Wassenberg-Birgelen - Dieter Ludwig: 30-mal als Sportreporter bei Olympia

Dieter Ludwig: 30-mal als Sportreporter bei Olympia

Von: Verena Müller
Letzte Aktualisierung:
Dieter Ludwig, ehemaliger Chef
Dieter Ludwig, ehemaliger Chefreporter des Sport-Informations-Dienstes (SID), in seinem Arbeitszimmer in Birgelen. Foto: vm

Wassenberg-Birgelen. Wenn Dieter Ludwig in seiner Gartenlaube mit all den Zinntellern und bunten Kissen sitzt und die großen Momente der Sportgeschichte durchgeht, die er miterlebt hat, dann sagt er gerne „1985, Wimbledon mit Boris Becker” oder „1976, die Olympischen Spiele mit Alwin Schockemöhle”.

Das „mit” klingt dann immer ein bisschen so, als hätte er mit den Sportlern den Schläger oder die Zügel gehalten, mit ihnen geschwitzt, gewonnen, gejubelt und gefeiert. Und so falsch ist das gar nicht.

Wenn heute die Olympischen Spiele beginnen, wird Dieter Ludwig auf seinem Sofa sitzen und vermutlich irgendwann wieder den Ton abstellen. Vor allem, wenn Reiten dran ist. „Was für ein Quatsch”, wird er sich dann sagen. „Ich brauche keinen Reitunterricht und schon gar nicht von jemandem, der gar nicht reiten kann.” Dann wird er sich irgendwann wieder an seinen Rechner setzen und die Meldungen raushauen, so wie er das immer macht - nur, dass die nicht mehr an seine Agentur, den Sport-Informations-Dienst (SID) gehen, wie früher, sondern auf seiner Homepage erscheinen. Niederschlag in zahllosen Medien finden seine Berichte trotzdem, das weiß der 75-Jährige. Das stört ihn nicht.

Dieter Ludwig hat von 15 Olympischen Sommerspielen und ebenso vielen Winterspielen berichtet. Meist war er mittendrin, nicht nur dabei. Alles begann mit einer ziemlich flapsigen Postkarte an Werner Schneider vom SID, später Erfinder der Torwand. Mit den Worten „Lieber Werner, ...” fing sie an. Er, Dieter Ludwig, würde sich sehr freuen, ihn, den „lieben Werner” demnächst in Garmisch-Partenkirchen mal persönlich kennen zu lernen.

Was für ein Fauxpas! „Beim SID haben die sich schlapp gelacht. Die knieten alle vor Werner Schneider nieder und ich duzte den”, erzählt Ludwig. Trotzdem klappte es. Der damals 26-Jährige, dessen Familie mütterlicherseits in Garmisch-Partenkirchen lebte, traf Werner Schneider bei der Vierschanzen-tournee. Kurze Zeit später durfte er beim SID, der damals weltweit größten und bedeutendsten Sportnachrichten-Agentur, volontieren. Sportjournalist wollte er schon immer werden, den Umweg über eine gescheiterte Leistungssportlerkarriere machte er - im Gegensatz zu manch anderem Sportjournalisten - nicht.

Da saß er nun in Düsseldorf, in einem kleinen Zimmer, mit großem Heimweh, aber noch größeren Zielen. Hoch hinaus wollte er, aber der Himmel war schon vergeben. Ski, Eishockey, Fußball - all das, was ihn selbst am meisten interessiert hätte, war schon besetzt. So kam er zum Judo, das hatte er während seiner Zeit beim Bundesgrenzschutz eine Weile gemacht. 1965 ging es gleich nach Moskau, Kiew und Leningrad, hier erwarb er sich seine ersten Meriten, brachte die Agentur über Judo in viele Zeitungen.

Seine ersten Olympischen Spiele waren die von 1964, in Innsbruck. Das waren auch seine liebsten. „Die waren mit Herz gemacht”, erzählt er, gleiches gälte für die von 1976 am gleichen Ort. „Da konnte man noch mit Franz Klammer mitlaufen und Rotwein trinken, da gab es noch keine Eskorte. Da war alles noch sehr menschlich”, sagt Ludwig. Die menschlichsten Spiele: Innsbruck also. Das Land, das die Spiele am besten organisierte: Russland. Die schönste Eröffnungsfeier: Los Angeles, als der Vorhang aufging und unzählige Pianisten auf Flügeln spielten.

Überhaupt, L.A.! „Da hab ich den ganzen Tag mit den Reitern am Pool gelegen”, erzählt Ludwig. Sein Vater war bei der reitenden Polizei, Ludwigs Frau Uta hat selbst lange Pferde ausgebildet. Als die Ludwigs noch in Willich wohnten, war sie Einstallerin beim ehemaligen Weltmeister im Springreiten, Norbert Koof. Seit 21 Jahren leben Dieter und Uta Ludwig in Birgelen, mit Hühnern, Hund, Kaninchen und Katzen.

