„In Jülich ist ein Erfolg erkennbar.”

Von: Verena Müller
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Eine von rund 90 Katzen, die derzeit im Tierheim Heinsberg auf eine Rückkehr ins alte oder auf ein neues Zuhause warten. Tierschützer und -ärzte fordern die Einführung einer Kastrations- und Kennzeichnungspflicht für Katzen, um der Katzenschwemme und damit einhergehenden Folgen Herr zu werden. Foto: Verena Müller

Heinsberg/Wassenberg. Die Tür des Tierheims für den Kreis Heinsberg geht auf, im Flur steht Brigitte Hasselberg. In der Rechten hält die Ehrenamtlerin einen Hundekorb, in der Linken einen Käfig. Die Leiterin des Tierheims geht ihr entgegen, ihr Blick bleibt an dem Käfig hängen. Sie lächelt.

„Den können wir super für die Katzen brauchen”, sagt Sina Braun. Vor drei Wochen zählte sie noch 105 Katzen in ihrem Tierheim - ein Rekordhoch. Eigentlich hat der Verein nur Kapazitäten für 50, und fast täglich kommen neue Katzen hinzu. Jedes Tier muss zunächst für ein paar Tage in Quarantäne, bevor es zu den Artgenossen darf. Dafür der Käfig.

Landesweit haben viele Tierheime Aufnahmestopps für Katzen verhängt. Der Ruf nach einer Kastrations- und Kennzeichnungspflicht für Katzen wird in vielen Kommunen lauter, um der Verwilderung und Verelendung von Katzen Einhalt zu gebieten.

Jülich, Aldenhoven und Linnich haben in diesem Jahr entsprechende Verordnungen eingeführt. Wenn es nach Bärbel Stangier, SPD-Stadtverordnete im Wassenberger Rat, ginge, wäre das auch in Wassenberg längst der Fall. Bereits am 15. Juni dieses Jahres hatte sie den Antrag gestellt, Katzenbesitzer in die Verantwortung zu nehmen. Passiert ist bislang nichts.

Derweil räkeln sich im Tierheim unzählige Katzen in Körbchen und auf Katzenbäumen. Entlaufene Katzen werden selten in den Tierheimen abgeholt, die Vermittlungsquote ist schlecht. „Bei uns wird es langsam besser, wir haben im Moment 90 Tiere”, sagt Sina Braun. 15 Tiere weniger in drei Wochen, das sei eine gute Vermittlungsquote. Je mehr Tiere, desto größer sei der Stress für sie und auch die Gefahr, dass sich Krankheiten verbreiteten: Pilze, Darm-Parasiten und Schnupfen. Grund genug für Bärbel Stangier, sich an die Öffentlichkeit zu wenden. „Mir tun Tiere in Not leid”, sagt sie. „Und wenn Menschen daran schuld sind, dass Tiere leiden müssen, dann muss es auch Menschen geben, die aktiv dagegen angehen.” Sie ist selbst im Tierheim Heinsberg aktiv.

Auch wenn die meisten Krankheiten, mit denen die Katzen ins Heim kommen, heilbar sind, sind Aufwand und Kosten nicht zu unterschätzen: Die Tiere müssen zum Tierarzt und es müssen strenge Hygieneregeln eingehalten werden - auch, damit sich die Krankheiten nicht auf den Menschen übertragen. Grund zur Panik gebe es derzeit aber nicht, meint der Heinsberger Tierarzt Dr. Ulrich Merschbrock. Von Katzen-Epidemien könne keine Rede sein, auch das sogenannte Katzen-Aids (FIV, Feline Immundefizienz Virus) stelle in der hiesigen Region kein massives Problem dar.

Ein Gefahr fürs Biotop

Dennoch plädiert er ebenso wie die Tierheimleiterin und die SPD-Abgeordnete für eine Kastrationspflicht, „weil wir - eigentlich schon seit Jahrhunderten - eine Katzenschwemme haben und verwilderte Katzen eine Gefahr für das Biotop sind”. Auf Bodenbrüter und andere Vögel, aber auch auf Kanichen und Hasen hätten es Katzen abgesehen, so Merschbrock. Verwilderte Katzen müssten bejagt werden, manche Jäger täten dies auch, wenn die Tiere außerhalb der Ortschaften streunten.

Verantwortungsbewusstsein fehlt

Unter den Faktoren, die zu dem Problem geführt haben, spielt paradoxerweise der Tierschutz eine wesentliche Rolle. „Früher wurden ganze Würfe auf den Bauernhöfen einfach ertränkt, wenn es zu viele wurden”, sagt Merschbrock. Es sei gut, dass da ein Umdenken eingesetzt habe, aber ihrer Verantwortung seien sich viele Tierhalter immer noch nicht bewusst. Bei Argumenten wie: „Das ist doch ein Kater, der kann doch keine Kinder kriegen - also warum sollte ich den kastrieren lassen?”, kann Merschbrock nur den Kopf schütteln.

Oft spiele auch der Preis eine Rolle. Bei einer Katze koste der Eingriff mindestens 90, bei einem Kater 50 Euro. „Wie hoch ist der Gegenwert einer Katze?”, fragten sich die Menschen leider oft. Und will ein Katzenbesitzer sein entlaufenes Tier aus dem Heim abholen, ist das auch nicht kostenlos. In Heinsberg beläuft sich ein Tag „Katzenpension” auf sechs Euro, hinzukommen kann die Tierarztrechnung, falls die Katze verletzt war oder entwurmt werden musste. Hat sich der Besitzer nach drei bis vier Tagen nicht gemeldet, wird sie kastriert.

Viel einfacher und für alle Beteiligten günstiger wäre es da, wenn das Tier einen Chip hätte, gelistet wäre und schnell zu seinem Besitzer zurück könnte, sagt Merschbrock. „Ich bin ein großer Befürworter der Kennzeichungspflicht”, so der Tierarzt. Diskutiert wird - alternativ zum Chip - eine Tätowierung. „Davon halte ich nichts. Das ist für das Tier nur schmerzhaft und bleibt nicht lange lesbar”, sagt der Spezialist für Kleintiere.

Für die Tierheimsleiterin Sina Braun ist es ein Rätsel, warum man sich in Deutschland mit einer flächendeckenden Kennzeichnungs- und Kastrationspflicht so schwer tut. „Andere Länder sind in dem Punkt schon viel weiter als wir”, sagt sie.

Wie die Stadtverwaltung Wassenberg mitteilte, soll das Thema in der nächstmöglichen Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses auf der Tagesordnung stehen.

Wie rasant sich Katzen vermehren

Die Tierschutzorganisation Peta hat folgende Rechnung gemacht: Wenn man davon ausgeht, dass ein Katzenpaar pro Jahr zweimal Nachwuchs bekommt, und drei Katzen pro Wurf überleben, dann ergeben sich nach einem Jahr zwölf, nach vier Jahren 2201 und nach sieben Jahren 420.000 Tiere.

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