Gangelter Schüler gegen Raser: Radarmessung mit Präventionscharakter

Von: Georg Schmitz
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„Da kommt wieder ein Autofahr
„Da kommt wieder ein Autofahrer mit zu hoher Geschwindigkeit”, ruft Wolfgang Simon seinem „Anhalte-Kollegen” zu, während die Realschüler schon auf ihren Einsatz warten. Foto: Georg Schmitz

Gangelt. „Bitteschön, weil Sie sich an die Geschwindigkeit gehalten haben, bekommen Sie jetzt eine Tafel Schokolade”, dankte Leon dem niederländischen Autofahrer.

Diesem war ob dieser Situation sichtbar ein Stein vom Herzen gefallen, denn er hatte mit Schlimmerem gerechnet, nachdem ihn die Polizei angehalten und auf den Randstreifen dirigiert hatte. „War ich etwa zu schnell?”, sei es ihm durch den Kopf geschossen. Doch mit 29 Stundenkilometern lag er in der 30er Zone richtig, aber das konnten nicht alle der im Laufe der nächsten Stunde „aus dem Verkehr gezogenen” Autofahrerinnen und -fahrer von sich behaupten.

Doch auch die „schwarzen Schafe”, welche während der Messung mit Radarpistole die Geschwindigkeit in der Gangelter Kritzraedtstraße überschritten hatten, kamen am Donnerstagmorgen mit „blauen Augen” davon. Alle erhielten lediglich mündliche Verwarnungen, denn die morgendliche Aktion der Polizei sollte Präventionscharakter haben. „Die Geschwindigkeit ist weiter der Killer Nummer eins”, weiß Polizeihauptkommissar Michael Okuhn. Er ist stellvertretender Leiter der Direktion Verkehr und befasst sich seit vielen Jahren mit der Verkehrsunfallbekämpfung.

Die Verunglücktenhäufigkeitszahl im Kreis Heinsberg liegt weiterhin über dem Landesdurchschnitt. Durch die im Oktober 2011 begonnene modifizierte Neuausrichtung der Fachstrategie Verkehrsunfallbekämpfung der Kreispolizeibehörde Heinsberg seien aber bereits positive Entwicklungen eingetreten. „Die Anzahl der Verkehrsunfälle mit Kindern befindet sich im Abwärtstrend”, so Michael Okuhn. Im Vergleich zum Vorjahr verzeichne die Unfallstatistik 2012 eine Senkung der Verunglücktenhäufigkeitszahl bei Kindern um 27,2 Prozent. Dazu hätte die Kombination von verschiedenen Maßnahmen, insbesondere durch das Ansprechen von Gefühlen, verbunden mit einer intensiven Öffentlichkeitsarbeit maßgeblich beigetragen.

Okuhn erinnerte in diesem Zusammenhang an die Aktion „Wir sind es leid”, die Crash-Kurse in den Schulen, aber auch an repressive Maßnahmen wie den Blitzmarathon. Okuhn: „Die Verzahnung von Prävention und Repression spielt eine wichtige Rolle.”

Polizeihauptkommissar Wolfgang Simon misst am Donnerstag die Geschwindigkeit der herannahenden Fahrzeuge. Sein Kollege, Verkehrssicherheitsberater Willi Jansen, winkt die nächste Fahrerin auf den Seitenstreifen und weist sie auf eine gefahrene Geschwindigkeit von 35 km/h hin. „Das sind fünf Kilometer zu viel, und dafür gibt es eine Zitrone”, sagt Jan. Auch er ist Schüler der 6 b unter Klassenlehrerin Margret Smeetz der Realschule Gangelt und wechselt sich bei dem Projekt mit seinen 27 Klassenkameradinnen und -kameraden beim Verteilen von Schokolade und Zitronen ab.

Viele Autofahrer werden angehalten, und der größte Teil bekommt ein Lob von den jungen Menschen sowie Michael Okuhn ausgesprochen. Der Rest darf eben mit Zitronen vorlieb nehmen. „Ein Ziel des Projektes ist es, dass die Autofahrer in den Kindern ein Gesicht zu sehen bekommen”, meldet sich René Stegemann zu Wort. Michael Okuhn bestätigt: „Kinder sind ein guter Botschafter, sie sprechen die Herzen der Menschen an.” René Stegemann hatte 2010 die Idee mit den „Weißen Kreuzen”, die seit 2011 an den Stellen im Kreis aufgestellt werden, wo junge Autofahrer zu Tode kommen.

In dem Projekt „Weiße Kreuze” arbeitet Stegemann eng mit der Polizei zusammen, und genau wie die Ordnungshüter möchte er die Menschen zum Langsamfahren ermuntern. „Ich unterstütze alle Aktionen, die dazu beitragen, Unfälle zu verhindern”, sagt er ohne Wenn und Aber. Stegemann und die Schüler verteilen „Wir sind es leid”-Postkarten. Der bekannte Flyer wurde neu gestaltet, ist jetzt als Postkarte verwendbar und zeigt zusätzlich die unterschiedlichen Bremswege bei drei verschiedenen Geschwindigkeiten auf.

Okuhn weist jeden angehaltenen Autofahrer auf diese Bremswege hin. Während ein Kind bei einer Geschwindigkeit von 50 km/h vom Auto erfasst werde, käme ein Pkw mit 30 Stundenkilometer oftmals noch vorher zum Stehen.

Das Verkehrsunfallprojekt wird quer durch den Kreis Heinsberg weitergeführt und schon bald heißt es an anderen Schulen: „Schokolade oder Zitrone”.
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