Mauerbau: Erinnerungen des gebürtigen Sachsen Uwe Schreiber

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Hückelhoven-Ratheim. Es war am Samstag, dem 12. August 1961. Man spürte, es lag etwas in der Luft. Im Radio häuften sich die Meldungen von Flüchtlingen aus der DDR. Mit 2400 hatten sich an diesem Tag die Neuzugänge im Westberliner Lager Marienfelde verdoppelt. Doch „niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten”, hatte Walther Ulbricht, der Staatsratsvorsitzende der DDR, vier Wochen zuvor eine Frage von Journalisten beantwortet.

Der August zeigte sich in diesem Jahr von der besten Seite. So fassten in Würselen drei Freunde, unter ihnen der gebürtige Sachse Uwe Schreiber, der heute in Ratheim lebende Schwager unseres Mitarbeiters Willi Frenken, den Entschluss, die letzten schönen Sommertage an der See auf der holländischen Insel Texel zu verbringen. Die Koffer waren gepackt, das Auto betankt. Vor dem Start noch schnell eine Mütze Schlaf.

Uwe Schreiber erzählt: „Die Fahrt begann in aller Frühe und gewohnheitsmäßig wurde das Radio eingeschaltet. Wir hatten gerade die Stadtgrenze hinter uns gelassen, als der Radiosprecher meldete, dass die DDR begonnen habe, auf ihrem Gebiet eine Grenzmauer zu errichten.

Mein erster Gedanke war ,Das bedeutet Krieg, und ich machte den Vorschlag, umzukehren, auf Urlaub zu verzichten und in Würselen die weitere Entwicklung abzuwarten. Ich dachte dabei vor allem an meine Familie in der DDR. Doch meine Freunde wollten davon nichts wissen.

Wir fuhren schließlich weiter, aber das Radio blieb eingeschaltet. Ich wusste damals noch nicht, dass durch den Mauerbau meine ganzen Zukunftspläne über den Haufen geworfen würden.”

Wie Schreiber erzählt, sei der Mauerbau für die DDR eine reine Notmaßnahme gewesen. Denn „Abhauen” war damals groß in Mode, und es waren meistens qualifizierte Leute, die in den Westen flohen. Aus Riesa in Sachsen war er 1958 mit 18 Jahren in den Westen der Bundesrepublik nach Rheinhausen gekommen zur Cousine seiner Mutter, nicht als „Republikflüchtiger”, wie es damals im DDR-Jargon hieß, sondern eigentlich ganz legal mit Besucherausweis.

Und von der Stadt Rheinhausen erhielt er einmalig eine Unterstützung von zehn Reichsmark. Aber die Aussicht, zur DDR-Volksarmee eingezogen zu werden, hielt ihn davon ab, nach Riesa zurückzukehren. Dort hatte er als junger Mann eine Lehre als Elektromonteur absolviert, einen Beruf, der ihm im Westen alle beruflichen Türen öffnete.

So kam es, dass er durch Vermittlung eines Schulfreundes in Aachen Arbeit und in Würselen eine Wohnung fand. In Ratheim lernte er die Frau fürs Leben kennen, und dort bauten sie sich ihr Haus.

Es sollte bis 1964 dauern, dass er zum ersten Mal nach sechs Jahren seine Familie in Riesa wiedersehen durfte. Doch einmal hätte ihn in der Zwischenzeit die Vergangenheit beinahe eingeholt, als er im Auftrag seiner Firma die Leipziger Messe besuchen sollte.

Beim Passieren der DDR-Grenze wurden die Pässe der Reisenden von DDR-Beamten kontrolliert. Alle Reisenden erhielten ihre Pässe zurück, aber seinen hielt der Grenzer zurück. „Ich habe Blut und Wasser geschwitzt”, erinnert er sich, „denn man hätte mich festhalten können”. Nach einer halben Stunde und einigen belanglosen Fragen erhielt er seinen Pass zurück. Es war eine reine Schikane.

Als reine Schikane empfand Schreiber auch die Reisebestimmungen der DDR. So durfte sein Vater 1976 nicht zur Beerdigung seiner Mutter nach Königswinter fahren, obwohl er mit Sicherheit wieder zurückgekehrt wäre. Erst später war es Rentnern nach Erreichen des 65. Lebensjahres erlaubt, für 30 Tage im Jahr, aufgeteilt in zwei Termine, in den Westen zu reisen.
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