Wegberg-Tripsrath - Letztes Rennen auf Grenzlandring wurde zum Horrortrip

Downsizing Matt Damon Kino Freisteller

Letztes Rennen auf Grenzlandring wurde zum Horrortrip

Von: Monika Baltes
Letzte Aktualisierung:
Sekunden nach dem schreckliche
Sekunden nach dem schrecklichen Unfall: Auf der Grasnarbe neben der Betonpiste liegen die teilweise schwerst Verwundeten und die fünf direkt an dieser Stelle Verstorbenen. Repro: Baltes

Wegberg-Tripsrath. Sonntag, 31. August 1952. Nach dem gemeinsamen Kirchgang machen sich Mechtilde Kohnen (20) und ihr Verlobter Josef Willms mit dem Motorrad auf den Weg von Tripsrath ins 30 Kilometer entfernte Wegberg. Wegberg, da war Mechtilde noch nie. Aber Josef ist begeistert vom Motorsport, von Motorrädern und schnellen Autos und will unbedingt zum Rennen am Grenzlandring.

Im Auftrag der deutschen Wehrmacht war die Strecke vor Beginn des Zweiten Weltkrieges gebaut worden - über 9 Kilometer lang, 6,90 Meter breit. 1948 wurde sie als „längste Flachrennstrecke der Welt” für den Motorsport entdeckt und als „Avus des Westens” bejubelt. Dem Eröffnungsrennen am 19. September 1948 folgten vier weitere Rennen in jährlichem Abstand. Nur in Wegberg gab es Rennen, wo Motorräder und Rennwagen an einem Tag über die Piste rasten.

Gegen 15.30 Uhr hat Tilde - wie sie überall genannt wird - schon unzählige Motorräder und Sportwagen vorbeidonnern sehen. Ihr Verlobter will noch einmal ganz nach vorne an die Strecke, da wo es nach Benzin riecht, nach aufgewirbeltem Staub und dem Abrieb der Reifen. Er verlässt die kleine Anhöhe, auf die sie sich gesetzt haben. Es ist das vorletzte, siebte Rennen des Tages. Danach wollen sie aufbrechen, zurück in Richtung Heimat.

Eigentlich sollte sie hier auf ihn warten, aber dann erhebt sie sich und geht ihm nach. Er freut sich: „Bist du mir doch nachgekommen?” Er wird keine Antwort mehr erhalten, denn im gleichen Augenblick bricht der Rennwagen des Berliner Rennfahrers Helmut Niedermeyer aus der Kurve aus und rast mit fast 200 Stundenkilometern in die Menschenmenge. Mechtilde ist sofort tot.

Josef Willms krümmt sich vor Schmerzen am Straßenrand. Die Rennleitung beschließt, das Rennen nicht abzubrechen, um Panik zu vermeiden. Und so rasen die Wagen an den Toten vorbei. Nur der Motorradfahrer Georg Meier soll den Helm abgenommen haben und an den Toten vorbeigegangen sein, um ihnen die letzte Ehre zu erweisen. Die Verletzten müssen über Feldwege abtransportiert werden.

Zwei Stunden später hören Tildes Schwestern in den Radio-Nachrichten vom Unglück am Grenzlandring. Hastig wird das Radio ausgestellt, die Mutter soll sich nicht unnötig sorgen. Es waren doch so viele Menschen am Grenzlandring, von 200.000 war die Rede. Wieso soll ausgerechnet unserer Tilde etwas passiert sein? Sicher kommt sie gleich nach Hause.

Die Dämmerung ist der Dunkelheit gewichen und auf einer Wiese in Tripsrath stehen einige junge Leute, die Schwestern von Tilde und ihre Freunde. Sie halten Ausschau. Ausschau nach einem Motorrad, dessen Lichtkegel man jetzt schon von weitem sehen müsste. Dann würden sie endlich heimkommen.

Aber sie kommen nicht. Nur zwei Autobesitzer gibt es in Tripsrath. Einen von ihnen bittet Tildes Vater am nächsten Morgen, ihn nach Wegberg zu fahren. Hier findet er im Krankenhaus den Verlobten seiner Tochter, dessen Bett im Flur steht. Er wartet auf seine Operation, ihm wird ein Bein amputiert. Von einer Mechtilde Kohnen weiß hier niemand etwas, aber es gibt da noch die Tote, die nicht identifiziert werden konnte.

Niemals wird er diesen Anblick vergessen, und er wird auch nicht viel darüber reden. Weinend kehrt er heim. Und nichts ist mehr, wie es war. Entschädigung? Ach Gott, was soll denn da entschädigt werden, ist ein Leben nicht unbezahlbar? 600 Deutsche Mark wurden gezahlt, das meiste ist für die Beteiligung an der Klage verwendet worden, die ohne Erfolg blieb.

Aber Josef hätte eine Abfindung gut brauchen können. Um seine Beinprothese bezahlen zu können, hat er den Herd verkaufen müssen. Den Herd, den sie gemeinsam gekauft hatten für ihren eigenen Hausstand. Sie wollten demnächst heiraten.

Mechtildes Geschichte ist hier aufgeschrieben, stellvertretend und im Gedenken an alle Lebensgeschichten, die heute vor 60 Jahren ein jähes Ende fanden oder schicksalhaft verändert wurden.

Das letzte Rennen am Grenzlandring forderte 13 Tote und 42 Verletzte.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert