Glücklich lächelnd unterm Regenschirm

Von: Verena Müller
Letzte Aktualisierung:
„Der Helmut hat ja jetzt auch
„Der Helmut hat ja jetzt auch viel Zeit”: Helmut Hawinkels (2. von rechts) bei seiner ersten Friedhofswanderung durch Heinsberg. Foto: Verena Müller

Heinsberg. Es regnet, es ist windig und kalt, aber Frieda Simons lächelt unter ihrem schwarzen Regenschirm als herrsche schönstes, lauwarmes Frühlingswetter. „Wissen Sie, manche Menschen mögen ja keine Friedhöfe”, sagt sie, die hätten ein verkrampftes Verhältnis zu diesen Orten. „Aber oft ist ein Friedhof wie ein wunderschöner Park.”

Während sie das sagt, beschreibt sie mit der Hand eine großen Halbkreis und lächelt noch mehr. Die Mittsiebzigerin ist häufig auf Friedhöfen. Nicht nur am Grab ihres Mannes, der vor 16 Jahren gestorben ist, oder am Grab ihres Vaters, der auf dem Ehrenfriedhof in Wassenberg liegt. Heute geht sie bei der ersten Friedhofswanderung durch Heinsberg mit, denn irgendwas müsse man ja machen, um fit zu bleiben, und mit Helmut Hawinkels gebe es auch nach den 45 Jahren, die sie schon in Heinsberg wohnt, immer noch was Neues zu entdecken. „Und der Helmut hat ja jetzt auch viel Zeit”, sagt Frieda Simons.

„Der Helmut” war früher Justizbeamter am Amtsgericht und ist seit zehn Jahren im Ruhestand. Die Stadtführungen bietet er seit fünf Jahren an, genauso lange ist Frieda Simons dabei. Das Wetter hat sie ebenso wenig wie die 25 weiteren Teilnehmer abgeschreckt. Eine Parade aus karierten, Leopardenfell - oder anders gemusterten Schirmen zieht am späten Nachmittag vom Jüdischen Friedhof am Klevchen über den alten evangelischen Friedhof zum städtischen.

Die historischen Eckdaten, die Hawinkels auflistet, spielen eine untergeordnete Rolle, den überwiegend älteren Teilnehmern geht es nicht um wissenschaftliche Genauigkeit. „Ich weiß noch, wie mein Vater immer sagte ...” beginnen stattdessen die Ergänzungen, die Anekdoten, die die Heinsberger an den einzelnen Stationen einstreuen. Viele nicken dann gedankenverloren, zum Teil, weil sie die Geschichten schon an anderer Stelle gehört haben, zum Teil, weil sie kurz abschweifen und in eigenen Erinnerungen schwelgen.

Als der Heinsberger Hobbyhistoriker Helmut Hawinkels erzählt, dass derjenige, der den jüdischen Friedhof in Heinsberg in der NS-Zeit schändete, später bei Prozessionen und in der Kirche immer in der ersten Reihe war und er den Namen mit Rücksicht auf die noch lebenden Verwandten nicht nennen will, wiegt Frieda Simons den Kopf. Sie wisse nicht, warum man die Verantwortlichen schützen müsse, sagt sie.

Im Jahr 1938, als der Friedhof geschändet wurde und die Feuerwehr schon bestellt war, damit beim geplanten Anzünden der Synagoge kein Feuer auf andere Häuser hätte übergreifen können, ist Frieda Simons geboren. Ihre Eltern waren aus der Lüneburger Heide nach Wassenberg gekommen, der Vater arbeitete in der Zeche. An die Front musste er nicht, gefallen ist er 1944, in der Heimat. Beim Luftangriff vom 16. November 1943 wurde der jüdische Friedhof fast gänzlich zerstört; nach dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Juden mehr in Heinsberg. Heute leben hier wieder ein paar einzelne, vielleicht war einer bei der Führung dabei. Denn als Hawinkels die Spenden, die er am Ende des Abends für das brasilianische Waisenhaus Niteroi gesammelt hat, zählt, findet er ein Zehn-Schekel-Stück. Von wem es stammt, weiß er nicht.

Auf dem städtischen Friedhof ist das Grab von Paul Artur Fuchs die erste Station. Dass der Pfarrer den Bau der Christuskirche durchgesetzt hat, ist den meisten bekannt, dass er gut haushalten konnte, auch. Vielleicht aber nicht, welche Dimensionen seine Sparsamkeit hatte. „Die ging soweit, dass er sogar Briefumschläge mehrfach nutzte”, erzählt Hawinkels.

Pfarrer Sebastian Walde, der Hawinkels mit Anekdoten und Schirm zur Seite steht und die Führung im Zusammenhang mit der Instandsetzung des alten evangelischen Friedhofs angeregt hatte, kennt die Details: „Wenn man Post von ihm bekam, war diese mit der Aufforderung verbunden, den Umschlag zurückzusenden”, sagt er. Was aber die Seelsorge anbelangt, könne er nichts über den im Jahr 2005 gestorbenen Fuchs sagen. Die Runde lacht.

Frieda Simons steht in der letzten Reihe, hört zu, schaut sich hin und wieder um. Mal in die Richtung des Grabes ihres Mannes, dann in Richtung des Grabes von Jupp Koulen. „Der war Bildhauer”, erzählt sie, „und da hinten die Marienstatue hat er gemacht.”

Ungefähr zu der Zeit, als Koulen noch Abbilder wie die Madonna schuf, arbeitete Frieda Simons in einer Druckerei. Dass sie trotz „zweier Einzelkinder”, wie sie es sagt, immer arbeiten gegangen ist, sei gut gewesen. Die Witwenrente ihres Mannes alleine würde nicht reichen, und auch jetzt müsse sie rechnen. So eine Teilnahme an einer Busreise zum Melatenfriedhof zum Beispiel sei ja auch nicht umsonst.

Die Führung ist vorbei, es regnet, es ist windig und kalt und Frieda Simons lächelt immer noch. Sie sieht aus, als hätte sich die Führung für sie heute wieder gelohnt.

Nächste Führung von Helmut Hawinkels

Die Friedhofsführung „Ge(h)denken” soll alle paar Wochen stattfinden, der nächste Termin steht noch nicht fest.

Die nächste Führung von Helmut Hawinkels findet heute ab 17 Uhr in der Heinsberger Oberstadt statt. Besucht werden innerhalb von zweieinhalb Stunden historischen Plätze. Treffpunkt ist die Karnevalssäule in der Fußgängerzone. Um kurze Anmeldung unter Tel. 02452/ 23493 wird gebeten.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert