Ein „halbes Dorf” erfüllt Tabeas Wunsch

Von: Rainer Herwartz
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Beim Aussuchen der Möbel: (von links) Simone Goertz, Gerd Kunzemann, Tabea, Petra Kunzemann und Petra Wolters. Foto: Rainer Herwartz

Heinsberg-Kempen. Das, was sich im kleinen Örtchen Kempen in den letzten Wochen abgespielt hat, ist zweifellos nicht nur ein Akt der Nächstenliebe, sondern auch ein Beleg für den Zusammenhalt in einer dörflichen Gemeinschaft, von dem die Menschen in einer anonymen Großstadt wohl nur träumen können.

Ein wunderbares Beispiel schneller, uneigennütziger Hilfe in der Not.

Die fünfköpfige Familie Kunzemann traf es vor rund einem Jahr wie ein Blitz, als die Ärzte bei der zehnjährigen Tabea einen bösartigen Tumor im linken Oberschenkelknochen diagnostizierten. „Weil es ein aggressiver Krebs war, musste der linke Oberschenkel fast komplett amputiert werden”, erzählt Vater Gerd Kunzemann. „Tabea erhielt im März dieses Jahres eine Umkehrplastik. Das bedeutet, der Oberschenkel wird amputiert und der Unterschenkel samt Fuß wird umgekehrt angesetzt.”

Später, so der 43-Jährige, solle dann einmal aus dem Fuß das Kniegelenk entstehen, um dort eine Prothese anzubringen. Nach dem schweren Eingriff folgten für das kleine Mädchen belastende Wochen und Monate der Chemotherapie und der Krankenhausaufenthalte. Für die Familie sollte dies jedoch nicht der einzige Mühlenstein bleiben, den es zu schultern galt.

Weil die eigentlich lebensfrohen Kunzemanns mittlerweile auf fünf Personen angewachsen sind - neben dem 13-jährigen Bruder Tobias gibt es seit dreieinhalb Jahren auch noch Nesthäkchen Tom -, platzte das 1992 gekaufte Haus mit seinen 90 Quadratmetern aus allen Nähten. Deshalb hatten sie schon ein halbes Jahr vor Tabeas Erkrankung mit dem Um-, und Erweiterungsbau begonnen.

Was niemand ahnen konnte, die Wirtschaftskrise machte auch vor Gerd Kunzemanns Job nicht Halt. Der Vorarbeiter in einem Metallbetrieb war plötzlich von Kurzarbeit betroffen und arbeitet auch heute aufgrund der familiären Situation nur eine eingeschränkte Stundenzahl am Tag in der Firma. „Meine Frau Petra ist zudem 80 Prozent zur Betreuung bei Tabea im Krankenhaus und konnte daher keinen neuen Job antreten”, sagt Gerd Kunzemann. Weil das Geld fehlt, lebt die Familie nun schon seit eineinhalb Jahren in einem Provisorium, das zum Teil an einen bewohnten Rohbau erinnert.

„Tabeas Opa ist mit meinem Vater befreundet”, erklärt Simone Goertz quasi den Grundstein für den Beginn einer beispielhaften Hilfsaktion. Das Mädchen, das alle Torturen ihrer Erkrankung bislang tapfer ertrug und dabei sein Lachen nicht verlernte, hatte seinem Großvater nämlich von einem Wunsch erzählt.

Durch die körperliche Einschränkung war der Weg zum Kinderzimmer im ersten Stock für die Kleine recht beschwerlich geworden und daher sei ein eigenes Zimmer im Erdgeschoss ihr größter Traum. Als Goertz dies erfuhr, überlegte sie mit ihrer Cousine Steffi, was man tun könne. Schon bald stand für die beiden Frauen fest, dass sie sich mit ihrem Anliegen an die für ihre guten Beziehungen bekannte Petra Wolters wenden würden. Und dies geschah mit Erfolg.

„Kempen ist ein Ort, der ein sehr gut funktionierendes Vereinsleben hat”, sagt Petra Wolters. „Da ich selbst Vereinsmensch bin, habe ich gedacht, es müsse doch möglich sein, hier zu helfen.” Der erste Anruf der engagierten Kempenerin, die auch journalistisch für unsere Zeitung tätig ist, erreichte ihren Onkel, einen pensionierten Maurer. Und schon nach zwei Tagen ging´s mit den Arbeiten los. „Plötzlich kamen auch etliche Menschen auf mich zu und boten ihre Hilfe an”, erinnert sich Wolters.

Da wurde fünf Wochen lang beigemauert, alte Rollläden herausgerissen, kaputte Fliesen verschwanden ebenso wie Möbel, es wurde tapeziert und ein neuer Laminatboden verlegt. „Eine Dekorateurin näht gerade Gardinen, und wir haben Jalousien bestellt, um den Raum abdunkeln zu können. Jetzt kaufen wir noch das, was an Möbeln nötig ist”, erklärt Wolters.

Rund ein Dutzend fleißige Helfer seien beteiligt gewesen und ebenso viele Sponsoren, überwiegend Vereine. „Wir haben bei allen Firmen die Materialien billiger bekommen, wenn wir unsere Geschichte erzählt haben. Das Ganze war für mich eine schöne Erfahrung.” Dem kann Vater Gerd nur zustimmen: „Ich finde es super. Es gibt viele Leute, die nur reden und reden. Und dann gibt es welche, die handeln. Ich hatte das Gefühl, alle Menschen, die hier waren, haben es von Herzen getan.”

Auch die kleine Tabea ist begeistert von ihrem neuen Zimmer: „Die Tapeten und den Boden habe ich mir selbst ausgesucht”, sagt sie mit strahlenden Augen. „Jetzt bekomme ich noch ein neues Bett und einen Kleiderschrank.”

Bleibt am Ende noch etwas Geld übrig, so soll dies auf einem Konto bei der Raiffeisenbank Heinsberg unter dem Vermerk: „Kempen hilft...” für weitere Projekte eingesetzt werden.
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