Kreis Heinsberg/Baesweiler - Glasfaser: Gewerkschafter kritisiert Schindluder in der Bauwirtschaft

Glasfaser: Gewerkschafter kritisiert Schindluder in der Bauwirtschaft

Von: Jan Mönch
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Ein Arbeiter beim Fegen einer Straße in Scherpenseel. Ob er weiß, welche Rechte dieser Boden ihm garantiert? Foto: Markus Bienwald
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„Die Bauwirtschaft ist sehr in Verruf geraten“: Gewerkschafter Thomas Krumscheid. Foto: Markus Bienwald

Kreis Heinsberg/Baesweiler . Die Reaktionen bewegten sich zwischen angeblicher Überraschung und aufrichtiger Empörung. Als vergangene Woche bekannt wurde, dass Arbeiter auf einer Glasfaser-Baustelle im Kreis offenbar um ihren Lohn geprellt wurden, brachte das viele Gemüter zum Kochen.

Gerade vor dem Hintergrund, dass bereits 2013 osteuropäische Roma in Gangelt für den Hungerlohn von 2,30 Euro pro Stunde geackert haben, war die Angelegenheit für die Deutsche Glasfaser GmbH peinlich. In beiden Fällen waren Unternehmen beauftragt worden, die den Job abermals an einen Subunternehmer weitergaben. Thomas Krumscheid, Branchensekretär bei der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt in Aachen, spricht im Interview über die katastrophalen Folgen, die die Ausbeutung in der Bauwirtschaft hat.

Herr Krumscheid, vergangenes Jahr wurde bekannt, dass Roma auf einer Glasfaser-Baustelle für 2,30 Euro schufteten. Nun wurden türkischstämmige Arbeiter aus den Niederlanden offenbar gar nicht bezahlt. Was geht da vor?

Krumscheid: Die Verkettung von Subunternehmern ist ein typisches Vorgehen in der Bauwirtschaft. Ein Generalunternehmer bekommt einen Auftrag, dieser wird weitervermittelt an den nächsten Unternehmer – und so weiter. Wir haben es bei der Deutschen Glasfaser also mit Leuten zu tun, die gar keine eigenen Arbeiter beschäftigen, sondern die Arbeit immer weiter nach unten reichen. Bis dann irgendwann diese armen Kerle da sind und ihre Manpower anbieten. Eine gängige Praxis.

Was spricht wohl aus Sicht der Deutschen Glasfaser für ein solches Geschäftsmodell?

Krumscheid: Man muss wissen: Schon auf der obersten Ebene wird Geld nur an dieser reinen Weitervermittlung des Auftrags verdient.

Und dieses Geld muss irgendwo wieder eingespart werden.

Krumscheid: Genau, bei den Leuten ganz unten. Manchmal kommen zum Beispiel auch Schein-Werksvertragsnehmer zum Einsatz, die angeblich alle selbstständig sind. Oder in diesem Fall geht es über die holländische Schiene. Das geht so lange gut, bis jemand darüber stolpert, jemand von der Gewerkschaft oder vom Zoll. Das Problem ist: Diese Arbeiter kennen unsere Sprache nicht, und sie kennen unsere Gesetze nicht.

Sie lassen sich also viel einfacher ausnutzen, um es mal zynisch zu formulieren.

Krumscheid: Richtig. Die fremde Sprache ist ganz entscheidend. Die Arbeiter werden unter Vorspielung falscher Tatsachen angeworben. Irgendwo in einem Dorf in Osteuropa tauchen Leute auf und fragen: Willst Du nicht in Deutschland arbeiten? Dann werden Verträge unterschrieben, durch die der Kollege plötzlich selbstständig ist und etwa die Krankenkasse selbst zahlen muss. Und selbst wenn er dann den tariflichen Mindestlohn von 11,10 Euro erhalten sollte, bekommt er vielleicht noch die Unterkunft abgezogen. Das hat sich letztes Jahr in Gangelt abgespielt. Dabei muss der Arbeitgeber die Unterkunft stellen. So kommt man irgendwann bei den 2,30 Euro aus.

Bleiben wir zynisch: Selbst ein so geringer Lohn ist für manche Arbeiter aus Osteuropa offenbar noch gutes Geld. Schreitet man ein, haben sie stattdessen gar nichts. Soll das die Lösung sein?

