Erkelenz/Hückelhoven - Früher Sibirien, heute Luxweg in Hückelhoven

Früher Sibirien, heute Luxweg in Hückelhoven

Von: Norbert F. Schuldei
Letzte Aktualisierung:

Erkelenz/Hückelhoven. In der Millionenstadt Omsk in Sibirien fühlte sich Alexander Böttcher nicht als Russe. In Hückelhoven fühlt er sich noch nicht so richtig als Deutscher.

Alexander Böttcher ist Spätaussiedler. Einer von 1266 Menschen mit deutschen Wurzeln aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, die im Jahr 2007 nach Nordrhein-Westfalen gekommen sind und hier eine neue Heimat suchen.

Alexander Böttcher hat einen Stammbaum, an dem sich deutsche Geschichte ablesen lässt: „Mein Urgroßvater”, sagt der 35-Jährige, „lebte in Schlesien als das noch preußisch war. Von dort ist er kriegsbedingt in die Ukraine gezogen. Mein Großvater Helmut lebt heute in Paderborn und ist Deutscher wie mein Vater Reinhard, der mit einer Russin verheiratet ist. Ich selbst bin in Kasachstan geboren, in Omsk groß geworden und wohne jetzt in Hückelhoven am Luxweg.”

Alexander Böttcher ist Akademiker, er hat an der Universität in Omsk Geschichte studiert; seine Ehefrau ist Russin und hat an der Uni in der siebtgrößten Stadt Russlands Deutsch studiert. „Ich habe nach dem Studium für das Kulturamt in einem Kreis in der Nähe von Omsk gearbeitet”, sagt er.

In dieser Zeit habe er „wenig deutsches Gefühl gefühlt”. Aber seine deutschen Wurzeln konnte und wollte er auch dort nicht leugnen. Die Verbindung zu seinen Großeltern in Paderborn hat Alexander immer aufrecht erhalten: „In den Briefen haben die mich immer gefragt: Wann kommst du nach Deutschland?” Irgendwann hat er dann mit seiner Familie die Koffer gepackt und sich auf den Weg Richtung Westen gemacht. Wie alle Spätaussiedler kam er ins Lager Unna-Massen und wurde dort dem Kreis Heinsberg und hier der Stadt Hückelhoven zugeteilt. Dort fand er eine Wohnung am Luxweg.

So richtig Zuhause allerdings fühlt er sich in seiner neuen Heimat noch nicht. Zwar gibt es für ihn kaum Sprachprobleme, aber der kulturelle Sprung aus den ehemaligen GUS-Staaten in die materialistisch-kapitalistische Bundesrepublik war doch ein ziemlich heftiger.

Alexander Böttcher sucht jetzt die Nähe zu Gleichgesinnten, Menschen, die einen ähnlichen Lebenslauf wie erhaben. „Ich versuche, eine Initiativgruppe Heinsberg-Hückelhoven im Jugend- und Studentenring der Deutschen aus Russland aufzubauen”, sagt er. Ziel und Zweck der Gruppe im Kreis Heinsberg sei es, die Integration der Russlanddeutschen und anderer aus Osteuropa stammender Einwanderer zu unterstützen und sich gegenseitig zu helfen, sich in diesem Land zu integrieren.

„Wir versuchen das in erster Linie über Freizeit- und Gruppenaktivitäten.” So hat er bereits eine Kanuwanderung für Jugendliche und junge Erwachsene organisiert, eine Kletteraktion ist geplant. „Und wir haben gerade in Hückelhoven ein Weihnachts- und Silvesterfamilienfest gefeiert”, sagt Böttcher. „Viele Spätaussiedlerfamilien”, sagt er, „feiern auch die Jahreswende eher im isolierten Rahmen.”

Der Grund: Zum einen verfügen sie nur über spärliche Außenkontakte, zum anderen können viele Eltern ihren Kindern aus finanziellen Gründen nicht sonderlich viel bieten. Ein Problem, das viele Spätaussiedler - und auch Migranten aus anderen Ländern - berührt. „Wenn Hilfe nötig ist, bieten wir diesen Menschen eine Anlaufstation”, sagt Christian Ehlers. Er leitet die so genannte Integrationsagentur in Erkelenz an der Aachener Straße 15 der Migrationsfachdienste des Diakonischen Werkes im Kirchenkreis Jülich.

„In erster Linie”, sagt er, „sind wir Ansprechpartner, wenn es um Fragen der Bildung und Ausbildung geht”. Alexander Böttcher hat zwar in Sibirien an der Uni Geschichte studiert - mit seinem Diplom kann er hier in Deutschland wenig anfangen. „Sie müssen sich das so vorstellen: Da kommt eine ausgebildeter Mediziner hierher und man sagt ihm, dass er zwar nicht als Arzt, aber als Sprechstundenhilfe arbeiten kann.”

Christian Ehlers formuliert, möglicherweise ein wenig überspitzt, ein Dilemma, dem sich vor allen Dingen Spätaussiedler aus den ehemaligen GUS-Staaten gegenüber gestellt sehen, wenn sie nach Deutschland kommen. „Die Anerkennung von Zeugnissen nimmt einen breiten Raum unserer Arbeit in Anspruch”, so Ehlers. Die Sprache ist ein weiteres Problem. Eines, das sich allerdings schnell auswächst: Alexanders zehnjährige Tochter Else besucht jetzt in Hückelhoven das Gymnasium und für die einjährige Sophia-Katharina wird Deutsch ohnehin Muttersprache sein. Für die beiden wird Deutschland auch Vaterland werden.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert