Neue Verordnung verändert die Ackerflächen

Von: Norbert F. Schuldei
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Die Ernte haben die Landwirte im Kreis Heinsberg schon zu einem guten Teil eingefahren, auch wenn – wie hier bei Waldfeucht-Haaren – die Dreschmaschinen noch einige Zeit auf den Feldern zu sehen sein werden. In Zukunft werden die Bauern einen Teil ihrer Produktionsfläche für rein ökologische Zwecke reservieren müssen. Foto: N. Schuldei
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Kreislandwirt Hans-Gerd Joeris sieht die Entscheidung aus Brüssel als Kompromiss. Foto: N. Schuldei

Kreis Heinsberg. Die Landwirte auch im Kreis Heinsberg werden künftig umweltfreundlicher als bisher arbeiten müssen: Nach einer neuen Bestimmung, auf die sich die Landwirtschaftsminister der 27 EU-Mitgliedsstaaten nach langen Verhandlungen geeinigt haben, erhalten die Landwirte die Beihilfen aus Brüssel nur noch dann in voller Höhe, wenn sie mindestens fünf Prozent ihrer Produktionsflächen ökologisch belassen.

Die Folgen dieses Beschlusses und die Auswirkungen auf die Landwirtschaft im Kreis beschreibt und kommentiert Kreislandwirt Hans-Gerd Joeris.

Landwirte erhalten aus Brüssel künftig nur noch dann Leistungen in voller Höhe, wenn sie auch Leistungen für die Umwelt erbringen. Halten Sie das für richtig?

Joeris: Für die Zahlungen, die die Landwirte aus Brüssel bekommen...

...rund 55 Milliarden Euro jährlich für die EU insgesamt...

Joeris: ...ja. aber diese 55 Milliarden Euro kommen bei weitem nicht bei den Bauern an. Im Agraretat sind erhebliche Summen für Hochwasser, Küstenschutz und Fischerei sowie Strukturverbesserungen des ländlichen Raumes enthalten. Im Klartext: Die Bauern kriegen die Prügel für den Agrarhaushalt, und die Politik entleert den über Förderprogramme. Diese Summen werden mit der neuen Gemeinsamen Agrarpolitik weiter zu Lasten der wirtschaftenden Betrieb verschoben.

Ist es nicht sinnvoll, dass Landwirte auch etwas für die Umwelt tun.

Joeris: Sie tun das ja schon heute...

Aber?

Joeris: Aber es muss auch passen. Das, was jetzt aus Brüssel verordnet wird, ist ja praktisch schon ein Kompromiss. Denn: Es war ja auch im Gespräch, Flächen stillzulegen. Aber das ist heute ja gar nicht mehr zu vermitteln.

Aber der Landwirt muss doch quasi Flächen stilllegen, wenn er mindestens fünf Prozent seiner Felder ökologisch belassen muss, um die volle Höhe der Beihilfen zu bekommen.

Joeris: Richtig. Aber diese Felder können ja weiter bewirtschaftet werden. Allerdings muss eine bestimmte Fruchtfolge eingehalten werden. Der Katalog, was auf diesen Flächen angebaut werden darf, der muss erst noch erstellt werden. Aber die Flächen liegen nicht brach, fallen also nicht komplett aus der Produktion raus. Wir haben ja früher richtig stillgelegt...

Aber auch damals wurde doch eingesät...

Joeris: Richtig. Damit die Fläche nicht verunkrautet, aber es durfte nicht geerntet werden. Jetzt werden auf diesen Flächen eben Eiweißpflanzen wie Erbsen und Ackerbohnen angebaut. Oder auch Energiepflanzen.

Energiepflanzen? Was sind das für Gewächse?

Joeris: Raps zum Beispiel oder auch Faserlein oder Miscanthus, solche Sachen.

Hat das möglicherweise auch etwas mit der Energiewende zu tun?

Joeris: Ich denke, das ist ein Ansatz.

Wer kontrolliert denn überhaupt, was angebaut wird?

Joeris: Das kann man mit den technischen Möglichkeiten heute bis auf den Quadratmeter genau feststellen. Überdies müssen alle Landwirte im Kreis bis zum 15. Mai ihre kompletten Flächen mit Anbauverzeichnis an die Landwirtschaftskammer melden.

Und danach wird dann bemessen, was der Landwirt an Geld erhält?

Joeris: Ja, das ist die so genannte Flächenprämie.

Bisher jedenfalls bekamen die Landwirte einen Großteil der Beihilfen aus Brüssel allein dafür, dass sie bestimmte Flächen vorschriftsmäßig bewirtschaften...

Joeris: Ja, richtig.

Was und wie viel angebaut wurde, spielte dabei keine Rolle...

Joeris: Oh doch: In der Milch gibt es die Milchquote, bei der Rindermast die Bullenprämie und es gibt die Rübenquote.

Kritiker haben deshalb bei dieser Art von Beihilfe vom Gießkannenprinzip gesprochen.

Joeris: Ganz so einfach ist es nicht. 1992 ist die erste Agrarreform durchgeführt worden. Danach gab es regelmäßig Interventionen, man kennt die Schlagzeilen noch: Getreidelager quellen über, Milchseen, Butterberge und sowas. Damals wurden sozusagen die Produkte bezuschusst, die Landwirte bekamen Beihilfen, wenn sie produzierten.

Und wegen der Überproduktionen wollte man davon wieder weg.

Joeris: Genau. Deshalb hat man gesagt: Wir wollen nicht mehr die Produkte fördern, sondern nur noch Beihilfen für die Bearbeitung der Flächen geben. Damit wollte sich die Politik auch den Zugriff auf die Gestaltung der Landwirtschaft erkaufen. Statt der produktbezogenen Zahl haben wir also die Flächenprämien bekomme. Entkoppelung nannte man das. Deutschland hat das umgesetzt, die meisten anderen EU-Länder nicht.

Der Beschluss aus Brüssel führt also auch wieder zu einer Vereinheitlichung der Agrarpolitik der 27 EU-Mitgliedsstaaten?

Joeris: Wenn Sie so wollen. Mit sehr weitem Spielraum der Ausgestaltung für die nationale Politik. Von den bisherigen Prämien werden 30 Prozent fixiert für so genannte Ökovorrangflächen. Konkret: Von 1000 Euro bekommen wir die letzten 300 Euro nur, wenn wir auch die Ökovorrangflächenauflagen erfüllen.

Also ist es im Grunde genommen eine Verpflichtung.

Joeris: Ja, das ist es. Wenn wir diese Auflagen nämlich nicht erfüllen, bleibt es nicht bei der Greening-Kürzung, es würde noch mehr gestrichen. Aber es gibt Bestrebungen in anderen Ländern, die Produktion direkt zu bezuschussen. Damit hätten wir eine Rolle rückwärts, so, wie wir es in der Vergangenheit in Deutschland hatten.

Warum?

Joeris: Es gibt keine Überproduktionen mehr. Aber angesichts der steigenden Weltbevölkerung sind wir eigentlich auf jeden Quadratmeter Ackerfläche angewiesen. Deutschland ist nicht nur auf industriellem Sektor, sondern auch in der Landwirtschaft mit höchstem Standard hocheffizient. Nicht ohne Grund werden deutsche Agrarprodukte überall in der Welt stark nachgefragt.

Da fragt man sich, warum aus Mais denn Ethanol produziert wird...

Joeris: Weil es politisch im Rahmen der Energiewende so gewollt war. Wir müssen uns nach der Decke strecken.

Wie sehr sind die Landwirte denn auf die Beihilfen aus Brüssel angewiesen?

Joeris: Ohne diese würde es nicht gehen. Das sind ja keine Subventionen, das sind vielmehr Entgelte für Leistungen, die die Landwirtschaft für die Bevölkerung erbringt.

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