Kreis Heinsberg - Jörg Hildebrandt ist dankbar, „dass wir wieder ein Land sind“

Jörg Hildebrandt ist dankbar, „dass wir wieder ein Land sind“

Von: anna
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Zu Gast in der Kreisstadt: Jörg Hildebrandt bei der Autorenlesung in der Buchhandlung Gollenstede in Heinsberg. Foto: Anna Petra Thomas

Kreis Heinsberg. Aus Anlass der Verleihung der Regine-Hildebrandt-Medaille hielt Jörg Hildebrandt, Ehemann der 2001 gestorbenen SPD-Politikerin Regine Hildebrandt, auch eine Lesung in der Heinsberger Buchhandlung Gollenstede. Mitgebracht hatte er den 2008 von ihm herausgegebene Buch mit dem Titel „Regine Hildebrandt. Erinnern tut gut“.

Vor genau 20 Jahren sei Regine Hildebrandt selbst in Heinsberg gewesen dank eines privat entstandenen Kontakts, berichtete Ilse Lüngen, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen im SPD-Unterbezirk Heinsberg, bei der Begrüßung. Da seine Frau in ihren Kalendern nach ihren Terminen immer Stichworte notiert habe, hätte er daher gerne im Kalender von 1994 die entsprechenden Notizen gelesen, erklärte Jörg Hildebrandt, aber leider sei genau dieser Kalender nicht mehr auffindbar.

Bereits kurz nach ihrem Tod habe es Anfragen nach einer Veröffentlichung über das Leben seiner Frau gegeben, erinnerte er sich. Angefangen mit dem Buch habe er aber erst, als sich das Material dann auf seinem Schreibtisch regelrecht gehäuft und seine Kinder ihm ­einen entsprechenden „Ruck“ gegeben hätten. Das Buch, quasi eine Art Familienalbum, enthält zahlreiche Fotos, Briefe und Dokumente, die Jörg Hildebrandt auszugsweise vorlas. Bewusst konzentrierte er sich dabei auf die Kindheit und Jugend seiner Frau. Ihre spätere politische Karriere sei weitestgehend bekannt, erklärte er beim Blick in die Gesichter vieler SPD-Mitglieder in den Reihen des Publikums. Regine Hildebrandt war 1990 Mitglied der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR und Ministerin für Arbeit und Soziales in der Regierung von Lothar de Maizière. Von 1990 bis 1999 war sie Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen im Land Brandenburg.

Seine Frau sei 1941 in einem Haus an der Bernauer Straße in Berlin geboren worden, das später zum sowjetischen Sektor gehörte, begann Jörg Hildebrandt mit ihrer Geschichte und zugleich mit der von der Entstehung zweier deutscher Staaten. Denn die Straße wurde berühmt durch Flucht­aktionen aus den Fenstern von Häusern im Ostteil Berlins auf die Straße, deren Bürgersteig bereits in West-Berlin lag. Das Schicksal der Bernauer Straße habe schon weit vor den Stacheldrahtrollen im ­August 1961 begonnen, berichtete er ebenso bewegend wie eindrucksvoll. Erst habe es zum Beispiel eine Zeit lang kein mehr Wasser gegeben, 1952 seien die Telefonleitungen durchgeschnitten worden. All das habe Regine Hildebrandts Leben geformt zu einem politisch denkenden und handelnden, aber auch zu einem sich verantwortlich fühlenden und konsequenten Menschen.

„Als Gesamtdeutsche geblieben“

Jörg Hildebrandt las aus einem Schulaufsatz und aus den einzig vorhandenen Tagebuchaufzeichnungen, entstanden im September 1961. Darin beschreibt seine Frau ihren Zustand der Depression nach der Flucht ihres Bruders, aber auch den der „geballten Faust in der Tasche“. „Was uns das DDR-System bis 1961 zugemutet hatte, hat uns hellwach werden lassen“, so Jörg Hildebrandt rückblickend. „Wir haben das System nicht gehasst, aber verachtet.“ Sie seien keine Dissidenten gewesen. Keinen einzigen Tag zwischen 1961 und 1989 in der DDR hätten sie bereut, denn sie seien damals ganz bewusst geblieben, hätten sich ganz bewusst zumauern lassen. „Wir sind als Gesamtberliner und als Gesamtdeutsche geblieben!“

Ihm und seiner Frau sei immer klar gewesen, dass eine Zusammenführung beider Staaten nur durch einen Impuls aus dem Osten möglich sein würde. „Da mussten doch einige bleiben, die den Gesamtzusammenhang sahen.“ Auch im Rahmen der Verfassung sei es ihnen durchaus möglich gewesen, „Wegemarken“ zu setzen, beschrieb Hildebrandt die Politik der kleinen Schritte und zitierte zum Beispiel aus einem Schreiben der beiden an das Zentralkomitee. „Wir haben uns öfter bemerkbar gemacht“, erklärte Hildebrandt.

Der heute im Osten Deutschlands vielfach vorherrschenden Meinung, dass ihm etwas „übergestülpt“ worden sei, widersprach Hildebrandt schließlich heftig. „Wir Ostler sind es doch gewesen, die es so eilig hatten“, sagte er. „Ich bin froh, dass es zu einer raschen Wiedervereinigung gekommen ist. Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht dankbar daran zurückdenke, dass wir wieder ein Land sind.“

Anhand einer Bilderschau vertiefte Jörg Hildebrandt das Vorgelesene und von ihm Kommentierte, zeigte aber auch zahlreiche Fotos von Begegnungen der Politikerin Regine Hildebrandt mit anderen bekannten Politkern.

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