Jedem Anschein von Vernachlässigung nachgehen

Von: Anna Petra Thomas
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Die Referenten Monika Althoff,
Die Referenten Monika Althoff, Ralf Schwarzenberg, Desirée Frese und Caroline Forschelen zusammen mit Angela Weingartz, Koordinatorin offener Ganztag beim Caritasverband, und Helmut Holländer (v.l.).

Kreis Heinsberg. Rund 70 Schulleiter, Lehrer und pädagogische Fachkräfte an offenen Ganztagschulen sind der Einladung zu einem halbtägigen Fachforum in den Pfarrsaal St. Barbara in Hückelhoven gefolgt.

„Kinderschutz in der offenen Ganztagsschule” lautete das Thema der Veranstaltung, zu der die Stadt Hückelhoven und der Caritasverband für die Region Heinsberg eingeladen hatten. Die Caritas ist in Hückelhoven Träger der Ganztagseinrichtungen in allen Grundschulen und in der Peter-Jordan-Schule.

„Was ist wann zu tun?”, formulierte Helmut Holländer, Erster Beigeordneter und Schuldezernent der Stadt Hückelhoven, in seiner Begrüßung die Kernfrage beim Thema Kinderschutz. Alle Teilnehmer müssten sich dieser Problematik täglich und vielfältig stellen. „Wenn ein Kind nicht der Witterung entsprechend gekleidet ist, ohne Frühstück in die Schule kommt und auch kein Pausenbrot dabei hat, ist es dann schon ein vernachlässigtes Kind?”, fragte er in die Runde und übergab das Mikrofon dann an Desirée Frese vom Institut für soziale Arbeit (ISA) in Münster.

Die Soziologin gab den Teilnehmern zunächst einen Überblick über die rechtlichen Rahmenbedingungen des Jugendschutzes, der seine Basis schon in Artikel sechs des Grundgesetzes hat. „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft”, heißt es dort in Absatz zwei. Sie erläuterte die im achten Sozialgesetzbuch (SGB VIII) festgeschriebenen Ziele der Jugendhilfe, die Unterschiede zwischen Förderung, Hilfen zur Erziehung und notwendigen Intervention bei einer Gefährdung des Kindeswohls und die Verfahrensvorgaben bei Anhaltspunkten für eine Kindeswohlgefährdung.

Wichtig für die schulische Arbeit mit Kindern ist zudem das Schulgesetz des Landes. Hier bestimmt § 42 Absatz 6: „Die Sorge für das Wohl der Schülerinnen und Schüler erfordert es, jedem Anschein von Vernachlässigung oder Misshandlung nachzugehen. Die Schule entscheidet rechtzeitig über die Einbeziehung des Jugendamtes oder anderer Stellen.” Daten dürften dabei „vielleicht gegen den Willen, aber nicht ohne Wissen der Eltern”, weitergegeben werden, betonte Desirée Frese.

Ihre Kollegin Monika Althoff ging detailliert auf die Begriffe „Kindeswohl” und „Kindeswohlgefährdung” ein. Sie machte deutlich, wie schwer greifbar beide sind. Es handele sich dabei nicht um beobachtbare Sachverhalte, sondern um „rechtliche und normative Konstrukte”, die nur über Kommunikation bestimmbar seien. Sie erklärte die notwendigen Schritte, wenn in der Schule Anhaltspunkte für eine Gefährdung wahrgenommen werden, und stellte einen Katalog mit verschiedenen Faktoren vor, die bei der Einschätzung des Risikos hilfreich sind. Dafür stellt das ISA auf Wunsch einen Dokumentationsbogen bereit.

Dass es entsprechende Hilfsmittel für die Schulen im Kreis Heinsberg bereits seit zwei Jahren gibt, erläuterten Ralf Schwarzenberg, Leiter des Hückelhovener Jugendamtes, und Caroline Forschelen, Leiterin des Allgemeinen Dienstes im dortigen Jugendamt mit Blick auf die seinerzeit geschlossenen Kooperationsvereinbarungen zwischen Jugendämtern, Schulen und freien Trägern. In jedem der fünf Jugendämter im Kreis seien jederzeit sogenannte Kinderschutzfachkräfte ansprechbar. Diese könnten bei Vermutungen einer Gefährdung zunächst auch in anonymer Form um ihren Rat gebeten werden, sagte sie.

In Hückelhoven würden jährlich rund 80 Kindeswohlgefährdungen gemeldet, „die wenigsten davon aus Schulen”, so Ralf Schwarzenberg. „Wir in Deutschland sind im Kinderschutz nur Mittelmaß”, ergänzte er. „Es werden täglich Kinder geschlagen, entwürdigt oder in ihrer sexuellen Integrität verletzt. Wir müssen gemeinsam aufmerksam sein!”

Das Institut für soziale Arbeit (ISA) in Münster ist das Fachinstitut für Kinder- und Jugendhilfe in Nordrhein-Westfalen. Es betreibt Praxisforschung, ist in der Beratung sowie in der anwendungsorientierten Konzeption tätig und bietet darüber hinaus praxisnahe Qualifizierungs- und Fortbildungsangebote an. Die Arbeit des Instituts erstreckt sich sowohl über die die Bundes- und die Länder- als auch über die kommunale Ebene. Seine Partner sind Politik und Verwaltung, Verbände, Einrichtungen und die Wissenschaft.
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