„Für das Reiten”, erzählt Ludwig, „habe ich mich entschieden, weil ich mir gedacht habe: ,Mit den Reitern wird man alt. Reiten kann man lange, in anderen Sportarten geht das nicht. Und irgendwann sprichst du deren Sprache nicht mehr.”

Die Sprache beherrschte er wie kein anderer. Mit vielen Reitern ist er befreundet, Isabell Werth war auf seinem 75., Alwin Schockemöhle ist sein Trauzeuge. So teilt er privat und beruflich herausragende Momente mit Schockemöhle: die Trauung und den Sieg des Springreiters 1976 auf seinem Pferd Warwick Rex bei den Spielen in Montreal. Der bis dato als „Champion ohne Titel” firmierende Sportler beendete den Wettkampf ohne Fehlerpunkte gerade noch rechtzeitig, bevor ein schweres Gewitter aufzog. Es war ein grandioser Sieg, alle wollten feiern - aber es gab nichts zu trinken. „Das war nicht in Montreal selbst, sondern in Bromont. Da ist es ein bisschen wie im Selfkant. Alwins Bruder ist dann überall rumgefahren, hat jedes Hotel und jede Kneipe abgefahren und Alkohol gekauft.”

Ludwig schätzte Schockemöhle immer sehr, schätzte generell die Nähe zu den Sportlern. „Man muss schon ein bisschen aufpassen, wenn man einen zu gut kennt”, räumt Ludwig ein. „Dass man das Vertrauen nicht verletzt, aber gleichzeitig Journalist bleibt.” Wenn ihm einer gesagt habe, „das bleibt aber unter uns”, habe er sich dran gehalten - und sei immer gut damit gefahren. „Mir ist es wichtig, dass ich nicht lange übers Wetter reden muss, wenn ich irgendwo anrufe”, erzählt er. „Was ist? Was brauchste?”, diese Fragen seien ihm am liebsten.

Als er in seinem Beruf begann, wurden Ergebnisse noch von Telefonen an der Piste in die Redaktion telefoniert, dort getippt und als Telex in die Heimatredaktion geschickt. Diese verteilte die Nachrichten an alle Zeitungen. Innerhalb einer Stunde konnte eine Nachricht draußen sein. Parallel zum Fortschritt der Technik stiegen auch der Arbeitsdruck, der Hang zum Boulevardesken und der Aufwand bei den Kontrollen rund um Sportereignisse.

Alles Entwicklungen, die Ludwig nicht gefallen. „Der große Bruch kam 1972 mit den Spielen in München”, erzählt er. Als der „Schwarze September” acht israelische Geiseln nahm, war Ludwig zufällig im Olympischen Dorf. Er sah die Geiselnahme, war auch draußen in Fürstenfeldbruck. „Da wurde so viel gelogen, damals”, erzählt er. „Es hieß immer, den Geiseln ginge es gut, davon stimmte nichts.” Er hätte die Spiele abgebrochen, aber der IOC-Präsident Avery Brundage sagte damals: „The games must go on.” Sport, meint Ludwig, sei eigentlich nichts anderes als Ersatz für Krieg. Und manchmal ist der Krieg nicht allzu weit vom Sport entfernt.

Als Ludwig Mitte der 60er in den Sportjournalismus einstieg, wurden gerade die ersten Dopingkon-trollen eingeführt, unter anderem wegen des dopingbedingten Todes des dänischen Radsportlers Knud Enemark Jensen 1960. Ludwig steht der immer wiederkehrenden Doping-Debatte zwiegespalten gegenüber. „Rudi Altig hat mal gesagt, die Tour de France fahre man nicht ohne Doping.” Man solle es aber immer unter ärztlicher Aufsicht tun. „Dem Zuschauer ist es egal, ob gedopt wird oder nicht”, meint Ludwig. Nur die „Strolche”, die solle man aus dem Verkehr ziehen. Den Franzosen etwa, der letztens bei der Tour de France des Dopings und des Dopinghandels überführt wurde. „Wie blöd kann man denn sein?”, fragt Ludwig.

Bis 1995 war Ludwig Chefreporter des SID, danach arbeitete er als fester Freier weiter. 2002, nach Sydney, war Schluss. Fehlen würde ihm das nicht, sagt er. Schließlich halte er zu vielen Sportlern den Kontakt, fahre zu Turnieren und telefoniere. Und außerdem: „Derjenige, der zu Hause sitzt, bekommt viel mehr mit von den Spielen. Wenn du vor Ort bist, weißt du nur über den Sektor bescheid, über den du schreibst.” Dieses Jahr wird er also garantiert nichts verpassen.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert