Kreis Heinsberg - Gottfried M. Graaff: „Die Sprache der Seele ist das Gefühl“

Gottfried M. Graaff: „Die Sprache der Seele ist das Gefühl“

Von: dawin/kalauz
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Sterben und Auferstehung sind eine unzertrennliche Einheit, sagt Regionaldekan Gottfried M. Graaff. Foto: kalauz

Kreis Heinsberg. Sterben und Auferstehung sind eine unzertrennliche Einheit, sagt Regionaldekan Gottfried M. Graaff. Im Gespräch mit ihm erfahren wir, welch spirituellen Sinn Ostern für jeden Einzelnen von uns haben sollte.

Wir müssen mit den Augen der Seele in unser Innerstes blicken, meint er. Auf diesem Weg soll auch die Kirche ein wichtiger Begleiter sein und den Menschen Orientierung geben.

Ostern ist das Fest der Auferstehung. Dies ist die frohe Botschaft. Aber – und das ist die andere Seite – Jesus Christus wurde von seinen Häschern getötet. Lässt sich beides mit dem christlichen, dem österlichen Verständnis vereinbaren?

Graaff: Wir sterben. Wir werden nicht gestorben.

Das müssen Sie erklären. Jesus Christus ist am Kreuz gestorben, also praktisch umgebracht worden. Das widerspricht doch Ihrer These.

Graaff: Nein, das widerspricht nicht. Genau an der Stelle bin ich nämlich aufmerksam geworden. In der Matthäus-Passion heißt es: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Er schrie laut auf und hauchte den Geist aus“. Bei Johannes heißt es etwas anders: „Es ist vollbracht. Und er neigte das Haupt und gab seinen Geist auf.“ Der Tod am Kreuz ist ein Erstickungstod.

Was heißt das?

Graaff: Wenn du erstickst, kannst du deinen Geist nicht mehr aushauchen. Erst recht nicht, wenn du nicht mehr atmen kannst. Das heißt: Wenn Jesus seinen Geist aushaucht, also zusammensackt und haaaa – dann ist das ein aktives Geschehen.

Am Osterfest wird sowohl dem Sterben als auch der Auferstehung, also Tod und Leben gedacht. Wie passt das zusammen?

Graaff: Um es liturgisch aufzudröseln: Wenn wir Gründonnerstag, Karfreitag und Osternacht als Liturgie feiern, eröffnen wir die Abendmahlsfeier mit dem Kreuzzeichen, am Ende gibt es keinen Segen; in der Karfreitagsliturgie beginnt der Gottesdienst ohne Kreuzzeichen; nach dem Tod und der Grablegung gingen alle nach Hause – kein Segen; in der Osternacht ziehen wir mit der Kerze als Symbol für den Auferstandenen, der in die Dunkelheit der Welt dieses Licht trägt – kein Kreuzzeichen als Eröffnung; und erst am Schluss der Osternachtliturgie heißt es: Geht hin in Frieden, halleluja, halleluja. Mit Segen. Das heißt: Man kann den Tod und die Auferstehung Christi als ein Geschehen letztlich gar nicht auseinanderziehen. Aber weil es in Raum und Zeit geschieht, wird es in der Liturgie als ein großes Mysterium zusammengefasst.

Sterben und Auferstehung müssen also als eine Einheit gesehen werden?

Graaff: Das geht gar nicht anders. Was die Evangelisten verstanden haben, das versuchen sie im Nachhinein auf ihre Zielgruppe hin, auf die Menschen, die sie mit ihrer Botschaft ansprechen wollen, zu formulieren. Und in allen Evangelien kommt immer wieder die Leidensankündigung und die Ankündigung der Auferstehung vor. Aus der Nummer kommen wird nicht raus: Dass Jesus genau wusste, zu seinem Leben gehört als Schlussakkord genau dies dazu.

Können Sie das ein wenig weltlicher formulieren?

Graaff: Okay. Es ist eine ganz alte Lehre der Kirche, dass wir nicht nur die Sinne des Körpers, sondern auch die Sinne der Seele haben. Die Sprache der Seele ist das Gefühl. So. Im Johannes-Evangelium steht Maria am Grab und weint. Als Frau tut sie sich da mit dem totalen Zugang zu ihrem Gefühl leichter als Männer. Petrus und Johannes nämlich kommen und „die wussten nicht“, die waren völlig Kopf, alles intellektuell, sie sehen nichts. Maria ist in ihrer Innerlichkeit ganz bei sich. Und in dieser Innerlichkeit erschließt sich eine unsichtbare Wirklichkeit, die wir im Glaubensbekenntnis bekennen. Sie sieht die Engel, sie sieht Jesus, und als der sie anspricht – da erkennt sie ihn. Sie wusste nicht, dass es Jesus war, denn sie war nicht in ihrem Kopf, sie war in ihrem Gefühl, in ihrer Seele. Sie war bei sich selbst.

Könnte Ihre Osterbotschaft also lauten: Wir müssen Kopf und Gefühl wieder mehr zusammen bringen?

Graaff: Ja. Die Vermittlung von Kopf und Gefühl bekommt im Herzen den richtigen Zugang, den richtigen Einklang. Maria musste ja von Jesus auch noch mal zurück gepfiffen werden: Halte mich nicht fest! Jesus holt Maria aus dem Gefühl in den Kopf. „Ich bin noch nicht zu meinem Vater hinaufgegangen. Aber geh du zu meinen Aposteln und sag ihnen, was du erlebt hast!“

Gefühl und Verstand in Einklang zu bringen wird freilich in unserer digitalen Welt immer schwieriger, das Gefühl scheint zu Lasten des Verstandes immer mehr zu verkümmern.

Graaff: Das ist die große Herausforderung.

An wen und für wen?

Graaff: Für alle Seiten. Wir als Seelsorger und Priester, die die Menschen ermutigen sollen, müssen ihnen sagen: Geh‘ auch mal den Weg nach innen, wir müssen die Menschen, die immer mehr Brass um sich herum verspüren, zum Ganzwerden ermutigen. Wir sehen doch, wie die Menschen in unserer Gesellschaft so was von unter Stress und unter Druck und unter Zwängen stehen und in Nöten sind, bis hinein in den Freizeitbereich, dass für sie selber und für den ganz persönlichen Rückzug nichts mehr bleibt. Ich mache jeden Mittag eine halbe bis eine dreiviertel Stunde Meditation. Wenn ich das nicht mache, geht es mir abends nicht gut. Kein formuliertes Gebet, sondern ein In-mich-hinein-horchen.

Sie würden sagen: Jeder Einzelne muss ein wenig mehr für sich tun, damit es der Gesellschaft als Ganzes besser geht?

Graaff: Ja. Wir leben so viel im Außen, in der Handlung, in selbst gebauten Zwängen...

...auch in Zwängen, die von anderen vorgegeben werden...

Graaff: ...genau, so dass wir als Menschen mit dem, was unser innerstes Sehnen ist, erdrückt werden. Nur wenn ich an meine Sehnsucht komme, bin ich ganz tief bei meinem Gefühl, ganz tief bei meinem Innersten. Aber wer lebt denn sein Sehnen? Alle wollen Partnerschaft, Familie, geliebt werden. Wir versuchen, das alles zu organisieren. Aber: Das geht nicht!

Warum geht das nicht?

Graaff: Ich kann mir doch keine Beziehung organisieren! Ich kann mir nur für eine Beziehung Zeit nehmen. Eine Beziehung ist harte Arbeit, da muss ich schon ganz bei mir selber sein, um dann auch ganz bei dem anderen sein zu können.

 

Und umgekehrt...

Graaff: ...ganz genau.

Das heißt: Sie stellen die gesellschaftliche Forderung: Jedem muss mehr als das heute der Fall ist, die Möglichkeit eingeräumt werden, Auszeiten zu nehmen.

Graaff: Ich sehe nicht, dass es anders geht. Nicht irgendwelche Action machen. Laufen beispielsweise ist okay. Aber bitte nicht unter dem Aspekt der Leistung. Sondern eine Stunde durch den Wald laufen und sich dabei nichts vornehmen. Dann kommt man rein in eine Innerlichkeit.

Wie können Sie als Kirche das organisieren? Das sollte dann doch auch Ihre Aufgabe sein: Diese Rückzugsmöglichkeit für den Einzelnen zu organisieren.

Graaff: Ja, sicher. Ich bin zum Beispiel dafür, dass wir uns Gottesdienste richtig schön machen. Aber: Wie viel Action ist notwendig? Wo kommt so eine Innerlichkeit des Gottesdienstes her?

Rorate-Gottesdienste beispielsweise?

Graaff: Das ist ein gutes Beispiel. Ich zum Beispiel nehme mir auch für den Werktagsgottesdienst Zeit. Der dauert dann schon mal 45 Minuten. Wir müssen uns mehr Zeit nehmen. Musik oder Licht sind Mittel, um die Menschen in die Innerlichkeit hinein zu führen. Wenn man es gesellschaftspolitisch sieht: Bei uns ist die Gesellschaft gesund, wenn es der Wirtschaft gut geht. Die Wirtschaft steht unter einem Leistungsdiktat. Es wird ganz viel, auch von der Gesetzgebung her, an der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit eines Landes ausgelegt.

Zum Beispiel?

Graaff: Was ist denn beispielsweise G8, also das Abitur in acht statt wie bisher in neun Jahren? Nichts anderes als: Ich bringe Leute maßgeschneidert, nicht mehr aus einem Bildungsideal heraus, ein Jahr früher auf den Markt. Was ist der Bachelor anderes als die Möglichkeit, junge Menschen mit niedrigem Hochschulabschluss in einem niedrigen Managementsegment unterbringen zu können? Für einen aus meiner Sicht für jeden Einzelnen notwendigen Weg in die Innerlichkeit bleibt da kein Raum.

Und wie kann das Osterfest in dieser Hinsicht Orientierung geben?

Graaff: Der Tod und die Auferstehung Jesu Christi öffnen uns die Augen dafür, dass wir in einen größeren Kontext von Wirklichkeit und Realität eingewoben sind. Der Tod existiert nicht. Um noch einmal zu Maria am Grab zurückzukommen: Was war deren Ostern? Dass sie Jesus wieder hatte? Jesus ließ sich nicht festhalten. Das ist es nicht! Ihr Ostern war, dass ,ganz‘ war, dass sie mit den Augen ihrer Seele in den großen Kontext der Schöpfung reinschauen konnte. Wir sind als Menschen, wenn ich das angespitzt formuliere, ein anderer Christus.

Das müssen Sie aber...

Graaff: ...wenn ich ein Bruder Jesu Christi bin, dann ist er Jesus Christus, und ich bin Gottfried Christus. Wenn wir die Christusexistenz in uns wahrnehmen, dann kann es nicht anders sein, als dass sie Gestalt in uns annimmt und wir sie nach außen hin tragen. Der Ostermorgen war für Maria Magdalena die Erfahrung, dass sie sich in diese große Wirklichkeit eingebettet sah. Das ist der österliche Augenblick: Wenn sich unsere Augen der Seele öffnen und wir uns eingebettet sehen in das Ganze der Schöpfung.

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