Erkelenz-Borschemich - In jedem Raum hängt ein Stück Erinnerung

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In jedem Raum hängt ein Stück Erinnerung

Von: Norbert F. Schuldei
Letzte Aktualisierung:
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Die Ostseite von Haus Paland in Borschemich. Der heutige Bau entstand um 1600, nachdem die Burg 1586 zweimal von spanischen und kölnischen Truppen eingenommen worden war. Foto: Schuldei

Erkelenz-Borschemich. Eigentlich ist er ein Burgherr. Wilfried Lörkens residiert schließlich in einem Gemäuer, das in seiner heutigen Form aus dem Jahr 1626 stammt. Aus einer Zeit also, in dem auch hier zu Lande gerade der Dreißigjährige Krieg tobte.

„Die Scheunen”, sagt Lörkens, „sind wohl noch älter, so 14. Jahrhundert etwa.” Der Hausherr kann weit zurück blicken in eine bewegte Vergangenheit, wenn er den Besucher durch sein Anwesen führt: Seit 180 Jahren etwa ist Haus Paland im Besitz der Familie Lörkens.

Der Blick nach vorn allerdings ist verstellt. Wenn man etwas Phantasie hat, sieht man ein riesiges Loch. „Spätestens 2015 ist hier alles platt. Dann fressen sich die Bagger von Rheinbraun hier, wo wir jetzt stehen, Zentimeter um Zentimeter voran.” Wenige Meter unter dem schweren, fruchtbaren Boden, auf dem wir stehen, liegt das, was die Bagger freischaufeln und was diese Gesellschaft zum Leben braucht wie früher Ritter die Rüstung: Kohle, aus der man Energie gewinnt.

„Innerlich habe ich schwer damit zu kämpfen, dass die Tage hier gezählt sind”, sagt Lörkens, als wir die Treppen in die Wohngemächer hochsteigen. „Das ist oft so, als ob die Musik neben dir steht”.

Der heute 59-Jährige wurde hier auf Haus Paland geboren, er hat hier in seiner Kindheit gespielt, er saß mit seiner ersten Freundin hier unter der alten Kastanie vor dem Haus und hat später hier seine Kinder spielen und aufwachsen sehen. „Meine Eltern haben hier mit uns zusammen bis zu ihrem Tod gewohnt. Das sind so viele Erinnerungen.” Wenn er das sagt, merkt man, dass - wie er es ausdrückt - die Musik neben ihm steht.

Was ist schon „angemessen”?

Vor ein „paar Wochen” sind die Leute von RWE Power an ihn herangetreten. Lörkens weiß, dass er keine Wahl hat, dass er verhandeln muss, um eine angemessene Entschädigung zu erhalten. Aber was ist schon „angemessen” für ein solches Gebäude, in dem Geschichte in jeder Mauerfuge steckt? Wie soll etwa der Blick aus dem Erkerfenster auf die alte Kastanie mitten in der Wiese taxiert werden? „Das geht nicht. Gefühle kann man nicht mit Geld aufwiegen”, sagt Lörkens.

Viele von den Borschemichern, die sich jedes Jahr bei der Kirmes im Festzelt - „Hier war immer der Schauplatz für die Schützenfeste, bis in die 1970er-Jahre hinein, als die Mehrzweckhalle gebaut wurde” - auf dem weitläufigen Gelände um das Haus herum tummelten, haben längst vor der Macht der Bagger kapituliert und den Ort verlassen. „Viele haben das Angebot der Stadt Erkelenz angenommen und in Borschemich neu ein Haus gebaut”, sagt Lörkens.

Die Küche renoviert

Bei der Fahrt durch den Ort sieht man das sofort: An vielen Häusern sind die Rollläden auch am helllichten Tag heruntergelassen, der Wagen einer Kölner Sicherheitsfirma ist vor einem dieser leer stehenden Häuser geparkt, bei manchen Gebäuden hat man den Eindruck, die Bagger werden es nicht sonderlich schwer haben... „Ich kann die Leute verstehen. Was will man denn noch hier, wenn es keine Zukunft gibt, wenn das Ende festgeschrieben ist?” Da klingt es wieder durch, das mit der Musik...

Lörkens sagt das zwar, handelt selbst aber anders. Er bleibt noch. Er will noch nicht weg. Ihn hält es - noch. „Ich habe gerade die Küche und das Esszimmer renoviert.” Die Bilder liegen auf dem Tisch, die Nägel sind noch nicht in der Wand. „Ich kann hier kramen und werkeln und machen wie und wann ich will. In so einem Neubau, eng an eng mit Nachbarn - nee, da geht sowas nicht.”

Er habe, sagt er, so viele Pläne gehabt, was er mit dem geschichtsträchtigen Gebäude alles machen könne, jetzt, da er allein dort noch lebt. Etwa zwanzig Zimmer - „so genau weiß ich das gar nicht” - gibt es in Haus Paland. Wilfried Lörkens Schwestern haben dort ihr Zuhause gehabt, seine Eltern wurden bis zu ihrem Tod dort von den Geschwistern gepflegt. „An jedem Raum hängt eine Erinnerung”, sagt er, als wir in dem großen Zimmer mit dem ausladenden Tisch stehen: „Hier wurde auch Weihnachten gefeiert. Da saßen dann oft 15 Leute und mehr am Tisch.”

Vor sechs Jahren, da hat die Familie den 90. Geburtstag von Vater Leo noch ganz groß gefeiert, da war noch einmal „ganz Borschemich” Gast auf Haus Paland, fast so wie früher.

Wie 1941 zum Beispiel, als Leo Lörkens mit dem Königssilber behängt auf dem Burgwall mit dem Kahn spazieren fuhr. In diesem Frühjahr sind die St.-Martinus-Schützen mit den verbliebenen Borschemichern noch einmal den Weg in das Festzelt auf der Paland-Wiese gegangen und haben dort die Frühkirmes gefeiert. „Das war wohl die letzte hier”, glaubt Wilfried Lörkens. Als er das sagt, da steht die Musik wieder neben ihm...
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