Heinsberg - JVA Heinsberg: Gefangene beweisen Talent auf der Bühne

JVA Heinsberg: Gefangene beweisen Talent auf der Bühne

Von: Anna Petra Thomas
Letzte Aktualisierung:
Das Finale bestritten Robin, J
Das Finale bestritten Robin, Julio und Marcel mit einem Rap-Song, für den Julio den Text geschrieben hatte. Häftlinge und Gäste waren gleichsam begeistert. Foto: Thomas

Heinsberg. Gesangslehrer Germain Bleich streckt den Daumen seiner rechten Hand nach oben, mit der linken klopft er Robin anerkennend auf die Schulter. Der Song sitzt, die Technik stimmt. Die Aufführung kann beginnen.

Das Publikum ist klein. Gerade mal zwei zugelassene Angehörige von jedem der zwanzig Darsteller sitzen vor der Bühne in der Heinsberger Justizvollzugsanstalt (JVA), um sich das Ergebnis eines einwöchigen Projekts anzuschauen, in dem ihre Kinder, Brüder, Freunde oder Enkel in drei unterschiedlichen Workshops mit Profis an Gesang, Tanz oder Schauspiel gearbeitet und das Bühnenprogramm zusammengestellt haben.

Nicht nur für die Gefangenen in der JVA war dies etwas ganz Neues, sondern auch für ihre künstlerischen Ausbilder. „Wir sind schon mit einer gewissen Skepsis hier hineingegangen”, betonte Gandhi Chahine als künstlerischer Leiter und Regisseur des Projekts in seiner Einführung. „Aber heute stehe ich hier und bin einfach begeistert von all der Kreativität und vom Umgang miteinander. Was hier entstanden ist, kann man in Worte nicht fassen. Und was wir jetzt sehen, ist nur das Ergebnis. Ich habe jedenfalls ganz tolle Menschen kennengelernt.”

Die Idee für das „Projekt zur kreativen Lebensorientierung nach dem Strafvollzug” unter dem Motto „Ausgang Zukunft” hatte Lara Hepgüler, die als Pädagogin in der JVA tätig ist. Im Internet stieß sie auf die Multilateral Academy gGmbH in Dortmund, die sich in der Förderung der Entwicklung vor allem von Jugendlichen und jungen Erwachsenen engagiert. Fast ein Jahr ging dann ins Land mit der Suche nach Sponsoren für die Finanzierung, die schließlich das Landesjugendamt Münster im Rahmen des Kinder- und Jugendförderplans des Landes NRW und die International School of Management (ISM) in Dortmund übernahmen.

Eingeladen wurden zu dem Projekt in den Sommerferien junge Insassen, die noch keiner Arbeit nachgehen oder die derzeit keinen Schulunterricht haben. Im Laufe der Woche hätten alle 20 Teilnehmer im Alter zwischen 16 und 21 Jahren ein sehr gutes Durchhaltevermögen bewiesen, so Hepgüler. „Die meisten sind sogar an ihre Grenzen gestoßen, aber sie haben das Handtuch nicht geworfen.” Für einige sei es schon Neuland gewesen, an jedem Morgen pünktlich um neun Uhr zum Workshop zu erscheinen. Bei der Tanzgruppe seien dann auch über den Tag hinweg eine sehr große Disziplin und körperliche Anstrengungen notwendig gewesen.

„Wir wollten den jungen Menschen, die kriminell geworden sind, ihre Perspektiven aufzeigen, ihr Selbstbewusstsein stärken, ihnen das Gefühl geben, nicht abgeschrieben zu sein”, betonte Leiter Chahine am Rande der Aufführung und sparte zugleich nicht mit gesamtgesellschaftlicher Kritik. „Jeder Teilnehmer hier hat seine Geschichte, aber keiner ist kriminell geboren”, betonte er. Viel Geld werde ausgegeben, um diese Menschen wegzusperren, dabei könne man viel mehr tun in der Prävention. Er habe im Laufe der Woche auf jeden Fall viele talentierte junge Männer gesehen, denen er wünsche, dass sie ihre Talente nach ihrer Haft weiter pflegen können.

Die rund einstündige Aufführung bestand aus mehr als einem Dutzend Einzelstücken, in denen sich die jungen Gefangenen singend und tanzend oder als Schauspieler präsentierten. In den Theaterszenen ging es etwa um den jungen Mann, der sich nach seiner Haft um eine Schreinerlehre bewirbt, um den Vater, der seinen Sohn aus dem Haus wirft, weil er zu spät nach Hause kommt oder um den Gefangenen, dem der Antrag auf Haftlockerung verwehrt wird.

Ergänzt wurden die Liveauftritte durch Filmsequenzen, die Kameramann Karsten Kleffmann während der Projektwoche aufgenommen hatte und immer wieder auf einer Leinwand einspielte. Wahrhaft multimedial wurde das Ganze, als sich ein Liveauftritt auf der Bühne mit einem anscheinend verletzten Fuß im Film mit einem Arztbesuch fortsetzte und die Geschichte dann wieder live auf die Bühne zurückkam, indem ein Freund dem scheinbar Verletzten von der Bühne half.

Das Finale bestritten Robin, Julio und Marcel schließlich mit einem Rap-Song, für den Julio den Text geschrieben hatte. Wie seine 19 Mitinsassen war auch er begeistert von der Woche. „Eine einmalige Sache”, schwärmte er. „Ich würde mir wünschen, dass das immer wieder mal stattfindet.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert