Es türmen sich Berge von Geschichten

Von: Norbert F. Schuldei
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Hans Rolfs (li), der bereits ein Buch über einen Teilaspekt der Geschichte Hilfarths veröffentlicht hat, ist so etwas wie der Sprecher des Arbeitskreises, Heinz-Josef Everz vertritt ihn nach außen. Foto: N. Schuldei

Hückelhoven-Hilfarth. Das Problem ist: Die Jüngeren wollen nur wissen, wohin sie gehen. Die Älteren sagen: Wir können nur ein Ziel anstreben, wenn wir auch wissen, woher wir kommen; sie arbeiten die Vergangenheit auf. Das ist der Grund, warum sie Nachwuchssorgen haben.

„Als wir mit dem Arbeitskreis Geschichte Hilfarth im Korbmachermuseum starteten, da war die Euphorie groß”, sagt Hans Rolfs, der einer Initiatoren des Kreises war und heute so etwas wie ihr Sprecher ist. „Jetzt sind wir noch eine Handvoll Leute”, ergänzt Heinz-Josef Everz, der als Vorsitzender den Arbeitskreises nach außen hin darstellt. Treffpunkt für die, die noch mitmachen im Kreis, ist das im Mai vor sieben Jahren eröffnete Korbmachermuseum an der Nohlmannstraße.

Die Korbmacher haben viele Jahre die Geschichte Hilfarths ganz wesentlich gestaltet, die im Arbeitskreis spüren heute natürlich auch den Spuren nach, die sie hinterlassen haben. „Als das Museum eröffnet wurde, hatten die Hilfarther endlich eine Anlaufstelle”, erinnert Everz. „Körbeweise” seien sie mit historischen oder auch nur verbleichten Fotos eingedeckt worden.

Es gab also offenbar noch jede Menge unentdecktes oder nicht aufgearbeitetes Material, durch das mehr Licht in das Dunkel der Ortsgeschichte fallen könnte. „Wir waren ja mal fast richtige Franzosen”, sagen die beiden („selbstverständlich!”) gebürtigen Hilfarther: 1796 wurde die Ortschaft an der Rur von den Besatzungstruppen Napoleons als Gemeinde anerkannt: eine Mairie in Hilfarth. „Wir hatten aber nie vor, einen reinen Geschichtsverein zu gründen”, sagt Rolfs. Also haben sich die „Historiker” bei den Korbmachern eingebracht und sind ein Teil des Historischen Verein e.V. „Rurtal-Korbmacher” mit Sitz in Hilfarth geworden.

Und so ist das bis heute geblieben. Eines der ersten Projekte, die der Arbeitskreis angepackt und erfolgreich abgeschlossen hat, ist die Erstellung einer Liste der Gefallenen des ersten und des zweiten großen Krieges, die in Hilfarth geboren waren. „Das war eine Sisyphosarbeit”, sagt Rolfs, als er auf die beiden großen Holztafel an der Wand eines Raumes im Korbmachermuseum zeigt.

53 Zeilen umfasst die Namensliste der Toten aus dem damals rund 2000 Einwohner zählenden Örtchen, die der erste Krieg im 20. Jahrhundert gefordert hat. Die Opferzahlen des zweiten Weltkrieges haben Gerhard und Elsbeth Konert akribisch aufgearbeitet: Hundert Gefallene, 24 Vermisste, 29 Hilfarther verloren durch Bombenangriffe ihre Leben, und 13 junge Menschen wurden durch Minen getötet.

Hinter der nüchternen Zahl dreizehn verbergen sich, wie das so oft der Fall ist, tragische Schicksale: Noch kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges, als Deutschland schon von den Grenzen an der Etsch und dem Belt gewissermaßen auf das Land zwischen Rur und Wurm geschrumpft war, verlegte die Deutsche Wehrmacht auch an der Rur bei Hilfarth eine Vielzahl von Minen - in dem Wahn, damit den Vormarsch der alliierten Truppen aufhalten zu können.

„Diese Minen wurden bis 1948 immer wieder Hilfarther Kindern zum Verhängis, auch einige von meinen Schulkameraden sind so im Frieden noch Kriegsopfer geworden”, sagt Rolfs. Als sichtbares Zeichen des Mutes habe bei den Jungen im Dorf noch Monate nach Kriegsende das Tragen eines Minenzünders am Hosenbund gegolten: „Das war die Tapferkeitsmedaille bei den Hilfarther Jungs.”

Solche Geschichten, die den Menschen, die die Zeit damals miterlebt haben, heute noch präsent sind, sammeln die Mitarbeiter des Arbeitskreises und schreiben sie auf. „Sammeln, ordnen, chronologisch einsortieren und zusammenstellen - das ist unsere Aufgabe”, sagt Rolfs. Auch die beiden Tafeln sollen Bestandteil der „Chronik der Gemeinde Hilfarth” werden. Und die wollen die verbliebenen Mitarbeiter im Arbeitskreis in den nächsten Jahren zusammenpuzzlen.

Wenn man Rolfs („Ich bin mit Rurwasser getauft”) erzählen lässt, wird auch das eine Sisyphosarbeit; es türmen sich Berge von Geschichten und Vertällchen aus dem Ort an der Rur auf: Von der Franzosenzeit hinüber in das zwölf Jahre währende „Tausendjährige Reich” der braunen Gewaltherrschaft; von den erbitterten Kämpfen in der Endphase des Krieges um die Rurbrücke; von den Kanadiern, die die Brücke sprengen wollten und den Amerikanern, die das verhinderten; von denen, die mit dem Aschenkreuz auf der Stirn und den mit Körben pickepacke voll beladenen Wagen von Hilfarth aus nach ganz Deutschland auszogen, um ihre Waren zu verkaufen; bis hin zur ungeliebten kommunalen Neugliederung Anfang der 70-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als Hilfarth ein Ortsteil Hückelhovens wurde. Und bis heute geblieben ist.
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