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„Kleinkunst mit alles für auf die Hand”

Von: defi
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Der Kabarettist Murat Kayi tra
Der Kabarettist Murat Kayi trat bei der „Nacht der Bibliotheken” in der Stadtbücherei Heinsberg mit seinem Soloprogramm „? über alles” auf. Foto: defi

Heinsberg. Murat Kayi ist Kabarettist und Musiker. Und er sei der „vermutlich weit und breit einzige evangelische Türke”, behauptete er zumindest zu Beginn seines Auftritts im Rahmen der „Nacht der Bibliotheken” in der Stadtbücherei Heinsberg.

„Evangelischer Türke” stimmte dann aber doch nicht so ganz, wie er im Verlauf seines Programms „...über alles” einräumte. Mit zwei Programmpunkten beteiligte sich die Stadtbücherei Heinsberg am bundesweiten Aktionstag „Nacht der Bibliotheken”. Den zweiten Part des Abends bestritt der Leiter der Stadtbücherei, Autor Gerd Sonntag, zusammen mit dem Co-Autor des gemeinsamen Buches „Also bin ich!”, Jörg Cremers.

Doch zunächst gehörte Murat Kayi die kleine Bühne im zweiten Stockwerk der Bücherei. In seinem Soloprogramm verknüpfte der Kabarettist Musik, Vorlesen und freies Erzählen auf eine Art und Weise, die bei den Zuhörern keine Langeweile aufkommen ließ, vielmehr vom Publikum aufmerksames Zuhören forderte.

Er erzählte Geschichten, in denen er das Verhältnis von Deutschen und Türken ins Visier nahm. Und er las Christen wie Moslems gleichermaßen die Leviten. Dabei ist er Westfale durch und durch, 1974 in Kamen geboren und lebt heute in Dortmund.

Eine Geschichte, halb dem Leben abgeguckt und halb schön dazu erfunden, berichtete von seiner Einbürgerung, die nicht erfunden ist. Murat Kayi über den Beamten, der die Einbürgerung vollzog: „Als der den Stempel unter meine Papiere setzte und meinte, ,Wieder ein Türke weniger, wusste ich, wo ich angekommen war.” Da war der Status des „einzigen evangelischen Türken” futsch. Schön klang auch das Schimpfen auf Türkisch, wenn die Mama Murat titulierte als „E?eko?lu e?ek” (Esel, Sohn eines Esels). Kayi: „Da war dann nicht nur ich abgeklatscht, sondern mein Vater gleich mit.”

Kayi brachte mit seinen kabarettistischen Lebensbeobachtungen im Grenzland zwischen zwei Kulturen sein Publikum gerne zum Lachen - aber das war nur Mittel zum Zweck, denn wer lacht, vertraut. Und nachdem das Publikum die Abwehrhaltung längst aufgegeben hatte und arglos auf die nächste Pointe wartete, nutzte Murat Kayi die Gelegenheit, so unauffällig zum Wesentlichen zu kommen und schonungslose Wahrheiten zu servieren, dass das Publikum manchmal kaum nachkam. Getreu dem Motto „Einmal Kleinkunst mit alles für auf die Hand” griff Murat Kayi auch zur Gitarre und stimmte ganz leise die deutsche Nationalhymne an. Kayi: „Ich wusste, ein Volk, das eine so schöne Nationalhymne hat, kann nicht schlecht sein.” Aber immer wenn es so schön klänge, käme auf einmal ein Österreicher daher...

„Also bin ich!”

Zu vorgerückter Stunde, nach ­einem stärkenden Imbiss, lasen Jörg Cremers und Gerd Sonntag aus ihrem Roman „Also bin ich!”. Wie berichtet, wurde das gemeinsame Werk bereits mit dem Prosa-Debüt-Preis des Ludwigsburger Pop-Verlages ausgezeichnet. Das Autoren-Duo Kremers (Karken) und Sonntag (Geilenkirchen) erzählt die Geschichte des Psychologen Halverstett, eines Einzelgängers, der sich an seinen ersten Patienten Ignatius erinnert. Ignatius leidet unter einer „Schizoiden Psychose” und behauptet, seinen Bruder getötet zu haben, den es nie gegeben hat. Halverstett ist aber sicher, zum Kern dieser Wahnidee vordringen zu können. Doch je tiefer er gräbt, umso mehr gerät er eine irrwitzige Identitätssuche, die zu einem mörderischen Machtspiel gerät.

Eine lange „Nacht der Bibliotheken” endete für manchen Besucher am Ende doch zu früh.
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