Ein offenes Ohr für alte und kranke Menschen

Von: Rainer Herwartz
Letzte Aktualisierung:
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Heinsberg-Oberbruch. Nein, eine Seltenheit ist die kleine Frauengruppe nicht, zumindest nicht in einer ländlichen Region. Und doch sind es besondere Menschen. Jeden ersten Dienstag im Monat treffen sie sich im Dechant-Sauer-Haus an der Mittelstraße in Oberbruch.

Nach einer kleinen Meditation, die Gemeindereferentin Sabine Scheen vorbereitet, werden die Geburtstagskarten verteilt, die im nächsten Monat die katholischen Mitbürger ab 80 erreichen sollen, verbunden mit einem kleinen Hausbesuch. Der Besuchsdienst, dem sich die sieben Seniorinnen verschrieben haben, leistet jedoch weit mehr als einen bloßen Glückwunsch zum Wiegenfest.

Die 85-jährige Josefine Lennartz, eine der Mitbegründerinnen, die heute aus Altersgründen nicht mehr im Team der Frauen aktiv ist, erinnert sich noch an die 70er Jahre, als alles begann. Über die damals in Oberbruch ansässigen Nonnen und das Nähen für Bedürftige habe sich der Besuchsdienst entwickelt, sagt sie. Es sei ein Phänomen der dörflichen Gemeinschaft, Bedürftige zu kennen. „Zu Weihnachten wurden Präsente gebracht. Dann erfährt man so einiges”, weiß auch Gerta Bongartz.

Mittlerweile besuchen die engagierten Damen alle zwei Monate das Altenheim in Dremmen, das AWO-Seniorenheim, das St.-Josef-Stift in Heinsberg, das St.-Josef-Heim in Waldenrath, ein Seniorenheim in Lieck und das Haus Rohmen in Unterbruch. Das Krankenhaus in Heinsberg steht einmal im Monat auf dem Terminplan. Längst geht es nicht mehr nur um Bedürftige im klassischen Sinne.

„Wir gehen dann im Krankenhaus zur Anmeldung und erhalten dort eine Liste mit Patienten aus Oberbruch”, erklärt Christel Lenzen. „Wir besuchen sogar Neugeborene, aber die sind heutzutage nur so kurz auf der Entbindungsstation”, klingt sie ein wenig enttäuscht. „Ich habe kleine Söckchen gestrickt, die ich gar nicht loswerde”, schmunzelt sie. „Die Leute fragen oft überrascht, woher wissen sie, dass ich hier liege? Ich sage dann immer, aus der Zeitung.” Sie liebt ein kleines Späßchen, und das hat Erfolg. „Die meisten freuen sich, uns zu sehen. Man merkt schnell, ob man willkommen ist. Nur selten ist das nicht der Fall.”

Josefine Lennartz muss da auch ganz schön in der Vergangenheit kramen, um von einem solchen Erlebnis berichten zu können. Der mittlerweile verstorbenen Ilse Wölfer, einer Mitbegründerin des Besuchsdienstes, sei es einmal so ergangen. Sie sei eine sehr feinfühlige und sensible Frau gewesen. Als sie am Bett eines Sterbenden gesessen und aus Betroffenheit plötzlich angefangen habe zu weinen, hätten sich die Angehörigen aufgeregt und gesagt: „Wie kann man so jemanden nur zu einem Schwerstkranken schicken.”

Grundsätzlich, so sagt Gerta Bongartz, habe sich herausgestellt, dass es gerade für ältere Oberbrucher wichtig sei, dass auch derjenige, der sie besucht, aus Oberbruch stamme. Inge Bachmann kann davon ein Liedchen singen. „Ich bin gebürtig aus Dremmen, wohne zwar schon seit 40 Jahren in Oberbruch, trotzdem unterscheiden das die alten Oberbrucher”, ist sie amüsiert - um gleich gespielte Häme der übrigen Frauen über sich ergehen lassen zu müssen.

Natürlich darf man das mit der „Nationalität” nicht so ernst nehmen. Es geht vielmehr darum, dass gerade die älteren Oberbrucher gerne über die alten Zeiten in ihrem Ort plaudern oder etwas Neues daraus erfahren möchten. Und da ist ein Oberbrucher Gesprächspartner klar im Vorteil.

Leicht sind die Besuche bei den oft kranken und einsamen Menschen freilich nicht. „Eine Dame weint immer, wenn wir kommen”, erzählt Gerta Bongartz. „Wir nehmen sie dann gleich in die Arme und dann lacht sie auch schnell wieder.” Man greife schon einmal nur die Hand, wenn einer traurig sei, und streichele darüber, sagt Helga Meyer. „Das beruhigt die Menschen oft. Dann erzählen wir von früher im Ort und plötzlich blühen sie wieder auf.”

Nicht selten ein hartes Stück Arbeit. „Man ist schon fertig, wenn man nach Hause kommt”, meint Inge Bachmann, die mit Jahrgang 1946 die Jüngste im Bunde ist. Bärbel Windelen, Gemeindesozialarbeiterin beim Caritasverband für die Region Heinsberg, kann das nur bestätigen. Und dennoch: „Man ist zwar erschöpft, aber man ist auch zutiefst zufrieden. Es tut total gut für die Seele.”

Man müsse halt Menschen mögen und ohne Vorurteile an die Sache herangehen. „Wer keine Liebe hat für ältere Menschen, der kann es nicht machen”, sagt Helga Meyer. Wer sich jedoch den Frauen des Oberbrucher Besuchsdienst anschließen möchte, kann auf ihre Hilfe zählen. „Wenn jemand interessiert ist, wird er nicht einfach ins kalte Wasser geworfen”, zerstreut Bärbel Windelen etwaige Ängste. Durch das Caritas-Team und die Gemeindesozialarbeiterin werden zukünftige ehrenamtliche Besuchsdienstmitarbeiter in einem kleinen Kurs auf ihre neue Aufgabe vorbereitet.

Wer teilnehmen möchte, kann sich bei Inge Bachmann nach 19 Uhr unter Tel. 02452/63434 melden.
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