Krumscheid: Das ist nicht nur zynisch, das ist auch fremdenfeindlich. Aber darum geht es auch gar nicht. Mag sein, dass ein Arbeiter aus Rumänien in seiner Heimat sogar noch weniger verdient als 2,30 Euro. Aber das darf man doch hier bei uns nicht so einreißen lassen. Wir wollen, dass gerechte Löhne für gute Arbeit gezahlt werden. Egal ob ein Roma, ein Türke, ein Niederländer oder ein Deutscher sie erledigt hat.

Ist die geleistete Arbeit denn gut?

Krumscheid: Das ist die nächste Frage. Wer am Ende auf der Baustelle steht, hat nicht immer eine Ausbildung genossen. Das kann man auch an Baumängeln erkennen. Wir haben in Deutschland eine Verdingungsordnung für Bauleistungen. Jede Firma, die im Kreis Heinsberg angesiedelt ist, muss sich daran halten. Die müssen Meister vorhalten, die müssen Bauingenieure vorhalten, die müssen Fachkräfte vorhalten. Und die werden dann zurecht vernünftig bezahlt. Wenn dann irgendwelche Firmen kommen, bei denen all das nicht gegeben ist, kommt für Baumängel, die zurückbleiben, hinterher der Steuerzahler auf.

Ihre Forderung?

Krumscheid: Wir fordern von Staat und Gesetzgeber zum Beispiel, mehr Zöllner einzustellen. Da müsste jeden Tag kontrolliert werden. Stößt ein Zöllner auf einen solchen Fall, dauert es ja Wochen, bis er ihn bearbeitet hat und auf die nächste Baustelle kann.

Die lokale Politik regt sich nun im Nachhinein fürchterlich über die Vorkommnisse auf.

Krumscheid: Dabei ist die Politik doch die Ursache. Man hat gesagt: Super, da legt uns einer billig Kabel in die Erde. Das muss man doch frühzeitig hinterfragen. Hinterher mit erhobenem Zeigefinger herumlaufen – auch das ist zynisch.

Auch Kreishandwerkerschaft und Bau-Innungen sind zornig.

Krumscheid: Zurecht. Die Bauwirtschaft ist in Teilen sehr in Verruf geraten. Da ist viel Sumpf. Außerdem ist zu bedenken: Die hiesigen Unternehmen bezahlen hier ihre Gewerbesteuer. Ein Subunternehmer aus Tschechien nicht.

In welchen Branchen ist das Problem sonst noch verbreitet?

Krumscheid: Zum Beispiel in der Gastronomie und in der Fleischverarbeitungsindustrie. Im Baugewerbe haben wir zumindest noch einen großen Vorteil: Wir haben allgemeinverbindliche Tarifverträge. Und wir haben vernünftige Tariflöhne. Wenn dieser Anker nicht eingehalten wird, verlieren wir in diesem Bereich auch Sozialabgaben. Wenn wir da nicht drauf achten, haben wir hier irgendwann Sodom und Gomorrha, das ist meine feste Überzeugung. Nicht zuletzt wird mit alldem übrigens auch Fremdenfeindlichkeit geschürt.

Wieso das?

Krumscheid: Ein Billiglöhner aus dem Ausland verdrängt einen tariflich bezahlten einheimischen Arbeiter. Darauf wird oft mit Fremdenfeindlichkeit geantwortet. Das Phänomen lässt sich zurzeit auch in Griechenland beobachten.

Warum will eigentlich niemand das Arbeitnehmer-Entsendegesetz kennen, demzufolge der Generalunternehmer für die tarifliche Bezahlung derer haftet, die für ihn die Arbeit machen?

Krumscheid: Ich glaube schon, dass es bekannt ist. Es wird nur bewusst unter den Teppich gekehrt. Wenn man hier Aufträge annimmt, ist man für gewöhnlich auch darin bewandert, was man darf und was nicht. Wer die Gesetze wirklich nicht kennt, ist der Arbeiter aus Rumänien oder Tschechien oder wo er nun herkommt.

Wo liegen die Mängel, wo die Vorzüge des Arbeitnehmer-Entsendegesetzes, so, wie es ist?

Krumscheid: Wenn der Zoll mehr Zöllner hätte, wäre die Richtlinie ganz gut: Der Zoll darf auf die Baustelle kommen und kontrollieren. Und wir als Gewerkschaft können dafür sorgen, dass der Kollege seine tarifliche Entlohnung zur Not vom Generalunternehmer bekommt.

Vorausgesetzt der Kollege ist bei Ihnen gewerkschaftlich organisiert.

Krumscheid: Ja, deshalb können wir den Kollegen, die hier bei uns in der Bundesrepublik arbeiten kommen, nur raten, sich frühzeitig an uns zu wenden.

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