Nachwuchsschwund bei Schützen: Taube Ohren unterm Federhut

Von: Helmut Wichlatz
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Auf einem Schützenfest: Viele
Auf einem Schützenfest: Viele Vereine wünschen sich, mehr Junge Leute an den Tischen zu sehen.

Erkelenz. Glaube, Sitte und Heimat. Dafür stehen die Schützenbruderschaften in Deutschland. Vielerorts stehen sie für das gemeinschaftliche Leben und den Erhalt der gewachsenen Traditionen. Doch wie die Sport- und Musikvereine stehen auch die Schützen vor einem Problem: Es fehlt an Nachwuchs.

Denn Glaube, Sitte und Heimat passen scheinbar nicht in die immer schneller und digitaler werdende heutige Zeit.

„Wir sind ein Abbild der Gesellschaft mit allen Facetten”, erklärt Heinzgerd Dewies aus Kückhoven, der selbst mit Leib, Seele und viel Engagement dabei ist. Der 64-Jährige steht nicht nur der Kückhovener St.-Sebastianus-Schützenbruderschaft vor, er ist auch Bundesschützenmeister und damit Chef der bundesweit rund 400.000 in Bruderschaften engagierten Schützen. Eine stattliche Anzahl, doch die Zukunft sieht wenig rosig aus. Denn wie die Gesellschaft finden auch die Schützen immer weniger Freiwillige, die sich ehrenamtlich engagieren.

Ein Aussterben der Schützen kann sich Dewies nicht vorstellen. Derzeit erfreuen sich der Bezirk und der Diözesanverband stabiler Mitgliedszahlen. Im Diözesanverband Aachen sind es allein 62.000. Dabei zeichne sich jedoch durch die Alterspyramide der Trend bereits ab. Schon heute sei es schwierig, geeignete Anwärter für die Majestäten zu finden. „Dazu muss man schon extrovertiert sein”, betont Dewies, der in der Session 1990/91 auch als Karnevalsprinz in Kückhoven seinen Mann stand. „Wer das Schützenvirus in sich trägt, gibt es an seine Kinder weiter”, sagt er. Sein Sohn und sein Schwiegersohn gehören ebenfalls der Bruderschaft an.

Seine eigene Karriere in der Schützenbruderschaft startete mit 15 Jahren. Damals begann er, sich im Vorstand der Kückhovener Schützen zu engagieren. Seit zwölf Jahren steht er dem Bund der historischen deutschen Schützenbruderschaften vor. Rezepte gegen die Überalterung des Schützentums hat er auch nicht. Derzeit werde der Nachwuchs hauptsächlich durch den Schießsport rekrutiert. Von den rund 300 Mitgliedern der Kückhovener Schützenbruderschaft seien knapp 20 sogenannte Jungschützen im Alter zwischen zwölf und 24 Jahren.

Nach rund einem Jahr wisse man, ob sie der Bruderschaft aktiv erhalten bleiben, weiß der 64-jährige. Die traditionelle und werteorientierte Ausrichtung der Bruderschaften kann sich dabei durchaus als hinderlich erweisen. So können zum Beispiel Muslime nicht Mitglied werden im „katholischen Verband mit christlicher Ausprägung”.

Neue Wege der Nachwuchswerbung geht man ein paar Kilometer weiter bei den St.-Sebastianus-Schützen in Keyenberg. Brudermeister Bernd Pieper will sich nicht damit abfinden, dem sich abzeichnenden Trend tatenlos zuzuschauen. Aus diesem Grund begannen er und das Keyenberger Jugendwart-Team mit dem Rockfestival „Fight for youth”. In diesem Jahr spielten an zwei Tagen zwölf Bands aus ganz Deutschland und lockten Hunderte Zuschauer an.

„Anfangs wollten wir den Jugendlichen aus dem Tagebaugebiet ein Forum bieten, um den Zusammenhalt angesichts der drohenden Umsiedlung zu stärken”, erklärt der 49-Jährige. Denn mit dem Verlust der Heimat, die ja bei der Identitätsfindung der Schützen eine tragende Rolle spielt, kann auch das Bruderschaftswesen an sich in Gefahr geraten. Mittlerweile hat sich das Festival zu einer festen Einrichtung entwickelt. Aus seinen Erlösen werden karitative Initiativen wie die Aachener „Hazienda Arche Noah” unterstützt.

Mit der Jugendarbeit hat Pieper mit zwölf begonnen. Seitdem sucht er Möglichkeiten, um die Jugend direkt und auf neuen und zweitgemäßen Wegen anzusprechen. „Der Erfolg ist da”, sagt er. Von den anfangs rund 80 Kindern und Jugendlichen seien noch rund 40 aktiv. Die Bruderschaft hat knapp 220 Mitglieder, was einen sehr stabilen Anteil an Jungschützen bedeutet. „Vorausschauend handeln und rechtzeitig aktiv werden”, lautet seine Devise.

Im Diözesanverband stoße er damit aber auf taube Ohren. „Eine strategische Jugendarbeit mit mehreren Bruderschaften gibt es nicht”, erklärt er. Initiativen wie ein Zeltlager, bei dem vor Jahren knapp 100 Jugendliche in Keyenberg dabei waren, sind die Ausnahme. Er selbst sei „in die aktive Arbeit hineingerutscht”, erinnert er sich. Nun fehle es an Nachfolgern, denen er den Stab übergeben kann.

„Wenn ich aufhören würde, wüsste ich keinen, der es übernimmt”, lautet sein ernüchterndes Fazit. Trotzdem - oder gerade deshalb - macht er weiter und wirbt um das Interesse der Jugend. „Ich bin Schützenbruder aus Liebe zur Heimat”, sagt er. „Wenn uns die in ein paar Jahren genommen wird, brauchen wir auch die Bruderschaft, um an neuem Ort eine neue Heimat aufzubauen.”
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