Luftmine in Heinsberg: Trotz Todesgefahr „herzhaft gelacht”

Von: Rainer Herwartz
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Gerhard Mangelsdorff hat den Abtransport der britischen Luftmine im Bild festgehalten. Der 1,8 Tonnen schwere Koloss wird mit einem Bagger auf einen kleinen Lkw geladen. Foto: Rainer Herwartz

Heinsberg. Manchmal sind ein Schmunzeln und ein Kopfschütteln nicht immer leicht zu deuten. Geschieht es vielleicht, weil eine Reaktion als völlig überzogen bewertet wird oder eventuell, weil einem gerade ins Bewusstsein drängt, dass man selbst dem Tod offenbar noch einmal von der Schippe gesprungen ist?

Als der Heinsberger Gerhard Mangelsdorff am letzten Wochenende die größte Evakuierungsaktion in den Medien verfolgte, die es je in der Bundesrepublik wegen der Entschärfung einer Weltkriegsbombe gegeben hat, mag sich genau dieser Zwiespalt in ihm breit gemacht haben. Um eine 1,8 Tonnen schwere britische Luftmine gefahrlos von einem verheerenden Tötungsmechanismus in einen harmlosen Haufen Schrott zu verwandeln, mussten in Koblenz rund 45.000 Menschen in einem Radius von 1,8 Kilometer um den brisanten Fund herum ihre Häuser verlassen und sich zum Teil in entferntere Notunterkünfte begeben. Bei vielen älteren Bürgern der Stadt kamen unliebsame Kindheitserinnerungen hoch.

Die Erinnerungen, die sich bei dem 85-jährigen Gerhard Mangelsdorff einstellten, datierten allerdings eher aus der Zeit um das Jahr 1970, genauer gesagt der Zeit, als nur einen Steinwurf entfernt die Ausschachtungsarbeiten für das städtische Schwimmbad an der Schafhausener Straße begannen. Im April 1958 hatte er mit seiner Frau das neu gebaute kleine Haus in der evangelischen Siedlungsgemeinschaft an der Martin-Luther-Straße bezogen. Den ursprünglich aus der Nähe von Rathenow stammenden Senior hatten der Krieg und die Folgejahre nach Heinsberg verschlagen, zuerst zu einem Bauern nach Selsten, später dann ins Enka-Werk nach Oberbruch, wo er 25 Jahre lang Dauernachtschicht schob.

„Eines Morgens klingelte es an der Tür. Ich hatte noch geschlafen und meine Frau war gerade zu Besuch bei der Familie in Halle”, erzählt Mangelsdorff. „Ein Mann von der Stadt sagte, ich solle mir gute Sachen anziehen und alle persönlichen Papiere mitnehmen, weil man bei der Ausschachtung am neuen Schwimmbad eine Luftmine entdeckt habe. Wir sollten alle Fenster und Türen öffnen und uns bis zur Siedlungsmitte, etwa 100 Meter vom Fundort entfernt, zurückziehen.”

Nach einer Weile sei derselbe Mitarbeiter der Stadt bei der inzwischen etwa zehnköpfigen Gruppe wieder aufgetaucht und habe sie gebeten, noch rund 50 Meter bis zum Ende der Siedlung zurück zu weichen. Beim Freilegen der Luftmine trat deren Ausmaß immer mehr zu Tage. Als er dann noch ein drittes Mal gekommen sei, um die Anwohner noch einmal etwa 100 Meter weiter weg zu schicken, hätten sie gestreikt und sich einfach auf eine nahe Wiese gesetzt.

„Als wir an uns herunter sahen, merkten wir erst, dass wir zwar alle Wintersachen trugen, aber bloß auf Hausschuhen unterwegs waren”, sagt der 85-Jährige. „Da haben wir herzhaft gelacht.” Wirklich Angst habe niemand gehabt, meint Mangelsdorff. „In Selsten haben wir nach dem Krieg beim Bauern täglich Granaten gefunden. Die wurden gesammelt und einmal in der Woche abgeholt.”

Das härtet wohl ab. Da konnte den Senior auch nicht die Berichterstattung in einer englischen Zeitung über den brisanten Fund in Heinsberg aus der Ruhe bringen. Demnach handelte es sich um eine 36 Zentner schwere Luftmine, also das gleiche Exemplar, das jetzt in Koblenz für die größte Evakuierung der deutschen Nachkriegsgeschichte sorgte.
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