennartz und Hans-Hubert Hermanns.

Nach einer Übernachtung in der erstaunlich boomenden Hauptstadt Kigali führte der erste Weg nach Goma im Kongo. In zwei Bussen ging es über eine gut ausgebaute Asphaltstraße durch tropisch-grünes Hügelland. Zwischen bestellten Feldern winzige Lehmhütten, die Menschen zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs. Entlang der Straße führen neue Stromleitungen.

„Nach Ruanda fließt zur Zeit einiges Geld”, sagt Bierbaum. Bemerkenswert: Nirgendwo sieht man Müll. Ruanda ist ein aufgeräumtes Land, Plastiktüten sind verboten. Das Bild ändert sich hinter der Grenze zum Kongo. Kaum asphaltierte Straßen, Müll, Lärm, scheinbares Durcheinander. In Goma strandeten 1994 während des Völkermords in Ruanda unzählige Flüchtlinge. Heute bietet die Stadt am Kivu-See der Landbevölkerung Zuflucht, die von vagabundierenden „Befreiungskämpfern” heimgesucht wird. Zum Flüchtlingselend kam 2002 ein Vulkanausbruch, dessen Lavastrom seine Spur mitten durch die Stadt zog.

In der Technischen Schule und dem benachbarten College St. Joseph wird die deutsche Delegation mit großem Empfang erwartet. Beide Schulen (je über 1000 Schüler) verdanken „Wir für Ruanda” Werkstätten, Möbel, Bücher und Stromversorgung. Eine Bibliothek wäre schön, äußern die Gastgeber einen weiteren Wunsch. Auch sonst fehlt es noch an Vielem. Wie im Bethesta-Krankenhaus: Dank deutscher Hilfe verfügt es zwar unter anderem über eigenen Solarstrom, gebraucht wird aber dringend auch ein Ambulanzfahrzeug.

Der Weg zur nächsten Station führt über Lavaschotterstraßen, vorbei an schwarz-staubigen Slumhütten. Wovon leben die Menschen hier? „Jeder hat einen kleinen Handel”, erklärt Schwester Anne-Rose, die die Gruppe begleitet und seit vielen Jahren in Goma ist. „Es wird eingekauft, es wird verkauft. Die Menschen haben schon so viel erlebt, aber sie lassen sich nicht unterkriegen. Das ist wirklich sehr beeindruckend.”

Optimismus kommt den Besuchern auch im Don-Bosco-Zen-trum entgegen, wo sie von fröhlich-aufgeschlossenen Kindern und Betreuern begrüßt werden. Mehrere tausend Kinder und Jugendliche erhalten hier Unterricht und werden mit Essen versorgt. Viele sind Waisenkinder und leben im Zentrum.

„Wir für Ruanda” hat einen Stromgenerator geliefert, Maschinen zur Einrichtung einer Tischlerei und vieles mehr, aber auch hier bleibt eine Menge zu tun. In der Küche zum Beispiel. In gigantischen Kesseln wird dort über offenem Feuer das tägliche Menü zubereitet - in der Regel Bohnen- und Maisbrei. „Goma ist die Vorstufe zur Hölle”, fasst eine Reiseteilnehmerin ihre Gefühle in Worte. „So schlimm hatte ich es mir nicht vorgestellt.”

Nach diesen Eindrücken traten die Deutschen der Not, der sie bei weiteren Hilfsprojekten im Norden Burundis begegneten, einigermaßen gelassen entgegen. Für Entschädigung sorgte überdies die ganztägige Einweihungsfeier in Kibilizi. Sie begann mit einem Gottesdienst, Reden wurden gehalten, Tänze aufgeführt, die Heinsberger Repräsentanten überbrachten Geschenke. Auf ruandischer Seite gaben sich Vertreter aus Politik, Militär und Kirche die Ehre.

Einen besonderen Glanzpunkt erhielt das Fest zudem durch die Anwesenheit von Kardinal Wilfried Napier aus Durban, Südafrika. Wegen seines alten Freundes Bernd Bierbaum war der Siebzigjährige angereist und begleitete die deutsche Gruppe mehrere Tage lang. Beeindruckt, berührt und aufgewühlt äußerten sich die Teilnehmer am Ende der Reise und stellten dennoch übereinstimmend fest: „Es war eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte.”

„Wir für Ruanda” will weiterhin in Afrika helfen und braucht deshalb Unterstützung in Form von Spenden. Hier die Bankverbindung: Konto-Nr. 2307007 bei der Kreissparkasse Heinsberg, BLZ 31251220.
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